Bauhaus - Ikone der Moderne

„Landhaus Lempke“ von 1930 bis 1933 in Berlin–Hohenschönhausen ist das letzte Haus, das Mies van der Rohe in Deutschland baut.

Die wichtigste und einflussreichste Gestaltungshochschule des 20. Jahrhunderts feiert ihren runden Geburtstag. 90 Jahre nach der Gründung des Bauhauses kennt sich scheinbar jeder bei der „Ikone der Moderne“ aus und fachsimpelt über den Mythos der weißen, kantigen Architektur.

Eine weiß verputzte Kubatur, unterbrochen von großen, dunklen Fenster­rah­mungen und Flachdach, ist eine Variante von Bauhaus-Architektur, die sich aber ebenso bunt zeigen und Rundungen aufweisen kann. Der Stil der Moderne polarisiert, bis heute. Die Architektur des Bau­hauses steht weitgehend für die klassische Moderne und besitzt nach wie vor An­ziehungs­kraft und Vorbildfunktion für Generationen von Architekten.


Der Einfluss der Lehranstalt ist so bedeutend, dass mit dem Begriff „Bauhaus“ oft auch eine Parallele mit der Moderne in Architektur und Design gezogen wird. Aus kunsthistorischer Sicht ist dies allerdings heikel: den Bauhausstil und die Entwicklungen in Deutschland abgekapselt zu behandeln und „Bauhaus“ als Stilbegriff, als Architektur- oder Möbelstil, zu handhaben. Die Institution Bauhaus war keine reine Architekturschule. Architektur spielte am Bauhaus nur eine untergeordnete Rolle. Eine Synthese von Bild­hauerei, Malerei, Kunstgewerbe und Hand­werk unter einem Dach war angestrebtes Ziel. Erst 1927 wurde eine eigene Archi­tek­tur-Abteilung eingerichtet.


Einen spezifischen Bauhaus-Stil hat es in der 14-jährigen Existenz der „Schmiede der europäischen Moderne“ nie gegeben. Die Bauhäusler hätten sich auch dagegen verwahrt. Variationen der Moderne: Vom esoterischen Expressionismus über die weiße Eleganz eines Walter Gropius oder Erich Mendelsohn hin zur Vielfarbigkeit Bruno Tauts und zur dunklen Extravaganz eines Mies van der Rohe – dies alles demonstriert die Mannigfaltigkeit der architektonischen Bau­hausidee.


Doch die künstlerische Vielfalt und die reale Umsetzung der Gebäude standen im gegensätzlichen Verhältnis: Das Bauhaus hatte insgesamt nur 1.250 Schüler. Außerdem wurde kaum etwas konzipiert, das auch tatsächlich realisiert wurde. Und die ver­wirk­lichten Häuser sorgten wegen Bau­schä­den und überzogenen Budgets nicht nur für Begeisterungs­bekundungen. Trotz solcher Querelen erfuhr die am Bauhaus ausgebildete Ästhetik internationale Verbreitung.



Was versteht man unter dem „Erbe Bauhaus“, wie mit ihm verfahren?

Prof. Eckardt: Das Bauhaus der 20er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts hat eine Vielzahl verschiedener Im­pulse und Ideen für die Stadt der Moderne entwickelt, die maßgeblich auch die Ar­chitektur, das Produkt­design und den Städtebau beeinflusst haben. Auf einen Nenner gebracht, kann man vielleicht sagen, dass das Bauhaus eine Antwort gibt auf die Frage, wie anspruchsvolles Woh­nen und Leben in einer Massen­ge­sellschaft möglich sein kann. Heute gilt es, im gleichen Geiste für eine veränderte Gesellschaft diesem Anspruch gerecht zu werden. Das Bauhaus des 21. Jahrhunderts sollte deshalb kein Museum werden, sondern eine lebhafte Anstrengung für eine lebenswerte Stadt der Zukunft.


Das Klischee der weißen Architektur funktioniert bis heute, das lag auch an der Schwarz-Weiß-Fotografie von damals. Woher rührt das „Missverständnis in Weiß“?

Prof. Eckardt: In der Abkehr von bis dahin bestehenden Architekturformen, die zumeist einen bürgerlichen Lebensstil nachahmten, entwickelte die moderne Architektur jener Jahre neue Formen und Farben. Mit denen sollte ein fortschrittlich ge­dachtes, rationales und transparentes Wohnen möglich werden. Die Farbe Weiß wurde hierfür als Aus­weis gesehen, sie ist aber keineswegs für das gesamte Bauhaus als unumstrittenes Cha­rakteristi­kum anerkannt worden.


