Regionale Architektur heute – Überall Sylt?

Dieses Einfamilienhaus zeigt alpenländische Zitate.

Darf ein Friesenhaus nur in Norddeutschland stehen? Hat ein Toskanahaus am Nordrand des Ruhrgebiets nichts zu suchen? Fragen, die unter Architekturliebhabern durchaus kontrovers und mit offenem Ergebnis diskutiert werden. Dahinter steckt aber mehr als nur der Wunsch nach Sortenreinheit.

Steil ist der Giebel. Die Backsteinfassade stellt sich trutzig in den Wind. So sehen Wohnhäuser an der Küste aus. Sie prägen Orte auf Sylt und auf Amrum, Dörfer in Nordfriesland und Warften auf den Halligen. Und sie sind ein Verkaufsschlager von Massivhaus-Bauer Roth – nicht etwa in Hamburg, sondern in Berlin. Ihr Chef Enrico Roth: „Besonders, seit wir unser Friesenhaus nicht mehr nur mit einer Putzfassade vorstellen, sondern statt dessen Klinker einsetzen, sind unsere Kunden in und um die Hauptstadt ziemlich begeistert. Die Verkaufskurve dieses besonderen Entwurfs hat seither noch einmal spürbar angezogen.“


Regionale Architektur beschränkt sich schon lange nicht mehr auf die Region. Sie hat die Grenzen gesprengt. Amerikanische Südstaatenhäuser entstehen in deutschen Landen, bayrisch anmutende Holzhausarchitektur mit mächtigen Balkons werden in den Tälern des Sauerlands aufgestellt, italienisch anmutende Villen in Terracotta-Farben und Säulen getragenen Eingängen werden in Ost und West errichtet. Toskana ist überall. Aber ist das auch gut?


Die Architektin Franca Wacker, die im Unternehmen Schwörer-Haus für die Gestaltung der Fertighäuser verantwortlich zeichnet, hat soeben im Bauzentrum Poing bei München ein neues Musterhaus fertig gestellt, das sich deutlicher Zitate bayrischer Baukultur bedient: Über einem Feldsteinsockel, hinter dem sich das Erdgeschoss ausdehnt, erhebt sich ein Obergeschoss hinter einer Holzfassade. Franca Wacker: „Das Haus passt hierher. Daran war mir gelegen.“


Aber was, wenn nun ein Kunde aus Flensburg eben dieses Haus für ein Grundstück an der dänischen Grenze erwirbt? „Das kann ich natürlich nicht ändern“, sagt sie. Aber: „Ich selbst würde ein solches Haus ganz sicher nicht an der dänischen Grenze errichten. Denn ich denke, dass es für Architektur von erheblicher Bedeutung ist, dass sich ein Entwurf sensibel mit der Umgebung auseinandersetzt.“ Toskana sei schließlich nicht überall.


Dass die gebaute Praxis eine andere ist, erfährt Franca Wacker an ihrem Arbeitsplatz allerdings täglich. „Unsere Kunden kommen oft mit idealisierten

Ideen zu uns. Sie bringen Anregungen aus dem Urlaub mit und wollen etwas schaffen, das sie als angenehm empfunden haben.“ Ist damit dann bereits die Entscheidung getroffen? „Nein, nein. Zunächst nicht. Natürlich sehe ich es als meine Verpflichtung an, meine architektonische Auffassung

anzusprechen. Wenn aber dann der Bauherr bei seiner Meinung bleibt, setze ich seine Vorstellungen natürlich so gut wie eben möglich um. Schließlich muss er damit leben – und nicht ich.“


Dass eine solche Entscheidung einen kuriosen Kern besitzt, lässt sich den Websites von Roth Massivhaus entnehmen. Dort wird das Friesenhaus

