Größere Fenster braucht das Haus
Die neue Dreifach-Standardverglasung von Internorm macht Fenster zu Energiegewinnflächen. „Fenster schlägt hoch...

Wir verbringen 90 Prozent unseres Lebens in geschlossenen Räumen. Das Raumklima wird neben Faktoren wie Temperatur, Feuchtigkeit, Sauerstoff, Kohlendioxid oder Luftelektrizität auch von Schadstoffen beeinflusst. An keinem Ort sammeln sich so viele chemische Langzeitrisiken wie in Innenräumen: Die Schadstoffe werden in kleinen, konstanten Dosierungen über einen langen Zeitraum freigesetzt. Sie dringen in Gardinen und Teppiche ein, wo sie toxisch auf die Umwelt einwirken.
Mögliche Folgen der giftigen Ausdünstungen: Störungen des Immunsystems, Erbgutveränderungen, Entwicklungsstörungen bei Kindern. Und so mancher Schadstoff steht im Verdacht, krebserregend zu sein.
Die Krux: Immer mehr synthetische Stoffe werden beim Hausbau verwendet, immer bessere Abdichtungen von Fenstern und Türen verhindern den Luftaustausch. Mehrmaliges Stoßlüften am Tag ist unerhört wichtig, doch nicht immer reicht das aus. Wenn frische Luft als Wundermittel versagt, ist der Spezialist gefragt, der die gesundheitsschädlichen Substanzen nachweist.
Herr Altenburger, in der Baubiologie werden verschiedene Wohngifte klassifiziert. Stichwort: Wärmedämmung und formaldehydhaltige UF-Ortschäume, „unsichtbare“ Spanplatten verborgen in Wandelementen oder als Fußbodenplatte unterm Teppich. Auf welche Schadstoffe trifft man denn im Neu- und im Altbau am häufigsten?
Klaus Altenburger: In einem Altbau treten meist andere Schadstoffbelastungen auf als im Neubau. Häuser werden in immer kürzerer Zeit fertiggestellt. Dadurch können Holzwerkstoffplatten nicht ausreichend lange lagern und ausdünsten. Die Bundesforschungsanstalt für Forst- und Holzwirtschaft in Hamburg hat eine zunehmende Konzentration von Aldehyden in OSB-Platten 59 Tage nach deren Heißpressung festgestellt.
Einige Umweltzeichen informieren über gesundheitliche und ökologische Aspekte von Holzwerkstoffen. Mit „natureplus" zertifizierte OSB-Platten wurden zum Beispiel speziell im Hinblick auf mögliche VOC-Emissionen geprüft. Weitere Zeichen sind der „Blaue Engel“ oder das „AUB-Zertifikat“ (Infos unter: www.baulabel.de). Bislang gibt es jedoch keine Langzeiterfahrungen, die Aufschluss über eine Gesundheitsgefährdung durch zu hohe VOC-Konzentrationen geben könnten.
Wie werden Wohngifte aufgespürt?
Klaus Altenburger: Dafür sind meist jahrelange Erfahrung und der Sachverstand eines neutralen Gutachters für Schadstoffe in Innenräumen oder eines Baubiologen sowie professionelle Analysetechnik vor Ort erforderlich. Je nach Problematik werden genauere Raumluftanalysen und Messungen mittels spezieller elektronisch gesteuerter Pumpen und Speicherröhrchen, Gasdetektoren mit Geigerzählerton, Hausstaubproben oder Überprüfungen von verdächtigen Materialien vorgenommen. Gemessen werden Schadstoffbelastungen je nach spezieller Aufgabe nach VDI-Richtlinien, also Messvorschriften wie beispielsweise der VDI-4300, VDI 3482 und VDI 3492. Für Arbeitsstätten gibt es verbindliche MAK-Grenzwerte für einige Gefahrstoffe, die in der Gefahrstoffverordnung (GefStoffV) aufgeführt sind. Wohnungen unterliegen nicht der GefStoffV. Hier werden die Richt- und Orientierungswerte der AGÖF, der Ad-hoc-Arbeitsgruppe der Innenraumlufthygiene-Kommission beim Umweltbundesamt und der Obersten Landesgesundheitsbehörden, Empfehlungen aus der Fachliteratur und Bewertungsstandards der Baubiologie herangezogen.
Anti-Feuchte-Strategien. Der Gutachter ist also arg gefordert.
Klaus Altenburger: Ja, denn es müssen Tausende unterschiedlichste Schadstoffe und jährlich neu dazukommende Stoffe der Chemieindustrie analysiert werden. Stammen die Belastungen – beispielsweise PCP – von den Möbeln, Teppichen, Fußböden, Baustoffen oder etwa aus der Gebäudeholzkonstruktion? Alte und neue Belastungen können sich mischen. Möbel, die vorher in einem Altbau mit nicht dichten Kastenfenstern und pufferfähigen Putzen keine Probleme machten, führen plötzlich in einem modernen, aus Wärmeschutzgründen luftdichten Neubau zu erhöhten Konzentrationen an VOC oder Formaldehyd.
Was kann man selbst für bessere Luft tun?
Klaus Altenburger: Es gilt: In einem dicht gebauten Neubau sollte häufiger durchgelüftet werden. Doch der beste Schutz vor Schadstoffen ist ein umweltfreundliches Haus aus Naturbaustoffen und natürlichen Farben, Putzen, Interieur. Es gibt einige Hilfsmittel, um Raumluftbelastungen zu vermindern: Adsorption durch Zimmerpflanzen, photokatalytische Abbauprozesse von flüchtigen Schadstoffen durch spezielle Farben und Teppiche, Einsatz von nanopartikulärem Silber für mikrobielle Degradation und Raumluft-Ionisatoren.
