Heißer Draht zur Sonne - Solar Decathlon Europe

Barcelona steigt aus: Das „FabLab“-Haus aus Barcelona vom Instituto de Arquitectura Avanzada de Cataluña ist ein Aussteigerhaus.

In Madrid fand in Sichtweite des Königspalastes eine Königsdisziplin statt: der „Solare Zehnkampf“. 17 Unis und Hochschulen aus aller Welt, darunter vier aus Deutschland, zeigten Hausentwürfe, die eines können mussten – ihre Energie ausschließlich von der Sonne beziehen und wohnlich sein. Aus Madrid berichtet Reiner Oschmann

Iren haben guten Whiskey und Lebensweisheiten, die sich sehen lassen können. Vermutlich hat das eine mit dem anderen zu tun. Eine ihrer Erfahrungen, die sich dem Berichterstatter bei dem Wettkampf in Madrid in Erinnerung brachte, lautet: Es gibt keine Fremden – es gibt nur Freunde, die man noch nicht kennt.


In Madrid war der Fremde ein alter Bekannter, dem wir noch nicht gut genug huldigen: die Sonne. Eine der 17 Universitäten aus aller Welt, die am „Solar Decathlon Europe 2010“ teilnahm und am Ende des Zehnkampfes Platz 2 belegte, sprach das Potenzial im Motto für die inoffizielle WM zum Bau von Solarhäusern an. Die Hochschule für angewandte Wissenschaften aus Rosenheim erklärte: „Die Zukunft der Energieversorgung liegt nur 150 Millionen Kilometer entfernt, in einem Fusionsreaktor, der schon lange stabil läuft. Wir verbinden, wir spalten nicht ...“


Der „Solar Decathlon“ ist ein junger Wettbewerb für Studententeams mit dem Ziel, Pilothäuser zu entwickeln, die so innovativ sind, dass sich ihre Bewohner energetisch allein aus der Kraft der Sonne versorgen. In den USA entstanden, wurde er nun erstmals in Europa ausgetragen. 768 Unis weltweit waren angeschrieben worden. 140 äußerten Interesse. Nach Prüfung der strengen Kriterien bewarben sich 40 fürs Finale. 21 qualifizierten sich. 17 gingen in Madrid an den Start.


„Decathlon“ heißt der Wettkampf, weil jedes Team mit seinem Prototyp von einer Jury in zehn Disziplinen geprüft wurde. Dabei ging es um Energiebilanz und technische Werte, Solaranlage, Architektur und Konstruktion, Komfort und soziales Bewusstsein, Innovation, Nachhaltigkeit und Marktfähigkeit. Entscheidend: Jedes der Pilothäuser aus Spanien, Frankreich, China, Großbritannien, Finnland, den USA und Deutschland sollte nicht bloß nachweisen, dass es mittels Sonne die Energie für den Bedarf eines Zwei-Personen-Haushaltes decken und darüber hinaus Energie bereitstellen kann (Plus-Energie-Haus).



Das Haus sollte wohnlich sein. Gesucht wurde kein Kraftwerk, sondern ein einladendes Domizil – auch wenn die Pilothäuser für den Wettbewerb konzipiert waren. Die Modelle zeigten sich nur in einem einheitlich: Sie erfüllten die Anforderungen an ein Null- oder Plus-Energie-Haus und waren ausnahmslos von Studenten entwickelt worden. Architektur, Technik- und Raumkonzept wiesen erfreulich große Unterschiede und teils gegensätzliches Herangehen auf.


Es gab Häuser wie das des Gesamtsiegers vom Virginia Polytechnic Institute & State University, dessen Technik vom Öffnen der Fenster bis zur WC-Spülung per Taste auf dem iPhone zu bedienen ist. Und es gab Häuser wie das "Luukku" aus Finnland, das auf genau solche Bedienung verzichtete. Architekturprofessor Pekka Heikkinen von Aalto sagte: „Wir zielten auf Bequemlichkeit und einfache Bedienung. Ohnehin denke ich, dass die Entwicklung zu natürlicherer Lebensweise mit einfacheren technischen Systemen gehen wird. Ich glaube nicht an die Zukunft hochtechnischer Materialien wie Vakuumpaneele. Deren ökologischer Fußabdruck ist einfach verheerend.“


