Ein Garten wird erwachsen
Als es die Kinder auf die Sonnenliege statt in den Sandkasten zog, hat die Familie ihrer grünen Oase noch einmal...

Strangers in the Night?
Hat Licht im privaten Garten für Sie in erster Linie praktische oder ästhetische Aufgaben?
Christian Schulze-Ardey: Das hängt vom Hausgarten-Typ ab. In einem Garten, der auf Wunsch des Kunden unter ästhetischen Gesichtspunkten gestaltet werden soll, kann Licht ästhetische Aufgaben eher erfüllen als in einem Garten, der Natur und Ökologie in den Blickpunkt stellt: Hier sollte künstliches Licht nur sehr sparsam und sensibel eingesetzt werden, etwa zur Sicherheitsbeleuchtung.
Dr. Jürgen Waldorf: Wie bei der Beleuchtung öffentlicher Parks hat auch auf Privatgrundstücken Licht für die Sicherheit Priorität. Bei relativ geringer Beleuchtungsstärke ist es uns möglich, in der Dämmerung und nachts etwas zu erkennen. Wir sehen Stufen, Niveauunterschiede und andere Stolperfallen, die Gefahr zu stürzen verringert sich im Vergleich zu der bei Dunkelheit unbeleuchteten Situation um ein Vielfaches.
Künstliches Licht verbessert zudem den Schutz vor kriminellen Übergriffen – übrigens auch bei normaler Wegebeleuchtung, dafür muss keine Einbruchssicherheitsbeleuchtung installiert sein. Ich glaube allerdings, der ästhetische Wert der Gartenbeleuchtung ist fast genauso wichtig wie ihre praktische Funktion. Schon das Licht für Wege gibt dem Garten ein anderes Gesicht.
Ist für Sie der Garten Wohnraum, in dem Licht die Regel oder eher Ausnahme ist?
Dr. Jürgen Waldorf: Ja, der Garten ist – zumindest erweiterter – Wohnraum. Allein deshalb sollte er beleuchtet sein. Ohne Licht könnten wir ihn auch überhaupt nicht in den eigentlichen Wohnbereich einbeziehen, weil durch die Fenster nachts nichts zu sehen wäre. Im hausnahen Bereich – am Eingang, an Wegen und Treppen rund ums Haus – sollte Licht die Regel, an entfernten Stellen im größeren Garten eher Ausnahme sein.
Christian Schulze-Ardey: Auch hier sind zwei Betrachtungsweisen möglich, die sich auf die Gestaltung auswirken. Wenn der Garten als grünes Wohnzimmer dienen soll, das ja lange Zeit im Jahr und auch in der Dunkelheit aus dem Haus betrachtet wird, spielt künstliches Licht eher eine Rolle, als wenn der Garten Refugium für die Natur sein soll.
Was spricht dagegen, im nächtlichen Garten die Natur wirken zu lassen – statt Strahler an Wänden, schwenkbare Leuchten im Beet oder Lichtgirlanden im Baum anzubringen?
Dr. Jürgen Waldorf: Fast nichts, wenn man Dunkelheit will. Für Wege sollte jedoch möglichst immer Licht zur Verfügung stehen. Man muss niemanden verdammen, der noch zusätzlich schmückendes Licht einsetzt. Wer jedoch übertreibt, überschreitet Grenzen – er verbraucht übermäßig Energie oder sorgt mit unnötig heller Gartenbeleuchtung für störende Lichtemission. Dabei denke ich an Weihnachtsbeleuchtung: Da gibt es Lichterketten-Fans, die mit übermäßigem Lichteinsatz Vernunft und Maß ignorieren.
Christian Schulze-Ardey: Nichts spricht dagegen, es sei denn, der Kunde will seinen Garten beleuchten. Die Kunst bei der Planung besteht aber darin, auch auf die Bedürfnisse der Pflanzen und Tiere zu achten. Experten in unserem Fachausschuss haben zum Beispiel angemahnt, dass die ständige Beleuchtung von Laubbäumen zu physiologischem Stress führt, der sogar zum Ausbleiben der herbstlichen Laubfärbung führen kann!
Wie viele Lichtquellen erträgt ein, sagen wir, 500-Quadratmeter-Garten mit üblicher Bewachsung?
Dr. Jürgen Waldorf: Möchten Sie den ganzen Garten beleuchten? Nur Wege und Beete oder auch Büsche und Bäume? Was ist „übliche Bewachsung“? Nein, dafür kann ich keine Zahl nennen. Aber ich kann Ihnen sagen, was zu beachten ist: Auf Wegen und an anderen Stellen, an denen es auf gutes Sehen ankommt, sollte das Licht gleichmäßig sein. Bei der Anstrahlung von Pflanzen sind dagegen die Übergänge von Hell nach Dunkel wichtig: Erst Dunkelzonen lassen die beleuchteten Bereiche wirken. Und vermeiden Sie blendendes Licht!