Sind akute Dämpfe vorhanden, wie plötzlicher lösemittelartiger Geruch ohne erkennbare Ursache, so kann der miniSCAPE helfen, das vermutlich kleinste Kurzzeit-Fluchtfiltergerät der Welt. Es schützt vor zahlreichen gefährlichen Gasen und Dämpfen wie Lösemitteln, Benzol, Tetrachlorethan, Blausäure, Schwefelwasserstoff und Ammoniak.
In älteren Fertighäusern riecht es oft muffig.
Klaus Altenburger: Eine Ursache sind MVOC – mikrobielle flüchtige organische Verbindungen, die als gasförmige Dämpfe oder Stoffe auftreten und Schimmelpilze sowie Bakterien abgeben können. Daraus resultiert der typisch erdige, modrige Geruch bei Feuchteproblemen mit Schimmelpilzbefall. Bei Fertigteilhäusern der 70er- und 80er-Jahre gelangt häufig Feuchtigkeit in die Dämmebene der Außenwände. Dort kommt es zu mikrobiellem Wachstum von Schimmel und Bakterien unter Abgabe der MVOC.
Der muffige Geruch kann aber auch durch Chloranisole hervorgerufen werden. Es wurden damals giftige Holzschutzmittel wie Pentachlorphenol (PCP) und Lindan verwendet. Durch komplexe chemische Prozesse bilden sich dann die muffig riechenden, auffälligen Chloranisole (CLA). Direkte Nachweise für eine gesundheitsschädigende Wirkung von MVOC und CLA gibt es aber derzeit noch nicht. Messbare MVOC können auch schon auf verdeckten, nicht äußerlich sichtbaren, mikrobiellen Schimmelpilz- und Bakterienbefall hindeuten, dem man nachgehen sollte.
Auch Bauten auf dem neuesten Stand der Technik können Schimmelbildungen aufweisen. Bei hoch isolierten Fenstern und undurchlässigen Fassadendämmungen wird nicht nur die Witterung aus-, sondern vor allem auch die Feuchtigkeit eingesperrt.
Klaus Altenburger: Es sollten viel mehr offenporige, feuchtepuffernde mineralische Baustoffe, Putze und Farben eingesetzt werden. Damit können kurzzeitige Raumluftfeuchtespitzen besser abgefedert werden. Auch unversiegelte Vollholzmöbel, Naturfaserbodenbeläge, Echtholzparkett statt Kunststoff-Laminat und mineralische Anstriche wie Kalk, Silikat, Lehm-Basis fördern ein trockenes Raumklima. Reine Kalkfarben und Kalkputze mögen Schimmelpilze zum Beispiel gar nicht. Kalk (Sumpfkalk) wirkt wegen seiner alkalischen Reaktion keimtötend und wurde früher aus hygienischen Gründen zum Weißen von Wänden in Tierställen verwendet.
Sichtbarer Schimmel ist leicht zu erkennen, da er meist grau-schwarz, grün, braun oder auch weiße Verfärbungen auf Oberflächen bildet und von modrigmuffigem Geruch begleitet wird. Allerdings muss ein kritischer Schimmelbefall nicht immer auffällig riechen oder zu sehen sein. In unserer Praxis werden wir oft mit „verdeckt“ auftretenden, teilweise toxischen Schimmelpilzbelastungen hinter Tapeten, Hohlräumen und in Fußböden konfrontiert. Wir sind darauf spezialisiert, verdeckte Schimmelherde und Feuchtigkeit mit digitalen Luftkeimsammlern, MVOC-Messungen und elektronischen Feuchtemesssonden und unserer Erfahrung aufzufinden.
Schadstoffdauerbrenner in der Wohnraumluft
DDT: Insektizid, seit 1972 in Deutschland verboten; existent in Altbauten und Importartikeln
Formaldehyd: leicht flüchtiger Schadstoff, in Holzwerkstoffen wie Span- und HDF-Platten, Oberflächenversiegelungen von Parkettböden; so lange der Leim, der die Platten fixiert, feucht ist, wird Formaldehyd freigesetzt
Lindan: Insektizid, meist - in Kombination mit PCP – in Holzschutzmitteln und Holzwurmtod vorhanden
MVOC: mikrobiologisch erzeugte Kohlenwassersoffe
PCB: die Stoffgruppe der Polychlorierten Biphenyle (PCB) beinhaltet 209 Substanzen, sie werden stets als Gemische eingesetzt; bis 1975 in dauerelastischen Dichtungsmassen zwischen Betonfertigbauteilen, bei Fenstern/Türen sowie im Sanitärbereich als Weichmacher verwendet, seit 1978 in Deutschland verboten
PCP – Pentachlorphenol: Holzschutzmittel, schwer flüchtiger Schadstoff, mit Dioxinen belastet; seit 1989 in Deutschland verboten; wurde als Pestizid gegen Bakterien, Pilze, Hausschwamm sowie im Textilbereich (Teppiche und Markisen) eingesetzt
Phenole: Komponente des Spanplatten–harzes
Schimmelpilze: Feuchtigkeitsausfall durch Gebäudeundichtigkeiten, mangelhafte Isolierung oder fehlerhaftes Lüften; Sporen können Mykotoxine aufweisen
VOC: flüchtige organische Verbindungen, Lösemittel in Farben, Lacken, Klebern, Abbeizern; Ausgasung auch noch, nachdem der Geruch nicht mehr wahrzunehmen ist.
Gut zu wissen:
Baubiologische Untersuchungen und Analysen von Häusern, Wohnungen, Grundstücken, Einrichtungen und Materialien werden nach dem aktuellen Standard der baubiologischen Messtechnik (SBM) durchgeführt.