Mini macht auf Maxi

Große Pflanzen und Kübel in allen Varianten – von Stahlblech lackiert bis auffällig transparent – entfalten besonders im Einzelstand eine beeindruckende Wirkung.

Exorbitante Grundstückspreise haben immer einen großen Verlierer: den kleinen Garten. Zu schmal, optisch langweilig, unansehnliche Begrenzungen zum Nachbarn oder unerwünschte Blicke auf die Sonnenliege. Die Diagnose von Gartenarchitektin Ute Wittich: Mehr Mut, mehr Farbe, mehr Kunst, mehr Fantasie. Nach einer „Behandlung" von ihr ist jeder Quadratmeter Mehrwert für die Seele.

Ein Garten ist Abschaltoase, Arbeitsausgleich, Augenweide oder Partylocation. Aber vor allem Privatsphäre. Ungünstige Schnitte, kleine Flächen oder hohe Mauern können diesen Genuss trüben. Gartenarchitektin Ute Wittich aus Frankfurt am Main beschäftigt sich seit 27 Jahren mit der Gestaltung und Optimierung von Anlagen, die entweder so klein wie ein Gäste-WC oder so groß wie ein Fußballstadion sind: „Ich gehe immer auf die Eigentümer ein, auf das Haus, ihren bevorzugten Stil. Der kann verspielt, ökologisch, wild, architektonisch streng mit klaren Linien, mit Formgehölzen oder heimischen Vogel- und Bienenfutterpflanzen sein. Individuelle Lösungen und Tricks helfen, optische Defizite zu kaschieren sowie Weite zu erzeugen.“


Balkons und Dachterassen


Lange, schmale Gänge, Metallgeländer sowie hohe verputzte oder verklinkerte Wände – so sieht ein typischer Balkon vor der ersten Bepflanzung aus. Eine gelungene Gesamtwirkung erfordert laut Ute Wittich Mut zur Farbe. Große Pflanzen und Kübel in allen Varianten – von Stahlblech lackiert bis auffällig transparent – entfalten besonders im Einzelstand eine beeindruckende Wirkung. Terrakottagefäße sollten dabei stets frostbeständig sein.


Auf einem schmalen Balkon wird die lange Sichtachse durch hohe quadratische Behälter, die den idealen Rahmen für eine Sitzbank bieten, gebrochen. Ihre Größe ist ausreichend für die Wurzeln alter Weinstöcke, die schon im ersten Jahr nach der Pflanzung reiche Ernte liefern. Als geeignete Wandbegrünung oder Trennung empfiehlt Ute Wittich Glyzinie und Clematis in vielen Sorten und Farben. Vorsicht bei Efeu, der wuchert oft zu stark. Leuchtende Lampenschirme an kleinen bewachsenen Ecken und indirekte Beleuchtung schaffen Intimität und Flair mitten in der Großstadt.



Mauern und Abgrenzungen


Eine zentrale Frage, die jeder klären sollte: Wie gestalte ich meine Grundstücksgrenze? Ein Baum oder eine Hecke, die mit dem netten Nachbarn direkt auf die gemeinsame Grenze gepflanzt wird, ist clever: Beide haben etwas davon, der Garten wird vergrößert, Zaun und Hecke markieren die Grenze und der neue Baum füllt die Lücke. Er kann dann etwas ausladender sein (zum Beispiel Ginkgo oder Amberbaum). Wer sich vor unerwünschten Blicken verstecken möchte, schafft dies hinter dichten Zäunen oder Mauern mit Rankgittern. Blauregen wächst daran sehr gut, sieht edel aus und duftet wunderbar. Mit Efeu oder anderen vorkonfektionierten Fertighecken erreicht man ebenfalls, regelmäßigen Schnitt vorausgesetzt, sein Ziel.


Eine künstlerische Note trägt beispielsweise eine in Szene gesetzte wetterbeständige Bank von Philip Starck vor einer Klinkerwand bei. Ähnlich einer Kleinkunstbühne lädt sie, flankiert von zwei großen alten Weinstöcken, zum Dialog ein. Kunstwerke, wie die drei Pyramiden von Ralf Klement vor der Grundstücksmauer, und warme, kontrastreiche Farben an Fensterläden und Türen sind einfache Mittel, kleinen Gärten eine Mischung aus mediterranem Flair und märchenhafter Aura zu verleihen. Hier hätten sicher auch die sieben Zwerge Schneewittchen gern zu einem Dinner geladen.


Wasser


Egal, ob kleiner Brunnen oder Gartenteich mit eigenem Ökosystem – die beruhigende Wirkung des Wassers macht selbst aus dem kleinsten Stück Grün eine verspielte Oase oder lenkt geschickt von unliebsamen hohen Begrenzungen ab. Ute Wittich ließ mit ihren magischen Fähigkeiten eine weiße Mauer von der Größe einer Kinoleinwand in einem Privatgarten in Walldorf fast vollständig hinter einem Wasserfall aus schwarzem Basalt verschwinden. Begleitet wird das Ganze von großen Pflanzen (immergrüner Bambus), einer Holzterrasse sowie einem Pool. Der wurde auf Ute Wittichs Anregung hin neu mit schwarzer Folie ausgekleidet, so spiegeln sich Himmel und Bäume besonders auffällig darin.



Licht


Licht ist wichtig. Bodenstrahler, Baumspots, sehr kleine Edelstahlstrahler (zum Beispiel von www.dot-spot.de), die im Boden oder im Holzdeck eingearbeitet sind, dürfen aber nicht blenden. Sehr schön: Pflastersteine, die in ihrem Innern eine LED-Leuchte haben und sich gut in den Belag integrieren. Auch Sitzwürfel aus Polyethylen mit Licht oder LED-Farbspiel sind ein Blickfang.


Kunst und Accessoires


Ute Wittich empfiehlt viel Farbe, Kunstobjekte aus Holz oder Stahl und etwas Mut zur Kreativität: „Alte oder selbst gemauerte Säulen, Backsteine für gepflasterte Wege, nostalgische oder leicht angerostete Zäune vom Schrottplatz als Basis für Kletterpflanzen, Edelstahlmöbel kombiniert mit roten Kissen. Zu viele Dekorationselemente können natürlich auch als Kitsch enden. Zum strengen Garten passt der verspielte Frosch nicht wirklich.“


Pflanzen


Inzwischen wachsen in Deutschland auch Feigen, die man im Winter allerdings vor Frost schützen muss, ebenso knorrige Oliven, Albizia, alte verknorzelte Weinreben und Zypressen. Rasen empfindet Ute Wittich für kleine Gärten als unpraktisch und eher lang- weilig: „Wer mag ihn mähen, was will man damit anfangen?“


Bambus ist immer noch beliebt, aber bitte nur mit Rhizomsperre, sonst dehnt er sich im ganzen Garten aus: „Die unteren Blätter und Verästelungen entfernen, vor eine farbige, verputzte Wand in schwarzen Kies setzten – ein Knüller! Farne fühlen sich im Schatten wohl, aber man sollte gleich 10 bis 15, am besten immergrüne, von einer Sorte wählen, um sie in der Fläche wirken zu lassen. Vielfalt bei den Pflanzen (Wuchsform, Blüten, Düfte, Blatttexturen) erzeugt immer neue Eindrücke und schafft Größe. Aber: Es darf nicht kunterbunt durcheinander gehen. Bei der Auswahl sind Fingerspitzengefühl und der Rat vom Gartenarchitekten sinnvoll. Besuchen Sie mal eine gute Baumschule – das ist ein Fest für die Augen und ein Wallfahrtsort für die Seele.“


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