Raum und Stil

Blickachsen – ein wesentliches Qualitätskriterium guter Raum­strukturen, findet Gerd Kallentin. Hier der Blick vom Kamin in Richtung Eingangsbereich

Es gibt keine „schlechten“ Bau­­grund­stücke, sagt Gerd Kallentin. Aber schlecht geplante Häuser gibt es. Der 47-jährige Architekt aus Erkelenz hat in 21 Berufs­jahren mehr als 2.000 ambitionierte Einfami­lien­häuser im Rhein­land geplant und errichtet. Er erklärt, wie sich das Gefühl für Raum und Stil mit den Regeln des Schönen zu Architektur verbinden lässt.

/Ein mit der Terrasse zur Sonnenseite, nach SüdenSüdwes­­ten orientiertes Grundstück gilt in unseren Breiten als ideal.


Gerd Kallentin: Klar. Aber in sieben von zehn Fällen ist das nicht so. Es gibt nun mal Grundstücke, deren Schokoladenseite nach Osten oder Westen weist. Das spielt keine Rolle: Die Himmels­rich­tung ist sowieso nicht das allein selig Machende.


Sondern?


Gerd Kallentin: Viel wichtiger ist die Um­gebung, der schöne Blick aus dem künftigen Haus. Wie viel Platz ist rundhe­rum? Was sehe ich aus den in der Regel bo­den­tie­­fen Fenstertüren zum Garten? Wo sind Frei­sitze denkbar? Nicht nur einer, besser zwei oder drei: einen für die Morgensonne und einen für den Feierabend. Und möglichst ge­­schützt vor Wind und Wetter. Erst wenn das geklärt ist, kann man anfangen, ernsthaft über das Haus nachzudenken.


Womit fangen Sie an?


Gerd Kallentin: Mit der Hauptkommuni­ka­­ti­ons­­­zone, dem zentralen Raum im Erd­­ge­schoss. Der sich heute weniger durch Wän­de als durch die Nutzung in drei Zonen gliedert: Kochen und Es­sen, dann ein „öffentlicher“ Bereich für die ganze Familie und ihre Gäste und drittens die eher intime Zone für die Abende.


Wie groß ist schön?


*Gilt für diesen neuen Livingroom die simple Regel: je größer, de­s­to besser? Wann führt der Wunsch nach Aufhebung alter Be­engt­heiten und nach dem Erlebnis großzügiger Offenheit in die Fal­le ungemütlicher XXL-Formate?


Gerd Kallentin: Aller Erfahrung nach sind 60 bis 70 Quadratmeter für diesen zentralen Raum nicht zu viel. Auf 100 Quadratmetern fühlt man sich auch bei gediegenster Ein­richtung schnell verloren.



Sie geben mit der Architektur dieses Raums dessen Aufteilung vor?


Gerd Kallentin: Umgekehrt – die Nutzungs­vor­stellungen der Bau­herren diktieren die Ar­chitekturidee. Ich beginne immer bei der Küche: Wer kocht wann für wen? Wer isst dann wo mit wem? Jeden Morgen? Und abends? Wie läuft es sonntags? Vergessen wir nicht den Lauf des Jahres: Ein Som­mer­­morgen-Frühstück auf der Terrasse verläuft na­turgemäß anders als ein Fami­lien­früh­stück im Winter.


Küche zuerst?


Wozu wollen Sie das alles wissen?


Gerd Kallentin: Mit der Küche ist ein Fix­punkt gesetzt. Von hier aus lassen sich erste Bewegungs- und Blickachsen für diesen wichtigen Raum festlegen. Mit der An­ord­nung der Fenstertüren zum Garten hin hängt die Ausbildung der weiteren Nutzungs­be­rei­che zusammen: Wo ist der ideale Platz für ein re­prä­sentatives Sofa? Wieder die Frage nach dem Drinnen und Draußen:?Welche Ausbli­cke habe ich von diesem Sofa aus? Zur Kü­che, zum großen Esstisch mit den vielen Stüh­­len, raus bis ans Ende des Gartens – und an Winter­abenden zum flackernden Ka­min­feuer?


