Geerdet - Das Comeback des Bungalows

Der Barbarahof von Walter Brune, ein privates Wohnhaus, das 1951 bis 1954 in Düsseldorf errichtet wurde, sollte zu dieser Zeit in Deutschland Ausnahme bleiben.

Ein Klassiker, der nicht immer einen leichten Stand hatte, befindet sich im Aufschwung. In den 60er-Jahren lehnten Konrad Adenauer und sein Nachfolger Kurt Georg Kiesinger den auf Wunsch von Ludwig Erhard erbauten Kanzler-Bungalow kategorisch ab. Kiesinger verglich ihn mit einem Schlafwagen, „in der Mitte ein Gang, rechts und links Zellen." Adenauer bemerkte angesichts von Sep Rufs Bungalow, dass der Architekt eine zehnjährige Gefängnisstrafe verdiene, und befürchtete, dass das Gebäude nicht mal brennen würde.

Das Nachkriegsdeutschland war noch weit entfernt von architektonisch mo­derner Gesinnung und dem Verständnis gegenüber einem Beton-Stahl-Bau. Dabei hatten gerade die deutschen Architekten En­de der 30er-Jahre, allen voran Mies van der Rohe mit dem deutschen Pavillon bei der Welt­ausstellung 1929 in Barcelona, den Bun­galow-Typus geprägt.


Die Hausform, die in den 50er- bis 70er-Jah­ren in Deutschland eine wahre Blütezeit er­­lebte, ist wieder im Kom­men. Heute wird der Flachgeschosser in Ver­bindung gesetzt mit Feriendomizil oder alters- und behindertengerechtem Wohnen. „Kaum ein Gebäudetypus“, so die Ar­­chitektin Nicoletta Zarattini, „kann eine solche zeitlose, schlichte Eleganz vorweisen wie ein Bun­­galow, explizit die Entwürfe des Architekten Walter Brune.“


Woher kommt der Begriff „Bungalow“, und ab wann verdient ein flaches Gebäude diesen Namen?


Nicoletta Zarattini: Der frei stehende Bau­ty­pus, der das Wohnen auf einer Ebene er­möglicht, leitet sich von dem Hindi-Wort „schlichtes Landhaus“ oder auch „flaches Haus“ ab, und hat meist, aber nicht zwingend, ein Flachdach. Stilistisch wird die Klassische Moderne der 20er-Jahre zitiert oder auch der „Interna­tio­­nal Style“, der eine klare Distanz zur braven und mittelmäßigen Satteldach-Idylle des Heimatstils schaffen wollte und damit eine deutliche architektonische Zäsur im West­deutschland der Nachkriegsjahre setzte.


Dies sollte nicht nur als bauliche, sondern mit ei­ner betont politischen Aussage in Verbindung gesetzt werden: Die Architekten hatten den Anspruch, sich mit ihren klaren, reduzierten Formen und den Materialien von der bieder verklärenden, anspruchslosen Stilistik des Na­tionalsozialismus abzusetzen, dessen „heimatschützende“, landschafts­bezo­gene Bau­weise beispielsweise auf kriegs­­wichtige Ma­terialien wie Stahl und Beton verzichtete und auf örtlich vorhandene Baustoffe zurückgriff. Beeinflusst von amerikanischer Bungalow-Architektur, der internationalen Avant­garde aus jener Zeit sowie der Architektur des Bau­­hauses rea­lisierten deutschsprachige Archi­tekten wie Sep Ruf, Richard Neutra oder Walter Brune filigrane Konstrukte aus Stahl und – Wohnhauskultur der Nachkriegszeit, die von der Fachpresse international gefeiert wurde.



Die fast vergessene Ge­bäudeform trifft seit einigen Jahren wieder auf großen Zuspruch. Worauf ist der zurückzuführen? Wie sieht der vermeintliche Interessententypus aus?


