Schritt-Geschwindigkeit

Landschaftsarchitekt Jens Gorschlüter betreibt auf seinem 10.000-Quadratmeter-Grundstück im westfälischen Marl einen Garten mit Geduld: als Langzeit­projekt.

Landschaftsarchitekt Jens Gorschlüter betreibt auf seinem 10.000-Quadratmeter-Grundstück im westfälischen Marl ein Langzeit­projekt, wie es sich für einen Gärtner geziemt, wofür aber den meisten Menschen oft eine entscheidende Voraussetzung fehlt: Geduld mit dem Grün. Aus dem Gartenleben und -denken eines Langstreckenläufers.

„Wenn ich in den Garten gehe und nicht irgendwann ins Tun komme, werde ich nie die Kraft entdecken, die in ihm steckt.“ Selten hat der Journalist einen – dazu noch so jungen – Menschen erlebt, der so viel Ruhe und Ent­schlos­senheit ausstrahlte. Jens Gorschlüter (40) ist Land­schafts­architekt, seit zehn Jahren selbstständig und im westfälischen Marl auf seinem 10.000-Quadratmeter-Grundstück, auf dem er als Kind aufwuchs, dabei, sich seinen Le­benstraum zu erfüllen: einen Garten zu ge­stalten, der weithin naturbelassen sein wird. Der einmal einen „Dschungelgarten“ für die Ru­he, einen gepflegten Teil für Gäste und einen Be­geg­nungsgarten für Kunden haben wird (www.gartenatelier-gorschlueter.de). Der Weg dahin war bei unserem Be­such noch weit, der lange Atem des Mara­thon-Gärtners jedoch stets zu spüren, die Kon­turen seines Gartenbilds immer zu fühlen.


„In der westlichen Welt klafft eine riesige Lücke zwischen äu­ße­­rem Wohlstand und innerem Be­­dürf­nis nach Frieden, Freu­de und Selbstverwirkli­chung. Der Garten hilft, unsere Ur­sprüng­lichkeit wiederzuentdecken, im Einklang mit der Na­tur und den Elementen Feuer, Was­ser, Erde und Luft zu leben. Die Natur des Menschen ist es, neugierig, spielerisch, kreativ und kraftvoll zu SEIN. Wir brauchen diese Reize zu un­serer Le­bendigkeit. Diese Eigen­schaften lassen sich beim Gärt­nern entdecken und führen uns ganz direkt zu mehr Langsamkeit und Be­wusstheit im Leben.“


„Seit der industriellen Revolu­tion hat sich das Leben der Men­schen deutlich verändert. Bal­lungs­zentren und Land­flucht trugen dazu bei, dass die Le­bensweise im Ein­klang mit der Natur in der Stadt nicht mehr möglich war. Die Menschen im Westen leben heute zu 80 bis 90 Prozent in geschlossenen Räu­men und sind von der Natur mit ihren wohltuenden Reizen getrennt. Unser Leben besteht häufig aus einer Kette von Wiederholungen:

Aufstehen–Arbeiten–Ablenken–Hinlegen,

Aufstehen–Arbeiten–Ablenken–Hinlegen,

Aufstehen–Arbeiten–Ablenken–Hinlegen.

Und am Ende

bleiben wir liegen ...“



„Mein Garten ist für mich ein Ort der Ruhe, der Kraft, der In­spi­­ration, der Kreativität und der Leben­digkeit. Es gibt für jede Stimmung einen eigenen Be­reich, der zusätzliche Kraft ausstrahlt. Er spiegelt meine berufliche und persönliche Entwick­lung wider.“


„Ein Garten braucht Raum für Entwick­lung, Wachstum und Rei­fung. Für mich sind Ent­schei­dungen – anders als ein Be­schluss – immer spontan aus dem Bauch heraus. Und al­les, was dem Gärtner ein gutes Gefühl be­schert, darf dann auch um­gesetzt werden. Idealerweise lässt das Gestaltungskonzept für einen Garten hinreichend Raum für spontane Verän­de­rungen.“


„Eine Pflanze ist ein Lebe­wesen, und jedes Lebewesen hat Wür­de. Insbesondere Pflan­zen an exponierten Stand­orten, etwa in Fels­spalten oder in Küstenregio­nen, strahlen eine starke Ener­gie aus, die für jedermann deutlich spür­bar ist.“


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