Wettbewerb „Das Landhaus – Villen, Sommerhäuser, Refugien“
„Das Landhaus – Villen, Sommerhäuser, Refugien“ lautete das in diesem Jahr das Thema des hochkarätig besetzten...

„Mir gefallen keine rechten Winkel und gerade, von Menschenhand geschaffene Linien. Mich sprechen fließende, sinnliche Kurven an, Kurven, wie die der Hügel meines Landes, der Windungen seiner Flüsse, der Wellen des Ozeans oder des Körpers einer geliebten Frau.“ Oscar Niemeyer
Die bekanntesten Architekten der Welt sind für ihre öffentlichen Einzelbauten, manchmal wegen ihrer Städtebauprojekte ins Gedächtnis gelangt. Unter den führenden Baumeistern des 20. Jahrhunderts widmete sich nur der US-amerikanische Architekt Frank Lloyd Wright, dessen 140. Geburtstag im Frühsommer ansteht, vorrangig dem Bau von Wohnhäusern.
Kein Wunder, dass eine weitere Architektenlegende des 20. Jahrhunderts, der gebürtige Brasilianer (mit deutschen, arabischen und portugiesischen Vorfahren) Oscar Niemeyer, weiter aktiv und damit gewiss „der älteste aktive Architekt (ist), den es je gab“ (Süddeutsche Zeitung), ebenfalls in erster Linie für Prestigebauten bekannt wurde: das UNO-Hauptquartier in New York, mehrere Regierungsgebäude in der damals neu entstehenden brasilianischen Bundeshauptstadt Brasilia, in späteren Jahren das Hauptquartier der französischen Kommunisten in Paris oder das radikal sinnliche, kurvenreiche Kunstmuseum in Niteróy, in der Bucht von Rio de Janeiro, das Niemeyer mit über achtzig entwarf.
Verwurzelter Globetrotter
Umso interesssanter und verdienstvoller, dass der Münchner Verlag DVA in deutscher Lizenzausgabe in einem üppigen, gediegenen Bildband erstmals einem deutschsprachigen Publikum Privathäuser vom Reißbrett des preisgekrönten Oscars aus Südamerika vorstellt: „Oscar Niemeyer – Häuser“ versammelt vor dem 100. Geburtstag des Meisters, der vor wenigen Monaten übrigens zum zweiten Mal heiratete (seine 38 Jahre jüngere, langjährige Sekretärin Vera Lucia), Häuser und Villen für private Bauherren, die vorwiegend in Brasilien, Frankreich und den USA entstanden.
Die manchmal von Niemeyer-Skizzen begleiteten Fotos stammen von Architekturfotograf Alan Weintraub, der höchst informative Text vom Architekten und Architekturkritiker Alan Hess aus Kalifornien, ein Duo, das in diesen Wochen, ebenfalls bei DVA, einen ähnlich aufgebauten Band zu den Häusern Frank Lloyd Wrights präsentiert. Niemeyers Privathäuser bezeugen seine Vielseitigkeit ebenso wie den Umstand, dass, obwohl sein Tätigkeitsgebiet von Norwegen bis zum Mittleren Osten und von Südamerika bis Kalifornien reichte, er immer Brasilianer, genauer, Bewohner der attraktiven Küstenstadt Rio de Janeiro geblieben ist. Autor Alan Hess: „Er baute an Berghängen, in Städten, an der Küste, in der Wüste, in Vororten und auf dem hügeligen Land. Er baute aus Beton, Backstein, Stahl und Holz, mit schmalem Budget für Freunde und Verwandte aus der Mittelschicht und mit großzügigen Mitteln für Brasiliens Plutokraten.“
Oscar Niemeyer, zeitlebens Atheist und Kommunist, hat oft betont, dass er als Architekt „für jeden Aufraggeber“ arbeite. Er räumte ein, dass namentlich seine öffentlichen Bauten nicht immer der sozialen Gerechtigkeit dienen, „aber ich strebe an, sie so schön und eindrucksvoll zu gestalten, dass auch die Armen innehalten, sie betrachten, berührt und begeistert sind. Mehr kann ich als Architekt nicht leisten“.
Der „Paradiesvogel“
In seinen künstlerischen Experimenten löste sich der Mann, der vor sage und schreibe 73 Jahren sein Architekten-Examen machte, früh von der damaligen europäischen Kasten-Architektur. Auch in vielen Privathaus-Entwürfen brachte er die weichen, fließenden Formen der Landschaft in die Gestaltung ein. Ja, es ist nicht völlig übertrieben, Oscar Niemeyer, dessen erste Arbeiten in die hohe Zeit des Bauhauses fielen, als eine Art Gegenspieler des Bauhauses zu bezeichnen. Nicht umsonst bezeichnete Walter Gropius Niemeyer wegen dessen Vorliebe für Beton und große Spannweiten, einmalige, freie und schwingende Formen als „tropischen Paradiesvogel“.
Der Brasilianer konterte: „Es war nicht das Gebot des rechten Winkels, das mich zornig machte, sondern vielmehr die völlig überzogene Betonung von architektonischer Klarheit und struktureller Logik. Mich ärgerte die systematische Kampagne gegen die freie und kreative Form, die mir so gefiel, die andere aber als unnötig und überflüssig verachteten. Sie sprachen von ,Purismus‘, von der ,Maschine zum Wohnen‘, von ,weniger ist mehr‘, von ,Funktionalismus‘. Aber sie verstanden nicht, dass all das im Vergleich zu der plastischen Gestaltungsfreiheit, die der Stahlbeton gewährt, gar keine Rolle spielt. Die moderne Architektur verlor sich selbst in ihren reproduzierbaren Glaswürfeln.“
Hess sieht Oscar Niemeyers Formensprache, auch bei vielen seiner privaten Häuser, als weder vergleichbar mit der strengen Geometrie, die etwa Wrights Guggenheim-Museum in New York auszeichnet, noch mit dem abstrakt-skulpturhaften Stil Corbusiers. Niemeyers Häuser seien „weder verschnörkelt noch bemüht originell, sondern wirken so organisch wie die Konturen der Hügelketten, die Windungen der Amazonas-Nebenflüsse oder die Körper der Sonnenanbeter am Strand der Copacabana. Durch diese Natürlichkeit der Linienführung treten die Gebäude in einen direkten Bezug zu den Menschen, die in ihnen leben, und zu der Landschaft, in der sie stehen“. Vor solchem Hintergrund überrascht es wenig, wenn Niemeyer die Formel „Form follows function“ interpretiert als: „Form follows feminine“ – das Weibliche bestimmt die Formen. Beispielhaft für diese Philosophie ist das Haus, das Niemeyer 1953 ursprünglich für sich in Canoas, Rio de Janeiro, gestaltete. Mit seinem geschwungenen Dach schockierte es die damalige Architekturszene.
Es ist das Haus, das wir hier in heutiger Gestalt und jetzigem Gewand zeigen: Ausgesprochen modern wirken die geschwungenen Glasfronten an zwei Seiten des Hauses, durch die man auf Wald und Atlantik blickt. Die Kontur des Daches harmoniert mit der des Swimmingpools. Ein weiter Dachvorsprung schafft eine Brücke zwischen Pool, Haus, Dach und der Landschaft – alles zusammen ein Niemeyer, der auf der Suche nach schöner Architektur und ihrer natürlichen Einbettung fündig wurde.