Der Feind in meinem Beet: Herkules-Staude

Der Feind in meinem Beet: Herkules-Staude

Eine historisch überlieferte Anekdote gibt dem russischen Zaren Ale­xander I. die Schuld, einem heimtückischen Gewächs 1815 den Weg nach Mitteleuropa geebnet zu haben: Der Zar überreichte Fürst Metternich auf dem Wiener Kongress einen Schwung Pflan­zensamen, den dieser in seinen Ge­wächs­­­häusern kultivieren ließ, nicht ah­nend, dass es sich hierbei um eine Gift­pflanze ag­gressivster Art handelt.

Für mich heißt es angesichts dieser monarchischen Fehlleistung: Nur die Ruhe bewahren, wenn ich die Herkules-Staude - oder auch Riesen-Bärenklau, der bis zu zwei Me­ter hoch wächst - im eigenen Garten entde­cke. Die Holzhammermethode, reflexhaft alles mit der bloßen Hand rauszureißen, hät­te fa­tale Auswirkungen und würde mich bei der Bekämpfung der Staude nicht weit bringen. Höchstens ins nächste Krankenhaus.


Keep cool – also schnappe ich mir den Schutz­­anzug aus Plastikfolie, den entsprechenden Kopf­schutz und, nicht vergessen, dicke Hand­schuhe. In diesem nicht gerade kleidsamen Plastikoutfit – aber wer sollte mich schon erkennen? – nähere ich mich dem un­gebetenen, ursprünglich aus dem Kau­kasus stammenden Gast namens Heracleum mantegazzianum. Wenn ich mir das Gewächs so aus der Nähe anschaue, kann ich schon verstehen, dass manch unwissender Gärtner stolz ist, ein derart imposantes, wundervolles, rosafarbenes Blütenwunder sein Eigen zu nennen.


Aber Mitbürger mit Expertenblick sind sich der Gefahr bewusst, die von diesem Exoten ausgeht. Denn was habe ich da neulich gelesen: von Kühen, die nach dem Verzehr der Pflanze gestorben sind, und von jungen Enten, die nach dem Kontakt mit der Staude Deformationen an Schnäbeln und Fü­ßen aufwiesen? Diese Herkules-Staude hat wahrlich so gar nichts mit dem Gott des Heils gemein.


Jetzt das Gewächs ungeschützt berühren, würde meine Haut in Irritation versetzen. Jucken und Brennen wäre nur die schmerzliche Ouvertüre. In Verbindung mit dem Son­­nenlicht verursachen die Entzündungen nach einigen Stunden Blasen, die mit Ver­bren­nungen dritten Grades zu vergleichen sind. Nach der nur langsam folgenden Ab­heilung sind Narben sowie Pigmentie­rungen keine Seltenheit.



Jetzt stehe ich unmittelbar vor dem durchtriebenen Gewächs. Die Zeit ist reif, wir ha­ben Herbst. Mein Killerinstinkt ist geweckt. Der grüne Neubürger muss weg, und zwar sofort, sonst müsste ich bis zum Frühjahr warten, bis zum zweiten optimalen Zeit­punkt. Ich steche mit dem Spaten tief in die Erde, um den kompletten Pflanzenballen her­­auszunehmen, und werfe die ausgehobene Pflanze ins Feuer. Minutiös muss ich vorgehen und Ab­ges­chni­t­tenes oder Abgerissenes ebenso verbrennen, denn schnell verstecken sich unter den Pflan­zenresten Samen, die mein akribisches Tabu­la rasa wegen ihres Nach­reifens zunichte ma­chen würden.


Lasse ich meinen Blick über den Zaun schweifen, graust es mir. Hinten an der Wald­lichtung … Der Riesen-Bärenklau breitet sich munter in unseren Gefilden aus: im Wald, an Gräben, Uferbereichen, an Fluss­nie­derungen und verführt allzu oft spielende Kinder – die die hohlen Stängel zum Blas- oder Fernrohr umfunktionieren.


Jenseits meines Gartenzauns bin ich nicht mehr gefragt, hier greife ich zum Telefon, um die Feuerwehr zu verständigen. Die hat auch die schickeren Schutzanzüge.


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