Evita Peron - Vom Spatz zum Kondor
Evita, vergöttert im Leben, vergöttert im Tod. Eine Verführerin und eine mit klarer, rascher Logik begabte...

Dass Politik ein schmutziges Geschäft sei, ist abgedroschenste Wahrheit. Aber eben: Wahrheit. Und böse stimmige Brücken baut uns die Sprache: Begehren ist Lust, jemanden zu kriegen, ist also – Kriegslust. Cleopatra wurde begehrt, begehrte selbst, ging dabei im wahrsten Sinn des Wortes über Leichen. Sie selber war am Ende die schönste der Leichen – und sie fasziniert bis heute.
Selbst wenn man sämtliche erotomanen Übertreibungen streicht, es bleibt genug um zu schaudern: Im notgedrungenen Kampf um ihren Thron verführt Cleopatra zwei der mächtigsten Männer ihrer Zeit – Cäsar und Mark Anton –, macht sie ihren Gattinnen abspenstig. Und: Sie bringt beiden den Tod. Die für Rom skandalöse Verbindung mit der Ägypterin trägt zur Ermordung Cäsars bei, Mark Anton tötet sich nach seiner Niederlage in der Seeschlacht von Actium, zu der Cleopatra ihm geraten hatte.
Auch soll sie für die frühen Tode ihrer Brüder und Mitregenten Ptolomaios XIII. und XIV. mitverantwortlich sein, ebenso, wenn auch nur indirekt, für die Ermordung ihres und Cäsars Sohn Kaisarion – den Cäsars Adoptivsohn Oktavian ermorden ließ, um unangefochten zum weltbeherrschenden Imperator Augustus zu werden.
Komplizierte Verhältnisse, klare Interessen, strikte Vernichtungen. Noch mit 42 Jahren und als vierfache Mutter, so erzählt die zur fiebrigen Schreckensstory umkippende reale Geschichte, hat sie als Frau wie als Politikerin ihren Überwinder Oktavian so sehr beunruhigt, dass er aus Furcht, Cleopatra könne ihre bösen verführerischen Künste auch an ihm erproben, jede Begegnung mit der Geschlagenen mied. Schließlich ließ er sie ermorden – was ihm kurzfristig nutzte, aber doch nur ihr den endgültigen ewigen Ruhm sicherte.
Denn das von Oktavian ausgestreute Gerücht, die Königin habe Selbstmord mittels einer Kobra verübt, gilt heute als die große letzte Tat einer Frau, die damit ihre Würde wiedergewann. Nur in einem hat Cleopatra die Nachwelt enttäuscht: Ihre bisher bekannten drei Porträtbüsten tragen die wachen, aber scharfen Züge einer hakennasigen Frau, die nichts von jener blendenden Schönheit haben, über die doch sämtliche schriftlichen Quellen berichten.
Eine einzige mögliche Korrektur dieser Ernüchterung existiert jedoch: die knapp lebensgroße, seidig polierte Marmorstatue einer atemberaubend schönen und sinnlichen jungen Frau, lange Zeit berühmt als „Venus vom Esquilin“, dann aber als Cleopatra identifiziert. Genauer: als kaiserzeitliche Kopie einer vergoldeten Statue, die Cäsar nahe dem Forum Romanum aufstellen ließ.
Cleopatra: eine Schimäre, geschaffen teils aus Verleumdungen und überhitzten sexuellen Fantasien, teils aus bewundernden Rückblicken. Gemälde des 16. bis 19. Jahrhunderts bilden die Chronik eines widerspruchsvollen Leumundes. Es gibt in den Darstellungen die verschwitzte Mischung aus Prüderie und Lüsternheit, es gibt das Bild der hoheitsvoll Trauernden und der märtyrerhaft Anrührenden. Andere Abbildungen lassen sie als 'femme fatale' den Nil befahren, und auf zerwühlten Laken führt sie die Natter an den schwellenden Schneebusen. Michelangelo zeichnete sie als ebenso blendende wie rührende Renaissanceschönheit, deren Locken sich ringeln wie die Schlange, von der sie sich resigniert abwendet.
Zeigen harte, fast maskuline Züge die wahre Cleopatra oder sind es die lieblichen? Unzweifelhaft hat sich diese Frau mit allen Mitteln, die ihr zur Verfügung standen, in einem brutalen Machtkampf behauptet. Dass ihr dabei auch die Liebe Mittel zum Zweck wurde, liegt in der Natur der Sache. Und zur menschlichen Natur zählt wohl auch untrennbar, dass Lust und Macht irgendwann auseinanderklaffen müssen. Bei Shakespeare soll Antonius, der Held des Westens, den Osten der Welt beherrschen. Aber er liebt statt zu unterjochen. Weil dem Geschlecht verfallen, ist er (so sagen die Römer): „nicht mehr Mann/als diese Königin; noch Cleopatra/mehr Weib als er“.
In der Realität gefürchtet und vergöttert, im Schwelgen der Poeten zur erotischen wie mahnenden Gleichnisgestalt geworden – Cleopatra berührt, bedrängt, beunruhigt auch moderne Fantasien mit der immer möglichen Gleichzeitigkeit von Schönheit und Schrecken.