Grasrecycling mit Roboter-Rasenmähern: Rasenmähen 2.0
Gras mähen, die Umwelt schonen, mehr Freizeit haben und dabei gleichzeitig noch sparen – geht das überhaupt? Der...

Kühlschrank, Waschmaschine und Fernseher werden gemeinhin als die segensreichsten Erfindungen der Neuzeit gepriesen. Da muss jemand den Rasenmäher vergessen haben. Oder kennen Sie einen Rasenbesitzer, der freiwillig zu Sense und Schleifstein greift und dafür den Mäher stehen lässt? Oma und Opa hängen genauso an ihm wie der technikaffine Enkel und die viel beschäftigte Auf-der-Suche-nach-mehr-Freizeit-Generation dazwischen.
Jeder zweite Haushalt in Deutschland erfreut sich an einem eigenen Garten, hat die Fakultät für Agrarwissenschaften an der Georg-August-Universität Göttingen festgestellt. Im Garten findet Entspannung, Bewegungsausgleich, CO2-freier Urlaub statt, da gibt‘s Biokost aus dem eigenen Beet, ein reiches Partyleben – und Rasen. Ein Garten ohne Rasen ist wie ein Sommer ohne Sonne: halbherzig. Rasen tut computermüden Augen, nackten Füßen und spielenden Kindern gut. Und wo ein Rasen, da auch ein Rasenmäher.
Blick zurück nach vorn
1946 gründet Soichiro Honda das Honda Technical Research Institute; nach den motorisierten Fahrrädern, die er produziert, stehen die Leute Schlange. Zwei Jahre darauf folgt die Firma Honda Motor Co. Ltd. Die eine Million Yen Grundkapital, das sind gerade mal 6.300 Euro, erweisen sich als gut investiertes Geld eines Enthusiasten: Als das Honda Racing Team 1961 beim legendären Motorradrennen auf der Isle of Man in der 125-Kubikzentimeter-Klasse und dann auch noch in der 250-Kubikzentimeter-Klasse den ersten Platz einfährt, steht sportlicher neben wirtschaftlichem Erfolg auf dem Siegerpodest.
„Mit dem Sieg bei der Isle of Man wurden wir zum Weltunternehmen“, bemerkt Herr Honda später. Diesem Konzern verdankt die Menschheit unter anderem den Mopedroller „Super Cub“. Bis zum Jahr 2005 werden über 50 Millionen Stück verkauft. Damit sichert sich der „Super Cub“ einen Platz im Olymp der motorisierten Zweiräder. Außerdem verdanken wir Honda mit dem High-Tech-Sportwagen „NSX“ das erste Vollaluminium-Serienfahrzeug der Welt (1990). Das modernste serienreife Brennstoffzellenfahrzeug der Welt, den „FCX Clarity“ (2008). Das weltweit erste Serienmotorrad mit Airbagsystem und voll integriertem Satelliten-Navigationssystem („Gold Wing“).
Der Rasenmähertüftler
Aber zurück zum Sommer 1975, zu Takeo Ogano und seinen Studien der grünen Halme. Ohne Naturkunde kein Rasenmäher, der dem Namen Honda zur Ehre gereichen und dem Markt, der nicht gerade unter Rasenmäher-Mangel litt, imponieren würde. Also vertiefte sich der von diesem speziellen Auftrag leicht überraschte und irritierte Ingenieur ins biologische Thema Gras: Beschaffenheit, Wachstum, geografische Verteilung, Vorlieben, Launen. Im Hinterkopf die alles entscheidende, quälende Frage: Welche besonderen Qualitäten muss ein Rasenmäher besitzen, die ihn für die künftigen Besitzer technisch und optisch attraktiv machen? Die ihn aus der Masse der Angebote herausheben? Die echten Mehrwert bieten?
Nachdem Takeo Ogano alle Bücher ausgelesen hatte, schlug ihm sein Direktor für Forschung und Entwicklung vor, sich vor Ort umzuschauen. Im Februar 1976 machte sich Herr Ogano auf nach England, Deutschland, Frankreich, in die Schweiz und in die USA. In die Rasenmäher-Nationen.
Mit Hingabe und Akribie erkundete er, wie viele Stunden Gartenbesitzer ihre Rasen mähten, wie lange sie die Maschinen nutzten, wann sie sich zum Neukauf entschlossen. Und er sammelte eifrig Grasbüschel. In den Vororten von Paris sind die anders beschaffen als bei Villensitzern in Los Angeles oder an der Autobahn nach Stuttgart. Bei seiner Rückkehr nach Hause hatten sich eine Menge Geheimnisse gelüftet: die durchschnittliche Größe von Rasenflächen, das Anwenderprofil der am Markt befindlichen Rasenmäher, die spezifischen Erwartungen der Kundschaft, die Rasentypen in den Regionen
Ein guter Rasenmäher ist eine komplexe Maschine. Alle gesammelten Erkenntnisse plus Tüftlergeist formten sich zum ersten Prototypen, mit dem Takeo Ogano und sein Team im Sommer 1977 eine zweite Reise nach Europa antraten. Es wurde ein Erfolgstrip: Wo immer die Männer aus dem fernen Land auftauchten, um ihr „Baby“ vorzustellen, wurden ihnen alle Türen geöffnet. Besuch aus Japan! Von Honda!