Christian Schulze-Ardey: So wenig wie möglich und so viel wie entsprechend der Gestaltungsabsicht notwendig. In jedem Fall benötigt gut geplantes Licht genügend Dunkelheit. In Zahlen ist das schwer auszudrücken. Gute Lichtplanung sollte immer eine gute Balance zwischen dem berechtigten Wunsch des Kunden und den berechtigten Bedürfnissen der Natur vermitteln.
Was sagen Sie zu der Meinung, dass Lichtinszenierungen für Teich, Beet oder Baum schon deshalb bedenklich sind, weil die allgemeine Lichtverschmutzung im öffentlichen Raum sowieso zu groß ist?
Dr. Jürgen Waldorf: Ich bin mir sicher, dass eine normale Gartenbeleuchtung, die nur in relativ wenigen Dunkelstunden eingeschaltet ist, keine Lichtverschmutzung erzeugt. Ich habe noch niemanden getroffen, der nach dem Spaziergang in einem Wohnviertel über Lichtimmissionen aus Gärten geklagt hätte. Außerdem schalten alle Gartenbesitzer die Außenbeleuchtung spätestens dann ab, wenn sie zu Bett gehen. Und die Leuchten, deren Licht vom Bewegungsmelder aktiviert wurde, schalten sich nach kurzer Zeit von selbst aus.
Nun gut, wir sehen das nicht aus der Vogelperspektive. Denn bei der Lichtverschmutzung geht es vor allem um Licht, das ungenutzt nach oben abstrahlt und so hell ist, dass die Sterne am Himmel nicht mehr zu sehen sind. Wer vorbeugen will, obwohl die Beleuchtung privater Gärten eigentlich keine Lichtimissionen erzeugt, der wähle Leuchten mit nach oben abgeschirmtem Licht.
Christian Schulze-Ardey: In der Tat ist der abendliche und nächtliche öffentliche (Stadt-) Raum häufig durch Lichtverschmutzung infolge zu heller Straßenleuchten, Werbetafeln, Schaufenster, Skybeamer und dergleichen geprägt. Auch der Sternenhimmel ist ein erhaltenswertes Kulturgut! Dennoch kann ich mir dunkle Situationen in Wohngebieten vorstellen, die eine sensible Beleuchtung des Hausgartens durch einen fachkundigen Lichtplaner sinnvoll erscheinen lassen.
Erhöhen die wachsenden Möglichkeiten von LEDs und OLEDs das Verschönerungs- oder das Verschandelungs-Potenzial im Garten?
Dr. Jürgen Waldorf: Im Garten sind OLEDs kein Thema. Aber LEDs. Wie im Innenraum sind sie auch hier eine Alternative zu Glühlampen und Halogenlampen. LEDs sind außerdem interessant für die Bestückung von Solarleuchten. Denn die geringe Anschlussleistung erfordert weniger Strom. Die Anhäufung zum Beispiel von Solar-LED-Leuchten ist Geschmackssache.
Christian Schulze-Ardey: LEDs stellen künstliches Licht sicher energetisch besser dar und sind auch verträglicher für Mensch, Tier (Fluginsekten) und Pflanzen. Doch auch die beste Lichttechnik wirkt sich bei massenhafter Verwendung eher negativ auf das Gestaltungsziel aus. Das gilt auch für LEDs. Mich spricht ein Garten, der aussieht wie ein „Flipper-Automat“, eher nicht an ...
Was ist für Sie die schönste denkbare Lichtsituation – und was der GAU im Garten?
Dr. Jürgen Waldorf: Ich empfinde das Bild eines beleuchteten Gartens – Architekten und Lichtplaner sprechen vom Nachtbild oder Nachtgesicht – generell als schön. Spannend ist auch der Vergleich: Wie wirkt ein Garten bei Tageslicht und wie nachts mit künstlicher Beleuchtung? Als Licht-GAU im privaten Garten würde ich sehr helles, gleißendes, über große Flächen gleichmäßig verteiltes und blendendes Licht bezeichnen. Doch seien wir ehrlich: Wer beleuchtet seinen Garten schon wie das Vorfeld eines Flughafens?
Christian Schulze-Ardey: Nach einem Sommergewitter im Garten sitzen, das strahlenförmig durch die dunkle Wolkendecke hervorbrechende natürliche Licht der Sonne bestaunen und im Anblick eines Regenbogens über Gott und die Welt nachdenken. Der GAU: die Verwendung von künstlichem Licht im Garten unter dem Motto „Nicht schön, aber hell!“
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