Claus Peymann: "Leben hört auf und fängt neu an."

Er ist einer der bedeutendsten deutschen Theaterdirektoren und Regisseure: Claus Peymann, 70, Intendant des Berliner Ensembles. Von Beginn seiner Laufbahn an ein leidenschaftlicher Provokateur, ein findiger Komödiant, ein hemmungsloser Selbstwerber. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, spielt Dichter aber lieber vom Blatt, als ihre Werke auf der Bühne zu zertrümmern. Ein Lebenskünstler – vielleicht ist er im Theater nicht mitten im Leben, aber voll in seinem Element. Hans-Dieter Schütt über den Theatermann und im Gespräch mit ihm.

Er ist, auch mit 70 noch, der Kindskopf des deutschen Schauspieltheaters, der werbewirksame Aufmischer, der in seinem Sandkasten mit Schäufelchen und Eimerchen die abgesteckte Erde zum Beben bringt. Nur: Rundum ist ungerührtes Berlin. Das große Problem des Claus Peymann. Er ist der herrische und kindische, der ehrverschwenderische und ehrgeizige, der stur linke und stur rechthaberische Theaterdirektor, der im Wesen immer auch so etwas wie ein idealer Boulevard-Zeitungsmacher blieb. Infernalisch gut gelaunt, wenn er Schlagzeilen hämmern kann.


Das freilich führt manchmal zur Selbstaufhebung der künstlerischen Kraftfelder. Ja, Peymann ist ein Künstler mit triebhafter Außenwirkung. Keiner verstand es je besser als er, öffentliche Aufregung in Vorfeldern von Theateraufführungen mitunter so zu organisieren, dass diese Erregung in künstlerische Ereignisse hineinwirkte – statt einzig aus ihnen selbst zu kommen.


Peymann, der Bremer, wohnt in Berlin-Köpenick. Nah am Wasser, nah am Wald, eine Villa aus den 20er-Jahren, mit einer großen barbusigen Karyatide am Eingang. Familiäre Wurzeln Peymanns liegen im kriegszeitlichen Bessere-Leute-Ambiente; Kleinunternehmertum kreuzte sich mit Lehrerschaft. Da wohl hat die Widersetzlichkeit des Regisseurs einen Anlass. Er wirkt noch immer wie der Bürgersohn, der Anarchist sein möchte – und der deutsche Urgrund rächt sich, indem er dem Abtrünnigen gern und fortdauernd Röte und Schweiß aufs Gesicht treibt: wie anstrengend es ist, Träumer sein zu wollen.


Ein Auf-Macher sozusagen. Ein Großraus-Bringer. Er will geliebt und zugleich gehasst werden.


Der 1937 Geborene hätte Afrikanist, Anglist, Germanist, Kunsthistoriker und Soziologe werden können. Aber Studienplan stand gegen Lebensplan, und Zweiterer versprach die größeren Abenteuer. So setzte Peymann in Frankfurt (Main) den frühen, die Bürger schreckenden Autor Peter Handke durch, gründete mit die Berliner Schaubühne am Halleschen Ufer, überwarf sich mit Kompagnon Peter Stein, eroberte Stuttgart, Bochum, brachte (eine wahre theatergeschichtliche Leistung) 16 von 20 Thomas-Bernhard-Stücken heraus. Überhaupt sein Verhältnis zu lebenden Dichtern. Libidinös! Handke und Turrini, Jelinek und Ransmayr, vor Jahren Heiner Müller und Thomas Brasch.



Seit Jahren auch George Tabori. Oder Franz Xaver Kroetz. Peymanns Liebe zu Autoren hat etwas Abgöttisches, und er antwortet so auf die Egomanie des Regietheaters. Vor Schauspielern scheint er sich – privat – eher zu fürchten. Hauptquelle seines künstlerischen Wohlgefühls bleiben jene, die schreiben. Die in einer für Gegenwartsdramatiker schwierigen Zeit also in großem Maße dankbar sind. Dichter sind das Elixier Peymannscher Selbstmächtigkeit, ihnen gegenüber ist er glücklicher Untertan, und in ihren Lobreden gelangt er zu bestformulierter Rühmlichkeit.


In 13 Jahren Wiener Burgtheater führte er „seine“ Schauspieler Voss, Dene, Kirchner, Schwab zu beständiger Größe, und den Wiener Burg-Adel ließ er polemisch verstauben. Ja, er ist eitel – aber er hat just in diesen Wiener Jahren nicht eine einzige Inszenierung außerhalb seiner Burg gemacht. Wie viele Regie führende Intendanten oder Schauspieldirektoren können das von sich sagen?


