Plusenergiehaus "frame" von LUXHAUS
Die energetisch ideale Form, nämlich das Verhältnis von Außenfläche zum Volumen so gering wie möglich zu halten, ist...

Das Nachkriegsdeutschland war noch weit entfernt von architektonisch moderner Gesinnung und dem Verständnis gegenüber einem Beton-Stahl-Bau. Dabei hatten gerade die deutschen Architekten Ende der 30er-Jahre, allen voran Mies van der Rohe mit dem deutschen Pavillon bei der Weltausstellung 1929 in Barcelona, den Bungalow-Typus geprägt.
Die Hausform, die in den 50er- bis 70er-Jahren in Deutschland eine wahre Blütezeit erlebte, ist wieder im Kommen. Heute wird der Flachgeschosser in Verbindung gesetzt mit Feriendomizil oder alters- und behindertengerechtem Wohnen. „Kaum ein Gebäudetypus“, so die Architektin Nicoletta Zarattini, „kann eine solche zeitlose, schlichte Eleganz vorweisen wie ein Bungalow, explizit die Entwürfe des Architekten Walter Brune.“
Woher kommt der Begriff „Bungalow“, und ab wann verdient ein flaches Gebäude diesen Namen?
Nicoletta Zarattini: Der frei stehende Bautypus, der das Wohnen auf einer Ebene ermöglicht, leitet sich von dem Hindi-Wort „schlichtes Landhaus“ oder auch „flaches Haus“ ab, und hat meist, aber nicht zwingend, ein Flachdach. Stilistisch wird die Klassische Moderne der 20er-Jahre zitiert oder auch der „International Style“, der eine klare Distanz zur braven und mittelmäßigen Satteldach-Idylle des Heimatstils schaffen wollte und damit eine deutliche architektonische Zäsur im Westdeutschland der Nachkriegsjahre setzte.
Dies sollte nicht nur als bauliche, sondern mit einer betont politischen Aussage in Verbindung gesetzt werden: Die Architekten hatten den Anspruch, sich mit ihren klaren, reduzierten Formen und den Materialien von der bieder verklärenden, anspruchslosen Stilistik des Nationalsozialismus abzusetzen, dessen „heimatschützende“, landschaftsbezogene Bauweise beispielsweise auf kriegswichtige Materialien wie Stahl und Beton verzichtete und auf örtlich vorhandene Baustoffe zurückgriff. Beeinflusst von amerikanischer Bungalow-Architektur, der internationalen Avantgarde aus jener Zeit sowie der Architektur des Bauhauses realisierten deutschsprachige Architekten wie Sep Ruf, Richard Neutra oder Walter Brune filigrane Konstrukte aus Stahl und – Wohnhauskultur der Nachkriegszeit, die von der Fachpresse international gefeiert wurde.
Die fast vergessene Gebäudeform trifft seit einigen Jahren wieder auf großen Zuspruch. Worauf ist der zurückzuführen? Wie sieht der vermeintliche Interessententypus aus?
Nicoletta Zarattini: Der Bungalow erlebt wahrlich eine Renaissance. Einst ein Statussymbol der 60er-Jahre, gilt er heute ebenso wie damals als außerordentlich individuelle, um nicht zu sagen: extravagante Gebäudeform, die sich deutlich vom architektonischen Einerlei abhebt. Nicht nur in der Mode sind die 60er wieder gefragt. Der Hype ist schon länger in der Möbelbranche ablesbar. Junge Kaufinteressenten oder Bauherren sind von dem einstigen Avantgarde-Stil begeistert. Daneben gibt es noch eine zweite Gruppe Faszinierter, deren Zuspruch nachvollziehbar ist: Bungalows sind nicht nur gebaute Sehnsucht, sie versprechen ideale, praktische Vorzüge, ein müheloses Leben voller Leichtigkeit: Alles ist gut erreichbar, Treppensteigen entfällt. So ist der Gebäudetypus auch bei älteren Bauherren gefragt, bei denen der Aspekt moderner Gesinnung eine sekundäre oder gar keine Rolle spielt. Insbesondere bei dieser Gruppierung wird die Nachfrage nach eingeschossigen Häusern stetig wachsen.
Wie ist der Flachbau aus energetischer Sicht zu beurteilen?
Nicoletta Zarattini: Als Herausforderung, denn natürlich ist die Kubatur nicht gänzlich unproblematisch mit ihren U-, L- oder oder Z-Grundrissen. Energetisch können sie nicht mit einem mehretagigen Haus konkurrieren, aber die neu konzipierten Bungalows verbrauchen schon längst nicht mehr so viel Energie wie einst.
Worin bestehen die Einzigartigkeiten im Wohnstil eines Bungalows, wo die ungeahnten Schwierigkeiten?
Nicoletta Zarattini: Einzigartig am Bungalow vergangener Tage ist seine Großzügigkeit, die Offenheit, die ermöglicht, bewusst den Jahreszeitenwechsel, das reiche Farben- und Lichtspiel zu erleben. Aber hier liegt auch das Problem. Für einen Bungalow von schlichter Anmut braucht es neben dem entsprechenden Geschmack des Bauherren und dem nötigen Kleingeld ein geeignetes Baugrundstück. Die Kubatur fordert ein parkähnliches Areal ein, damit das Gebäude einen figuralen Charakter zur Landschaft ausbilden kann, ganz nach der Devise Brunes: Wenn die Landschaft in den Vordergrund gerückt wird, muss sie auch repräsentativ, der Architektur gegenüber ebenbürtig sein.
Die Krux ist, dass die Grundstücke immer weiter schrumpfen, so wird höher zu bauen statt ausschweifend in die Breite zu gehen als Lösung bevorzugt. Mit dem einstigen Typus hat das so gut wie nichts mehr zu tun. Daher werden – wie bereits erwähnt – bei steigender Nachfrage deutlich weniger Bungalows umgesetzt.
Der Stil von einst ist bei älteren Bauherren sowieso nicht von Relevanz, wichtiger ist ihnen die aus den funktionalen Erfordernissen entwickelte Grundrisskonzeption. Was bleibt, ist das Wohnen auf einer Ebene und die Differenzierung zwischen Offenheit und Geborgenheit, zwischen Individual- und Wohnräumen. So haben heute die Bungalow-Fassaden wenig Ähnlichkeit mit ihren architektonischen Vorreitern. Bevorzugt werden eigenartige, pseudosüdländisch anmutende Rottöne, die von traditionellem Bewusstsein, kühler Farbgebung, Geradlinigkeit und stringenter Linienführung weit entfernt sind.
Ein weiterer, immanent wichtiger Faktor, der erst die einzigartigen Bungalows von Brune ermöglichte, war das freiheitliche Konzipieren. Dass Walter Brune Unikate schuf, die von perfekter Ästhetik zeugen, war vornehmlich der Tatsache zu verdanken, dass seine begüterte Klientel ihn gewähren ließ. So konnte er ungestört Projekte von bestechender Einfachheit und Zweckmäßigkeit umsetzen, seine leichte, filigrane Bauweise entwickeln.
Er setzte sich mit Raumauffassung und -komposition, mit rechtwinkliger und kubischer Ordnung auseinander, verwendete unverkleidete edle, ausgesuchte Materialien. Alles sollte sichtbar in Erscheinung treten. So übergab er seinen Auftraggebern räumliche Gestalten von einzigartiger Qualität, die zuvörderst nach ihren funktionalen Bedürfnissen ausgerichtet waren. Welcher Bauherr lässt dies heute noch zu?