Wir nehmen uns in dieser Phase viel Zeit für die Erkundung der zu er­wartenden Le­bens­abläufe in diesem Haus. Wie wichtig ist die große Runde mit vielen Gästen? Wie läuft sie ab??Wie oft kommt sie vor? Gibt es eine be­rufsbedingt besonders intensive Nutzung be­­stimmter Funktionen an den Wochen­enden, die zu berücksichtigen wären? Das sind ex­trem wichtige Vorarbeiten, damit sich das Haus in den Dienst seiner Bewohner stellt: Man muss sich ge­danklich auf jeden vorgesehenen Platz setzen, dessen Kommunika­tions­potenzial checken und die Wir­kun­gen für den Familienalltag prognostizieren: Wenn jeder von seinen Tagespflichten auf Trab gehalten wird, muss eine Ge­le­gen­heit gegeben sein, wenigstens das Wochenende ge­mein­sam zu erleben. Da kann man als Ar­chitekt gar nichts falsch machen: Am Ende weiß man auch, wo der Eingang hingehört.


Zur Straßenseite?


Gerd Kallentin: … Aber an welcher Stelle des Hauses? Das wissen Sie erst, wenn die zentrale Achse des Hauses feststeht. Die Ein­gangs­situation wird oft unterschätzt. Sie be­stimmt aber, welcher Eindruck vom Stil und von der Qualität des Hauses sich beim Be­tre­ten vermittelt.



Je höher, desto schicker?


Hängt der Eindruck von der Klasse eines Hauses nicht auch von der Raumhöhe ab? Die überkommenen Bauträger-Höhen von knapp 2,50 Meter folgen der Logik, möglichst viele Wohnetagen auf möglichst kleiner Grundfläche unterzubringen – das ist ja wohl das Gegenteil ambitionierter Einfa­mi­lienhausarchitektur.


Gerd Kallentin: So streitlustig würde ich das schon wegen immer noch gültiger baurechtlicher Vorgaben nicht formulieren. Wenn die örtlichen Bauvorschriften zum Beispiel entsprechende Traufhöhen zulassen, ist we­gen der Proportionen für die angesprochenen gro­ßen Räume eine lichte Höhe von 3 Me­tern angemessen. Konsequenterweise folgen in unseren Pla­nungen auch die Maße der Fenster und Tü­ren den neuen Raum­höhen: 2,13 Meter statt der üb­lichen 2,01 Meter als Türhöhe wirkten hier einfach besser. Bodentiefe Fenster mit Rollläden sind heute 2,26 bis 2,50 Meter hoch.


Große Glas- und Fensterflächen machen ein Einfamilienhaus un­be­stritten zum Erlebnis. Könnte man wenigstens hier sagen: Viel hilft viel?


Gerd Kallentin: Nein. Ein extremes Glashaus hat extreme Ener­gie­probleme: Mal heizt es sich durch die Sonne unerträglich auf, dann wie­der muss man aufwändig zufeuern. Ge­rade an diesem Punk geht es ums Gefühl für das richtige Maß, für die richtige Stelle – und für gute Proportionen. Bau­rechtlich sind 1/8 bis 1/10 der Grundflächen für Glas vorge­sehen. Das sagt erst einmal nur, dass ein Wohn­haus sinnvollerweise mehr geschlossene Außenwände als Glasflächen hat, folgt aber sowohl energetischen Notwendigkeiten als auch dem uns allen innewohnenden Urin­s­tinkt nach der Geborgenheit der schützenden Höhle.

Harmonie durch Symmetrie?


Sie berufen sich auffallend oft auf das ge­bieterische Gesetz der Proportion. Gibt es das wirklich?