Auf der Suche nach dem Besten
Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt. Oganos japanische Ingenieurskollegen hatten allerhand an seinen ersten Entwürfen auszusetzen. Der Rasenmäher müsse unbedingt einen Sitz haben, wo bleibe sonst die Bequemlichkeit! Viel zu gefährlich, konterte Ogano, band auf seinen Prototypen einen Bürostuhl und demonstrierte die unbehagliche Nähe zu den scharfen Schneidemessern. Das Fassungsvermögen des Auffangkorbs ist zu gering! Den Vorschlag, den Rasenmäher mit einer Funktion auszustatten, die das Schnittgut mithilfe der Auspuffwärme verbrennen oder trocknen würde, um so mehr Platz zu schaffen, hebelte der Hobbybiologe Ogano mit einer plausiblen Kalkulation aus: Gras besteht zu mehr als 90 Prozent aus Wasser, um es zum Verdampfen zu bringen, wäre ein unerhörter Energieaufwand nötig. Der schärfste Kollegen-Einwand: Wozu der ganze Aufwand, über kurz oder lang sind Rasenmäher eh überflüssig!
Biotechnologen basteln schließlich an Rasensorten, die nur minimal wachsen und keinen regelmäßigen Schnitt erfordern! Herr Ogano griff sich mehrere Tütchen Rasensamen und schritt zum Feldversuch. Auf einem kleinen Hinterhof durften seine Kollegen zuschauen, in welchem Tempo Gras in die Höhe schießt. Nebenbei wurde japanische Disziplin und Ratio aufgeweicht durch Emotionen, die amerikanische oder europäische Rasenbesitzer zu ihren liebsten Gefühlslagen beim Mähen zählen: die innnige Zwiesprache mit der Natur, der irre Duft von frischem Gras. Rasenmähen ist mehr als das Bewegen einer Maschine, Rasenmähen ist Sinn und Empfindung, war fortan auch in Ingenieurkreisen gängige Einsicht.
Der Erste ist auf der Welt
Im August 1978 kam schließlich der Tag, auf den Takeo Ogano und seine Leute drei Jahre lang unverdrossen hingearbeitet hatten: Der „HR 21“ stellte sich am Markt vor. Zeitgleich in den USA und Europa. Verneigung vor den „Vätern“ – er erweist sich als echter Spross aus dem Hause Honda. Ein Qualitätsmäher, ausgerüstet mit einem senkrecht stehenden Motor, der einen leisen Lauf und unkompliziertes Starten zusichert. Herr Ogano hat seine angepeilten Ziele umgesetzt: Sicherheit stand ganz oben auf seiner Agenda. Der „HR 21“ ist als einer der ersten Mäher überhaupt mit dem sogenannten BBC-Mechanismus – ein feinsinniges Zusammenspiel von Schneidemesser, Bremse, Kupplung – ausgestattet.
Was bedeutet: Der Mäher stoppt innerhalb von drei Sekunden die Rotation der Messer, nachdem Mann oder Frau hinter der Maschine die Hand von der Lenkstange genommen hat. Heute Standard, aber bitte nicht vergessen: Wir reden hier von 1978. Dieser BBC-Mechanismus setzte übrigens sogar Maßstäbe, als die USA-Regierung die gesetzlichen Sicherheitsstandards für den Verbraucherschutz festlegte. Und diese Technologie verschaffte Honda einen gewaltigen Vorsprung gegenüber Wettbewerbern bezüglich der Gerätesicherheit.
Weitere Eigenschaften, die bis zur Einführung von Schwestermodellen im Jahr 1985 hohe Verkaufszahlen von jeweils 150.000 Stück in den USA und in Europa bescherten: Während sich bei anderen Rasenmähern Gartennachbarn regelmäßig vor Gericht trafen, war der Geräuschpegel des Honda ausgesprochen ohrenschonend. Rasenmähen fand fortan nicht mehr als Alleingang des Mannes statt, die Emanzipation setzte sich auch auf der grünen Wiese durch. Der „HR 21“ war frauenbedienfreundlich.
Als sich diesem Rasenmäher der „ZE“ an die Seite gesellte, hatte Honda ein Netz von jeweils 1.500 Fachhändlern auf beiden Kontinenten unter Vertrag. Erfolg also auch auf der Service-Strecke. Das Erbe von Takeo Ogano liegt in guten Händen. In diesem Jahr wurde die Produktlinie der „IZY“-Rasenmäher mit einem neuen Mäher fortgeschrieben. In bester Honda-Tradition: leichtes Arbeiten, ohne sich mit komplizierter Technik quälen zu müssen; schnelles Starten ohne lange Wartezeit; bessere Fang- und Mäheigenschaften bei geringer Geräuschkulisse, neues Outfit.
Herr Ogano hat also sehr zukunftstauglich agiert. Nur in einem Punkt irrte er. Relativ früh, das Design des künftigen Mähers nahm Konturen an, schlug ihm Firmenchef Soichiro Honda den Werkstoff Resinad, eine Harzverbindung, für das Gehäuse vor. Ogano lehnte ab: nicht belastungsfähig genug, ein Sicherheitsrisiko für die Benutzer. 1991, 16 Jahre später, ist Honda der erste Hersteller, der ein spezielles, in Amerika entwickeltes Resinad für Rasenmäher-Gehäuse verwendet. „Als das passierte“, so Takeo Ogano, „war ich einmal mehr vom visionären Denken von Mister Honda begeistert.“