Die vier deutschen Teams aus Berlin (Hoch- schule für Technik und Wirtschaft, Univer- sität der Künste, Beuth Hochschule), Rosen- heim, Stuttgart (Hochschule für Technik) und Wuppertal (Bergische Universität) zählten zu den Attraktionen. Sie schnitten stark ab und kamen auf die Plätze 2 (Rosenheim), 3 (Stutt- gart), 6 (Wuppertal) und 10 (Berlin). Rosenheim und Stuttgart überzeugten mit bewunderter Verarbeitungsqualität, Wuppertal mit aufsehenerregender Modulbauweise und einer textil wirkenden Fassade aus Polyester, Berlin mit polarisierendem Kontrast zwischen schwarzer Fassade und lichtem Inneren sowie mit einem quasi nahtlos in die Architektur integrierten Solarsystem (Platz 1 in dieser Kategorie).


Das Fertighausunternehmen Haacke hatte das Berliner Team in der WM-Vorbereitung mit Arbeitskraft, Logistik und Fachkompetenz unterstützt. Einer der prägnantesten Unterschiede des Berliner Hauses zu allen anderen waren Form, Struktur und Farbe des Gebäudes. Arlett Ruhtz vom Berliner Team: „Ein Satteldach findet sich nur bei uns. Die Fassade aus abgeflammtem Lärchenholz ist auf natürliche Weise Oberflächenversiegelung. Sämtliche solaraktiven Flächen schließen plan mit ihr ab und erzeugen so eine geschlossene Gebäudehülle. Die beiden Nord- Süd- und Ost-West-Lichtachsen sorgen für natürliche Beleuchtung. Die Lehmplatten an den Wänden haben schadstoff- und schallschluckende Wirkung. Sie sind einer der passiv agierenden Bestandteile des Systems von Heizen, Kühlen und Lüften.“



Ein Gutteil der Schönheit lag beim Madrid-Championat im Auge des Betrachters. In einem jedoch gab es übereinstimmend Begeisterung. Keiner hat sie treffender formuliert als der Projektleiter des Bronze-Teams von der Stuttgarter Hochschule für Technik, Architekt Prof. Dr.-Ing. Jan Cremers (39): „Hier herrscht olympischer Geist – nicht nur wegen des Wettbewerbs, sondern vor allem im Sinne der Arbeit aller Studenten an dem gemeinsamen Ziel, schonender mit unserer Umwelt und ihren Ressourcen umzugehen. Das war und ist das Hauptanliegen des ,Solar Decathlon‘.“


Befragt nach auffälligen Beispielen, in denen sich die heutige Tauglichkeit der Pilothäuser für morgen zeigt, nennt Professor Cremers die neuen Wege beim Umgang mit Photovoltaik (PV) – Technologie zur direkten Umwandlung von Sonnenenergie in elektrische Energie – in der Fassadengestaltung. „Funktionalität genügt nicht mehr. Sie muss mit der Qualität der Erscheinung harmonieren. Ein weiteres Moment ist die Modulbauweise des Stuttgarter ,home+‘. Sie erlaubt sowohl seine beliebige Erweiterung als auch die Ortsveränderung. Das eröffnet Chancen, deren Bedeutung für die Gesellschaft allgemein bisher nicht reflektiert werden.“


Professor Karsten Voss von der Universität Wuppertal betonte den Pilotcharakter der Wettbewerbshäuser. „Sie sind experimentelle Beiträge zum Wohnen von morgen.“ Und speziell zum Wuppertaler Haus: „Es hat keine Energiekosten. Sein Eigenbedarf an Energie ist mit den solaren Gewinnen so gut zu decken, dass circa 4.000 Kilowattstunden fürs Netz übrig bleiben. Das heißt, der Besitzer verdient mit dem Haus etwa 1.000 bis 1.500 Euro im Jahr.“


Letzteres korrespondiert mit der Nachricht, die nach der WM verkündet wurde: Die 17 Pilothäuser produzierten während der 10 Wettkampftage fast dreimal so viel Energie, wie sie verbrauchten. Bravo! Wenn das kein heißer Draht zur Sonne ist.


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