Gerd Kallentin: Selbstverständlich. Wie in der Physik die Goldene Re­gel der Mechanik existiert in der Architektur der Goldene Schnitt. Wenn Sie so wollen, eine der wenigen wis­senschaftlich exakten Vor­gaben für guten Geschmack. Damit lässt sich zum Bei­­spiel das im Sinne der Wirkung auf den Be­­trachter „stimmige“ Verhältnis zwischen Brei­te und Höhe finden.



Entsteht diese „stimmige“ Wirkung nicht in erster Linie durch Symmetrie?


Gerd Kallentin: Das Auge sucht die Har­mo­nie. Das kann auch auf dem einfachsten und direkten Weg durch Symmetrie erreicht werden. Muss aber nicht.


An Ihren Entwürfen fällt das gekonnte Spie­len mit dem Nicht-Rechtwinkligen, oft auch mit runden Formen auf.


Gerd Kallentin: Es fasziniert mich immer wie­der, welch überraschende Spannung eine überlegt platzierte Rundung in die naturge­mäße Geradlinigkeit eines Hauses bringen kann. Die Treppe bietet sich dafür geradezu an. Sie ist ein exklusives Architek­tur­ele­ment. In den meisten Häusern nur ein einziges Mal einsetzbar, so sollte man diesen Solitär auch behandeln. Das betrifft nicht nur die Plat­zie­rung, sondern auch die Wahl der Form und des Materials der Treppe. Die konventionelle Massivholztreppe finden Sie in den von mir geplanten Häusern kaum noch.


Nicht wenige Ihrer Pläne setzen auch außen auf Rundungen.


Gerd Kallentin: Das Viereckige als Grund­form ist vom Zuschnitt der Grundstücke wie von der klassischen Erwartung der Bau­herren in Ordnung. Als alleiniges Stilmittel aber auch schnell ausgereizt, langweilig. Es ist ja nicht neu, dass man seinen Stil durch einen ge­konnt gesetzten Stilbruch nicht zerstört, sondern betont. So geht mir das mit den Run­­dungen in der Welt des Eckigen. Ich freue mich sehr, dass Viertelkreise für die Gestaltung der Terrassen unserer Häuser in den letzten Jahren immer beliebter werden. Das bringt nicht nur optisch eine gewisse Exklusivität, sondern erweitert auch die Nutzungsmöglichkeit des Sonnenlaufs für das Hausinnere.


Entwerfen Sie eigentlich auch ganz normale Einfamilienhäuser?


Gerd Kallentin: Wenn Sie damit austauschbar beliebige Einheitsarchi­tek­tur meinen – da bin ich nicht der Richtige. Meine Kun­den sind Bauherren mit Ansprüchen, Ambitionen und tollen ei­genen kreativen Ansätzen. Und auch bereit zu den notwendigen finanziellen Aufwänden.



Was kostet bei Ihnen ein schlüsselfertiges Ein­familienhaus?


Gerd Kallentin: Im Schnitt 280.000 Euro. Reine Baukosten, also Ne­benkosten für An­schlüsse, Genehmigungen und Gebühren sind nicht dabei. Die Aufwendungen für den Grundstückserwerb auch nicht.


Wie groß sind die von Ihnen geplanten Häuser?


Gerd Kallentin: Ab 150 bis 300 Qua­dratme­­ter Wohnfläche, in neun von zehn Fällen mit Kel­ler und Garage.


Landhaus passé?


Das Rheinland, wo Sie die Mehrzahl Ihrer Häu­­ser bauen, gilt als klas­sische Domäne konventioneller Landhäuser. Sind Krüp­pel­walm­dach, Sprossenfenster, Klinkerfassade Architekturschnee von ges­tern?


Gerd Kallentin: Für die meisten meiner Kun­­­­den schon. Die anspruchsvollere Klientel sucht ein zeitgemäßes Haus in der Vorstadt. Ein we­nig ex­­klu­siv, modern, aber von gediegener Wert­be­stän­digkeit. Weniger sollten Sie nicht verlangen. Jedenfalls nicht von mir.


www.gk-architektur.de


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