145 mit folgenden Worten kommentiert: „Willkommen auf Sylt.“ Und das am Ufer der Spree ... Aber ganz offenbar schafft sich so jeder seine

emotionale Insel. Gewisse architektonische Attitüden gelten weit verbreitet als gestaltetes Wohlgefühl. Das wusste schon der Bayernkönig Ludwig II., als er feststellte: „Wenn ich schon baue, muss es etwas Besonderes sein.“


Allerdings war seine Schatulle für derartige Dinge praller gefüllt als beim typischen Bauherrn von heute. Seine Schlossphantasien begeistern romantische Seelen bis heute. Nachgebaut werden sie (zum Glück?) nur in den seltensten Fällen. Immerhin sind seine Bauten für Anleihen gut. Das zeigt die Beliebtheitsskala, auf der Türmchen und Säulen einen Spitzenplatz einnehmen.


Aber eben auch der spitze Friesenhausgiebel mit seinen weißen Applikationen erfüllt da seinen Zweck, genau so wie die Bögen einer terracotta-farbenen Toskanavilla – egal, wo sie nun stehen. Dabei ist zu beobachten, dass die bevorzugten Formen auch modischen Wellenbewegungen unterworfen sind. Gegenwärtig schwimmt so mancher Hausbauer auf der schnörkellosen Bauhaus-Welle – ein Trend, der vor einigen Jahren kaum denkbar war.



Wobei zu sagen ist, dass die Gestaltung im Sinne der Dessauer Architekten auf Region keine Rücksicht nimmt. Sie wollten international gestalten. Insofern passt sie überall – irgendwie. Damit eröffnet sich hier ein weiteres Diskussionsfeld. Sind regionale Attribute Zeugnisse der Vergangenheit?


Es gibt Architekten, die diese Ansicht vertreten. Einer von ihnen ist der wortgewaltige Schweizer Architekt Benedikt Loderer. Er verortet die Region im „Gemütsnebel“ und spricht in diesem Zusammenhang von „Lederhosenarchitektur“, die sich auf ein Formenvokabular stütze, das Lösungen im und am Haus für längst vergangene Probleme anbiete. Loderer, der darauf verweist, das sich regionale Architektur zumeist auf die Formensprache

der Bauernhäuser beruft, wörtlich: „Bauernhäuser waren ein Arbeitsgerät, das der Funktionalität einer mit Muskelkraft betriebenen Bewirtschaftung folgte.“


Übersetzt heißt das: Die Maße und Ausmaße eines solchen Gebäudes mussten beherrschbar sein, wenn man mit Pferd und Wagen, mit Heugabel und Dreschflegel hantierte. Das hatte erhebliche Konsequenzen – selbst auf die Gebäudehülle. So durfte ein Heuboden nicht höher sein, als man vom Leiterwagen aus die trockenen Ballen emporreichen konnte. Oder anders: Mit siloartigen Einrichtungen ließ sich damals wenig anfangen.


Loderer hat Recht, wenn er sagt, dass diese Parameter heute nicht mehr maßgeblich sind. Technik und Baumaterial ermöglichen ganz andere Lösungen. Doch bleiben die ursprünglichen Fähigkeiten des Menschen ja erhalten. Nur, weil man Lasten per Kran meterhoch hinauf befördern kann, wachsen einem ja nicht längere Arme und steigt nicht die Muskelkraft, um höher werfen zu können. Die Gefühlslage, die sich am eigenen Vermögen misst, bleibt also bei allem technologischem Fortschritt erhalten wie eh und je: Deshalb „versteht“ man ein Haus, das seinen Fähigkeiten angemessen ist.


Folgt man dieser Logik, ist man schnell wieder bei regionalen Architekturvarianten. Denn sie sind in diesem Sinne einst entstanden. Was nun nicht heißt, dass jeder Neubau im Sauerland von schwarz-weißem Fachwerk geprägt sein sollte, jedes frische Einfamilienhaus in Bayern umlaufende Balkons mit Blumenbänken voller Geranien und jede Villa im Norden ein Reetdach tragen muss.



