Der Feind in meinem Beet: Herkules-Staude
Eine historisch überlieferte Anekdote gibt dem russischen Zaren Alexander I. die Schuld, einem heimtückischen...

Ich kann nicht Klavier spielen, tauchen müsste ich gleichfalls noch lernen, aber sonst halte ich mich für ziemlich alltagstauglich. Geistig und körperlich. Mein Garten aber benimmt sich gelegentlich, als müsste er mich pädagogisch wertvoll auf Defizite aufmerksam machen: Was, du kannst nicht mal Unkraut von Nützlichem unterscheiden?
Das Leben als Gärtner ist ein ewiger Selbstfindungsprozess. Wer bin ich? Was will ich? Wie arrangiere ich mich mit welchem Grün? Mit dem Acker-Schachtelhalm pflege ich seit jenem sonntäglichen Vorfall friedliche Koexistenz. Da er Staunässe mag, die ich ihm reichlich biete, müsste ich, um ihn loszuwerden, den Garten in einen Strand verwandeln, ein ingenieurtechnisch brillantes Dränagegeflecht installieren oder den Schwimmteich inklusive Bach zuschütten.
Denken wir lieber mal positiv und prinzipientreu. Ich könnte Unternehmergeist beweisen und am Samstag auf einem Berliner Ökomarkt frisch geerntete Schachtelhalme von meinen chemiedüngerfreien Beeten feilbieten. Ohne unkonventionelle Ideen wäre die Menschheit schließlich weit entfernt von heutigem Fortschrittsalltag. Was, wenn Bill Gates mit anderen Gleichaltrigen vor dem Fernseher gelümmelt hätte, statt sich zu seinen Basteleien in die Garage zu verkriechen?
Ich könnte mich auch durch beispielhafte Traditionspflege hervortun. Schon im Altertum schätzte man den Schachtelhalm als Lieferanten von Kieselsäure, einem vorzüglichen Mittel zur Behebung von Gelenkentzündungen. Seine blutstillende Kraft wurde sehr geschätzt. Und er tut nicht nur uns Menschen gut, sondern auch seinen Mitpflanzen. Eine Jauche oder ein Kaltwasserauszug aus Schachtelhalm ist so eine Art Blutdoping für schwächelnde Geschöpfe.
Der hohe Kieselsäuregehalt festigt ihre Zellstruktur und sorgt dafür, dass zum Beispiel Blattläuse entnervt abdrehen, weil sie ins Schwitzen kommen beim Versuch, ins Pflanzengewebe einzudringen. Mehltau und Rost, die Klassiker der Ärgernisse für Obstbäume, Rosen und Tomaten, verabscheuen Schachtelhalm-Sud gleichfalls.
Unter akademischen Gesichtspunkten ist der Acker-Schachtelhalm Equisetum arvense in der Abteilung der Pteridophyta – der Gefäßsporenpflanzen – verwurzelt. Tief verwurzelt übrigens. Er lebt seit etwa 400 Millionen Jahren auf der Erde, was besagt, dass er geschmeidig genug ist, alle bisherigen Saurier, Klimakatastrophen und menschlichen Angriffe zu überstehen.
Respekt! Seine Namensvielfalt deutet darauf hin, dass er sich nicht nur auf meiner Randberliner Enklave wohlfühlt: Zinnkraut, Katzenwedel, Schaftheu, Scheuerkraut oder Pfannebutzer klingt wie Feudel für Scheuerlappen oder Semmel für Schrippe. Also nach regionaler Mundart. Dabei lebt der Halm global. Seine Heimat ist die gesamte nördliche Halbkugel.
Übrigens haben Ingenieure und Architekten beim Equisetum abgekupfert. Während des Wachstums schiebt sich bei ihm, daher der Name, gewissermaßen eine Schachtel nach der anderen aus einem Trieb. Nach diesem Schachtelhalm-Konstruktionsprinzip wurden weltweit Türme aus Stein gebaut, Ski-oder auch Zeigestöcke gefertigt.
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