Sinn für Werte

Biologische Naturdämmung aus Holzspänen, schadstoffgeprüfte Materialien, niedriger Energieverbrauch: Baufritz

Das Traumhaus der Deutschen soll umweltfreundlich sein. Schon ist die Industrie zur Stelle und bewirbt ihre Bau­pro­dukte mit den schlagkräftigen Begriffen „natürlich" oder „biologisch". Welche tragen das Prädikat zu Recht?

Herr Schneider, was gilt baubiologisch als wertvoll?

Winfried Schneider: Baubiologie ist die Leh­re von den ganzheitlichen Bezieh­un­gen zwischen den Menschen und ihrer Wohn­­um­welt. Als baubiologisch wertvoll gelten Bau­stoffe, Bauteile, Gebäude oder Sied­lun­gen, die weitgehend den 25 Grund­­regeln der Bau­biologie ent­sprechen.


Gibt es keine kurze Definition?

Winfried Schneider: Nachhaltigkeit bedeutet, Öko­logie und Ökonomie so in Einklang zu bringen, dass die Bedürfnisse heute lebender Menschen befriedigt werden, ohne die Be­dürfnisse künftiger Generationen zu gefährden. Nachhaltige Baustoffe sollten zu einer gesunden Wohnumwelt beitragen und eine gün­stige Ökobilanz aufweisen. Dies trifft be­sonders für nachwachsende und mineralische Materialien zu, solange sie möglichst na­türlich und unverfälscht bleiben, also frei sind von problematischen Klebern, Ober­flächenbehandlungs­mitteln, Flamm­schutz­mitteln, Holzschutz­mitteln ...


Wer mit Verstand und Verantwortung baut, kann nicht anders, als auf baubiologisch korrekte Materialien zurückzugreifen. Die Realität sieht anders aus. Warum?

Winfried Schneider: Die gleiche Frage könnte man zu unseren Lebensmitteln oder zu un­serer Kleidung stellen. Viele Menschen haben nie erfahren, wie schön, angenehm und ge­sund­heitsfördernd es ist, sich mit Na­tur­ma­terialien zu umgeben. Viele bemerken erst wenn sie krank geworden sind, welch ho­­hes Gut Gesundheit ist: „Gesundheit ist zwar nicht alles, aber ohne Gesundheit ist al­les nichts.“ Bis dahin geht billig vor gesund.


Rechtfertigt sich die Mehrinvestition in baubiologische Bau­materialien finanziell?

Winfried Schneider: Mittelfristig betrachtet, zahlen sich Qualität und die Förderung der Gesundheit auch finanziell aus. Ein Massiv­holzboden etwa hält 80 Jahre und länger, ein Laminat oft nicht einmal 10 Jahre.


Wie viel mehr kostet ein gesundes 125 Quad­ratmeter großes Einfa­mil­ien­haus?

Winfried Schneider: Konsequentes baubiologisches Bauen ist bei einfachem Standard, also einem preiswerten Einfamilienhaus mit Dielenböden, um cirka 5 Prozent, bei einer hochwertigen Villa mit Hartholz­parkett und Pool bis 15 Prozent teurer. Dafür erhält man ein ge­sund­heits­förderndes Wohnumfeld, Bauma­te­ri­ali­en mit langer Lebensdauer so­wie ge­rin­gere Folgekosten für Pflege und Be­heizung. Und man leistet einen wertvollen Bei­trag zum Umwelt­schutz.



Gemeinhin wird vermutet, dass natürliche Dämmstoffe nicht annähernd die Qualität von etwa Glaswolle haben. Wie erklären Sie sich derartige Vorurteile?

Winfried Schneider: Die haben mehrere Ur­sachen. Erstens: Der Marktanteil natürlicher Dämmstoffe beträgt insgesamt etwa 5 Pro­zent. Werbung im großen Stil lassen die ver­gleichsweise kleinen Um­sätze und Ge­winn­spannen der Natur­dämm­stoff-Her­stel­ler nicht zu. Zwei­tens: Die Vorteile natürlicher Bau­stoffe sind komplex und deshalb nicht mit wenigen Worten erklärbar. Viele Menschen sind leider nicht bereit, sich ausreichend zu informieren. Drittens: Natür­liche Dämmstof­fe gibt es in größerer Aus­wahl seit rund 20 Jahren. In den ersten Jah­r­en wurden sie von ambitionierten Tüftlern entwickelt, die neuen Produkte hielten noch nicht immer alle Qua­litätsversprechen. Mittlerweile besitzen zahlreiche natürliche Dämmstoffe sehr gute Ma­terial- und Verarbeitungs­ei­gen­schaften. Aber bis sich das herumgesprochen hat, dauert es wahrscheinlich noch Jahre.


Auf welche Voreingenommenheit stoßen Sie und wie widerlegen Sie diese?

Winfried Schneider: Naturbaustoffe werden nass, von Ungeziefer befallen – das sind nur einige Vorurteile. Wir können allerdings Tausende baubiologische Häuser zeigen, die seit Jahren und Jahrzehnten ohne Probleme ihren Bewohnern Freude machen. Beim Ein­bau natürlicher Materialien brauchen Planer wie Handwerker allerdings Know-how. Sie müssen einiges über Bauphysik, Material­ei­gen­schaften und Ausführungs­regeln wissen. Ohne diese Kenntnisse geht schnell mal was schief, was Bauschäden und die Bestätigung von Vorurteilen zur Folge hat. Fachleuten wie Laien empfehlen wir dringend, sich entsprechend weiterzubilden oder gleich erfahrene Fachleute hinzuzuziehen.


Tatsächlich umweltneutral wären baubiologische Baustoffe nur, wenn Produkte wie Hanf und Flachs letztlich nicht mit Schutt und Schotter auf der Halde landen.

Winfried Schneider: Einige Baustoff­her­stel­ler bieten eine Rücknahmegarantie ihrer Bau­stoffe an. Das Urteil, ob das bei einer Le­bensdauer ge­­rade von baubiologisch höherwertigeren Bau­­stoffen von 40 bis 100 Jahren sinnvoll ist, überlasse ich jedem Einzelnen, selbst zu be­werten. Wichtiger ist, dass sich die Baustoffe wiederverwenden oder zumindest recyceln oder problemlos thermisch verwerten lassen. Schwimmend verlegte Massivholzparkett­böden oder Wär­me­däm­mungen aus nachwachsenden Fasern wie Hanf oder Flachs können zu einem hohen Anteil ausgebaut und wiederverwendet werden. Eine Holzschalung, die ein Haus jahrzehntelang geschützt hat, lässt sich thermisch verwerten, vielleicht im eigenen Grund­ofen oder Kaminofen. Das macht meines Erachtens Sinn.


Im baubiologischen Baustoffhandel wird einem nicht selten nur das Produkt eines bestimmten Herstellers empfohlen. Warum?

Winfried Schneider: Man kann nicht ausschließen, dass ein Baustoff­händler zu­nächst den Hersteller empfiehlt, der ihm die größte Gewinnspanne verspricht. Nicht selten ist es aber auch so, dass nur ein be­stimmter Hersteller einen Baustoff ohne zwei­­fel­hafte Zusätze anbieten kann. Um sicherzugehen, sollte man sich bei unabhängigen Institutionen genau informieren.


Kann man, Stand heute, überhaupt ein baubiologisch korrektes Haus bauen?

Winfried Schneider: Im Großen und Gan­zen ja. Allerdings ist komplexes Know-how Voraussetzung. Und man darf bei dem heute erwarteten Komfort keine überzogenen An­for­derungen haben. Kleinere Kompro­misse sollte man akzeptieren.


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