Nicoletta Zarattini: Der Bun­galow erlebt wahrlich eine Renaissance. Einst ein Sta­tus­symbol der 60er-Jahre, gilt er heute ebenso wie damals als außerordentlich individuelle, um nicht zu sagen: extravagante Gebäude­form, die sich deutlich vom architektonischen Einerlei abhebt. Nicht nur in der Mode sind die 60er wieder gefragt. Der Hype ist schon länger in der Möbelbranche ablesbar. Junge Kaufinter­es­senten oder Bauherren sind von dem einstigen Avantgarde-Stil begeistert. Daneben gibt es noch eine zweite Gruppe Faszinierter, deren Zuspruch nachvollziehbar ist: Bunga­lows sind nicht nur gebaute Sehnsucht, sie versprechen ideale, praktische Vorzüge, ein müheloses Leben voller Leichtigkeit: Alles ist gut erreichbar, Trep­pen­steigen entfällt. So ist der Gebäudetypus auch bei älteren Bau­her­­ren gefragt, bei denen der Aspekt moderner Gesinnung eine sekundäre oder gar keine Rolle spielt. Insbesondere bei dieser Grup­pie­­rung wird die Nachfrage nach eingeschossigen Häusern stetig wachsen.


Wie ist der Flachbau aus energetischer Sicht zu beurteilen?


Nicoletta Zarattini: Als Herausforderung, denn natürlich ist die Kubatur nicht gänzlich unproblematisch mit ihren U-, L- oder oder Z-Grundrissen. Energetisch können sie nicht mit einem mehretagigen Haus konkurrieren, aber die neu konzipierten Bungalows verbrauchen schon längst nicht mehr so viel Energie wie einst.


Worin bestehen die Einzigartigkeiten im Wohnstil eines Bungalows, wo die ungeahnten Schwierigkeiten?


Nicoletta Zarattini: Einzigartig am Bun­ga­low vergangener Tage ist seine Groß­zügig­keit, die Offenheit, die ermöglicht, bewusst den Jahreszeitenwechsel, das reiche Farben- und Lichtspiel zu erleben. Aber hier liegt auch das Problem. Für einen Bun­ga­low von schlichter Anmut braucht es neben dem entsprechenden Geschmack des Bau­herren und dem nötigen Kleingeld ein geeignetes Bau­grundstück. Die Kubatur fordert ein park­ähn­liches Areal ein, damit das Gebäude einen figuralen Charakter zur Landschaft ausbilden kann, ganz nach der Devise Brunes: Wenn die Landschaft in den Vordergrund gerückt wird, muss sie auch repräsentativ, der Archi­­tektur gegenüber ebenbürtig sein.


Die Krux ist, dass die Grundstücke immer weiter schrump­­fen, so wird höher zu bauen statt aus­schweifend in die Breite zu gehen als Lö­sung bevorzugt. Mit dem einstigen Typus hat das so gut wie nichts mehr zu tun. Daher werden – wie bereits erwähnt – bei steigender Nachfrage deutlich weniger Bungalows umgesetzt.



Der Stil von einst ist bei älteren Bauherren sowieso nicht von Relevanz, wichtiger ist ih­nen die aus den funktionalen Erforder­nissen entwickelte Grundrisskonzeption. Was bleibt, ist das Wohnen auf einer Ebene und die Dif­ferenzierung zwischen Offenheit und Gebor­genheit, zwischen Individual- und Wohn­räumen. So haben heute die Bunga­low-Fassaden wenig Ähnlichkeit mit ihren ar­­chitektonischen Vorreitern. Bevorzugt wer­den eigenartige, pseudosüdländisch anmutende Rottöne, die von traditionellem Be­wusst­sein, kühler Farbgebung, Geradlinig­keit und stringenter Linienführung weit entfernt sind.


Ein weiterer, immanent wichtiger Faktor, der erst die einzigartigen Bungalows von Brune ermöglichte, war das freiheitliche Kon­zi­pieren. Dass Walter Brune Unikate schuf, die von perfekter Ästhetik zeugen, war vornehm­lich der Tatsache zu verdanken, dass seine begüterte Klientel ihn gewähren ließ. So konnte er ungestört Projekte von bestechender Einfachheit und Zweckmäßigkeit um­setzen, seine leichte, filigrane Bauweise entwickeln.


Er setzte sich mit Raumauf­fas­sung und -komposition, mit rechtwinkliger und kubischer Ordnung auseinander, verwendete unverkleidete edle, ausgesuchte Materialien. Alles sollte sichtbar in Er­schei­­nung treten. So übergab er seinen Auftrag­gebern räumliche Gestalten von einzigartiger Qualität, die zuvörderst nach ihren funktionalen Bedürfnissen ausgerichtet waren. Welcher Bauherr lässt dies heute noch zu?


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