Auch das Flachdach, ebenfalls häufig dem Bau­haus zugeschrieben und mit ihm in einen Kontext gestellt, war nur ein Aus­druck der Bau­haus-Bewegung. Die ausschweifenden Feste am Bauhaus waren berühmt und berüchtigt. Mütter drohten ihren rebellischen Kindern mit den Worten: „Wenn du jetzt nicht brav bist, kommst du ins Bauhaus.“ Was hat den Ruf des Bauhauses so ruiniert?

Prof. Eckardt: Das Bauhaus brach mit vielen tradier­ten Vorstellungen über Architektur, Kunst, Gestaltung und Gesellschaft. Es war eine Avant­garde, die sich aufmachte, um mit Experimenten nach neuen Wegen zu suchen. Dies fiel in eine Zeit, als Deutschland sich durchaus noch traditionell und konservativ gegenüber der kulturellen Moderne verhielt. Das Umfeld, insbesondere in Thüringen, war von Anfang an ge­genüber solchen Experimenten und wohl auch ge­gen­über der Lebensweise der Bauhäusler eher ne­ga­tiv eingestellt. Anfängliche Tole­ranz schlug schließlich in offene Ablehnung, Vertreibung und am Ende in politische Ver­folgung um.


Wohnen für die „Massen“ lautete ein Konzept. Gibt es Quellen, die von der Zufriedenheit oder dem Missfallen der Bewohner von Bauhaus- Sied­lungen zeugen?

Prof. Eckardt: Es sind ja leider nicht viele Wohn­siedlungen von den Pro­tago­nisten gebaut worden. Im Geiste der modernen Archi­tektur, in der das Bauhaus aber nur eine Stimme war, wurden dagegen zahlreiche Siedlungen errichtet, et­wa die May-Siedlungen in Frankfurt. Diese waren für die damalige Zeit fortschrittlich und auch beliebt. Pro­blematisch wurde es erst, als nach dem Zwei­ten Weltkrieg für eine vollkommen veränderte Gesellschaft dieses Konzept im großen Stil dann ohne Rücksicht auf die neuen Bewohner­wünsche realisiert wurde.



Ist mit der Bauhaus-Architektur nicht eigentlich alles gesagt? Und ist dies nicht das Dilemma eines Architekten von heute? Wo liegen die Chan­cen des Neuen: im Material, in Bauauf­gaben …?

Prof. Eckardt: Das Bauhaus stellt wahrscheinlich mehr Fragen, als es Antworten gibt. Damit erfüllt es aber eine sehr wichtige Funktion in der Archi­tektur. Es darf nicht wieder passieren, dass an den Menschen vorbei geplant wird, nur weil man einmal ein Kon­zept gefunden hat, was vermeintlich die ewige Antwort für den Städtebau beinhaltet. Heute muss das Bauhaus fragen: Wie können wir Städte ökologisch nachhaltig, sozial stabil, im de­mokratischen Einvernehmen mit den Betroffe­nen und architektonisch an­spruchs­voll bauen?


Das Bauhaus: Weimar – Dessau – Berlin


Die Schule für Architektur, bildende Kunst und Kunsthandwerk, die 1919 von Walter Gropius in Weimar gegründet wird, gilt als neuartig und kühn: Gropius will nicht nur die Einheit zwischen den visuellen Künsten und dem Handwerk wiederherstellen. Sein Ziel ist es, diese Sym­biose in die moderne industrielle Welt zu integrieren, um so ihre Klarheit, Sach­lichkeit und Zweckmäßig­keit zu demonstrieren. 1925 siedelt das Bauhaus in den von Gropius errichteten Bau nach Dessau um. 1928 wird der Schweizer Architekt Hannes Meyer neuer Direktor. Mit der Devise „Wohnma­schinen statt Kathedralen" intensiviert er die Zu­sammenarbeit mit der Industrie. 1930 folgt Mies van der Rohe als Leiter der Bauakademie. 1933 wird die Institution von den National­sozialisten zur Selbstauflösung ge­zwungen. Viele Architek­ten, so van der Rohe, Gropius oder Mendelsohn, emigrieren in die USA. Paradoxe Konsequenz: Die Schließung der Schule verhilft indirekt zur Ver­breitung der Bauhausideen. Sie gilt bis heute welt­weit als Heim­stätte der Avant­garde der Klas­sischen Moderne auf allen Gebieten der freien und angewandten Künste.


Jennifer Hieber

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