Ingrid Gottschalk, eine von drei fest angestellten Architekten bei der Haas Fertigbau, hat dazu eine dezidierte Meinung: „Die Entscheidung für den Baustil sollte man jeweils von der lokalen Umgebung abhängig machen. Es geht hier ja nicht um die Schaffung von einzelnen Häusern, sondern um Ensembles, die ihre Wirkung haben.“ Anders und lax ausgedrückt heißt das: Das Haus muss in die Landschaft passen, in der es steht.


Es gibt Gemeinden, die legen besonderen Wert auf diese Überlegung. Dazu noch einmal Ingrid Gottschalk: „Aber sie schießen dabei gelegentlich übers Ziel hinaus. Dann muss jedes Haus exakt die gleiche Dachneigung haben. Das gilt oft auch für die Traufenhöhe, die Fassade und die Baulinie. Am Ende sieht es öde aus.“ Andererseits, so die 52-Jährige, gibt es Baugebiete, die offensichtlich frei von jeder Beschränkung sind. Ingrid Gottschalk: „Dass dies nicht die Lösung ist, sieht man auf den ersten Blick. Denn nicht selten ist das Gestaltungschaos perfekt – bisweilen bis an die Grenze des Erträglichen.“


Was also ist die Lösung? „Als Architekt sollte man darauf achten, dass das Haus stilistisch Rücksicht auf seine Umgebung nimmt. Für den richtigen Weg gibt es allerdings kein Patentrezept.“ Das soll nicht heißen, dass ein Haus im Erzgebirge auch stets erzgebirgisch aussehen muss. Beziehung zur Umgebung kann auch heißen, dass man auf die Architektur der Nachbarschaft eingehen sollte. Immerhin kann eine Reetdachhaube, die von Pultdächern umgeben ist, eher deplaziert wirken. Ingrid Gottschalk: „Es ist ja das Ensemble, das wirkt.“


Es kommt aber nicht allein auf die örtlichen Richtlinien an, um angemessen zu planen. Seit jeder Baustoff überall verfügbar ist, ist eine professionelle Begleitung eines Bauvorhabens wichtiger denn je – schon, weil man sich nicht von allzu modischen Tendenzen verführen lassen sollte. Kurzlebige Trends erweisen sich schnell als fatale Fehlentscheidung, wenn man sie nach ein paar Jahren leid wird. Es gibt also gute Gründe, sich professionell beraten zu lassen, will man einigermaßen sicher vor Einflüsterungen sein.


Wie weit die gehen können, lässt sich bisweilen in ganzen Regionen beobachten, wo sich der Geschmack des örtlichen Baustoffhändlers als landschaftsbildend herausstellt. Mag der Haustüren mit Milchglas-Füllungen, trifft man verstärkt auf ebensolche Modelle. Liebt er blau glasierte Dachziegel, findet man diese Dachbedeckung in spürbar erhöhter Konzentration.


Die Frage, ob diese Produktauswahl nun auch jeweils in die Umgebung passt, für die sie bestimmt ist, spielte beim Verkaufsgespräch vermutlich keine Rolle. Im günstigsten Fall entsprechen Häuser übrigens sowohl dem Stil ihrer Umgebung als auch dem Charakter der Landschaft. Es gibt genügend Beispiele, die belegen, dass dies nicht zwangsläufig zum Retrostil führt.


Ein in diesem Sinne besonders interessantes Projekt ist vor Jahren in Dänemark entstanden: eine Feriensiedlung namens Oer Maritime Ferieby in der Nähe von Ebeltoft. An einem künstlichen Kanalsystem wurden dort vor Jahren 300 Ferienwohnungen errichtet, die gleichermaßen modern und dänisch wirken.


Der federführende Architekt stellte damals in seinem Büro in Århus kurz und bündig fest: „Ich wollte einfach, dass es passt.“ Das tut es bis heute ...


Michael Schweer

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