Seit 1999 ist er Chef des Berliner Ensembles. In alter Mission. Als Gründer, als Beleber, als Retter, als Erlöser. Hat das BE mit Wiener Erfolgen bestückt, hat erfolgreich Publikum angelockt, hat eine Taktik der großen Namen betrieben, hat Berliner Politik nach Kräften beschimpft.

Aber um das dunkle Unergründliche zu zeigen, hat sein Theater mitunter zu viele Scheinwerfer. Widersprüche einer Licht-Gestalt.


Er ist aufklärerisch und klar, auf vergrößerte Bewusstheit zielend, weniger aufs Geheimnis. Ist erregend in seinem Bekenntnis zum Guten, Wahren, Schönen.


Der Regisseur hat einen lange schon erwachsenen Sohn, und Peymann sagt von sich, er sei gewiss ein besserer Theaterdirektor als Vater gewesen. „Ich ließ meine damalige Ehefrau und ihn in Berlin allein und verschwand nach Stuttgart.“ Es war wohl ein Problem der Achtundsechziger: „Zu viele antiautoritäre Kindergärten und Schulen; wir haben keine Grenzen gesetzt. Wir haben zu wenig vermittelt, dass Erfolg und Erfüllung etwas mit Ausdauer und Disziplin zu tun haben, dass man sich quälen muss.“



Das Glück eines Lebens habe auch damit zu tun, inwieweit man sich durchsetzt, durchbeißt. Vom marktwirtschaftlichen System spricht er kritisch, aber: „Ich habe es nie grundsätzlich durchdenken müssen“, er bekam immer „die dickste Gage, aber gegen den Kapitalismus war ich trotzdem. Diese Grundverlogenheit hat mich daran gehindert, meine Träume aufzugeben.“ Claus Peymann ist stolz auf „sein“ BE. Als er es übernommen habe, sei es „ein von Glücksrittern leer gefressener Laden“ gewesen.


Wenn man ihm begegnet, schaut man in ein Gesicht, das hinter fast neurotischen Leidenschaftsbekundungen – gesetzt gegen Verhemmtheit – doch auch Ermüdung und Traurigkeit ahnen lässt. Wenn Augen groß werden, blicken sie meist nach innen; Peymann scheint den Illusionisten in sich nicht mehr ohne Erschrecken zu empfinden. Der Mann, der wohl nie mehr ohne eigenes Theater auskommen wird, der aber in seiner Besessenheit noch immer für eine zukunftsfähige Pointe hält, was doch vielleicht längst der eigene Abgesang ist?


Immer hat er sich gewünscht, eines Tages in seinem Garten zu arbeiten, wo er, wie er sagt, mit Füchsen lebt – und mit Wildschweinen. Wenn die nachts laut würden, gehe er mitunter hinaus und rufe: Ich bin der Peymann, der vom BE!, dann würden sie grunzen und weglaufen. Nein, er arbeitet nicht im Garten. Er kann es nicht. „Ich verliere hoffnungslos den Krieg gegen die heranwachsenden Farne.“ Weil sein Garten Eden das Theater ist, Paradies und Hölle zugleich. Dort immerhin ist er erfolgreicher als jene „alternative linke Gärtnerin“, die ein gewaltiges alternatives Konzept für den Garten entworfen hatte. „Sie kam dreimal, dann nie wieder.“


Dass mancher das Berliner Ensemble als Museum bezeichnet – dagegen hat er nichts. Mitunter könne auch ein Museum eine Vision sein, „ein mit Verzweiflung hochgehaltenes Fähnchen“. Fähnchen? Sieht so das Erbe der Achtundsechziger aus? „Bloß keine Grundsatzerklärungen!“ Das Erben, so Peymann, sei ohnehin etwas Schreckliches. Er plädiere zum Beispiel für die hundertprozentige Erbschaftssteuer, empfindet es als ungerecht, wenn „unbegabte Menschen Milli­onen erben“, nur weil sie in die entsprechende Familie hineingeboren wurden.


Und Ideen? Kann man die vererben? „Unsinn. Leben hört auf und fängt neu an.“


Mehr zum Thema Portraits von Prominenten

Evita Peron; (Copyright of image in the public domain)

Evita Peron - Vom Spatz zum Kondor

Evita, vergöttert im Leben, vergöttert im Tod. Eine Verführerin und eine mit klarer, rascher Logik begabte...

Liz Taylor als "Cleopatra"; Copyright: Impress/Hamburg

Cleopatra - Die Schlange am Schneebusen

Die Königin, die noch 2.000 Jahre nach ihrem Tod alle Welt als gekrönten, machtgierigen, durchtriebenen Vamp zu...

Zeitschrift: Mein Schönes Zuhause³ – Hier bestellbar.

Mein Schönes Zuhause³

Schöne Häuser, schöne Gärten, schöner Leben. Hatte Ihr Mann nicht versprochen, dass Sie es schön haben werden …?