Der Feind in meinem Beet: Acker-Schachtelhalm

Der Feind in meinem Beet: Acker-Schachtelhalm

Die Natur hat eben einen an­deren Ge­schmack als Gar­ten­ge­stalterinnen und unsereins. Sie fin­­det halt fette, grüne Unkraut-Teppiche, bitte schön auch aus Acker-Schachtel­hal­men, netter als läusefreie Rosenspaliere oder nicht mi­ckern­de Clematis.

Ich kann nicht Klavier spielen, tauchen müss­­te ich gleichfalls noch lernen, aber sonst halte ich mich für ziemlich alltagstauglich. Geistig und körperlich. Mein Garten aber be­nimmt sich gelegentlich, als müsste er mich pädagogisch wertvoll auf Defizite auf­­­­merksam machen: Was, du kannst nicht mal Un­kraut von Nützlichem unterscheiden?


Das Leben als Gärtner ist ein ewiger Selbs­t­findungsprozess. Wer bin ich? Was will ich? Wie arrangiere ich mich mit welchem Grün? Mit dem Acker-Schachtelhalm pflege ich seit jenem sonntäglichen Vorfall friedliche Ko­existenz. Da er Staunäs­se mag, die ich ihm reich­lich biete, müsste ich, um ihn loszuwerden, den Garten in einen Strand verwandeln, ein ingenieurtechnisch brillantes Dränagege­flecht installieren oder den Schwimm­­­teich inklusive Bach zuschütten.


Denken wir lieber mal positiv und prinzipientreu. Ich könnte Un­ternehmergeist be­weisen und am Samstag auf einem Berliner Ökomarkt frisch geerntete Schach­telhalme von meinen chemiedüngerfreien Beeten feil­bieten. Ohne un­konventionelle Ideen wä­re die Mensch­heit schließlich weit entfernt von heutigem Fortschrittsalltag. Was, wenn Bill Gates mit anderen Gleich­altrigen vor dem Fernseher gelümmelt hätte, statt sich zu seinen Bas­teleien in die Garage zu verkriechen?


Ich könnte mich auch durch beispielhafte Traditions­pflege hervortun. Schon im Al­ter­­­tum schätzte man den Schach­telhalm als Lieferanten von Kiesel­säure, einem vorzüglichen Mittel zur Behebung von Gelenk­entzündungen. Seine blutstillende Kraft wur­de sehr geschätzt. Und er tut nicht nur uns Menschen gut, sondern auch seinen Mitpflanzen. Eine Jauche oder ein Kalt­was­serauszug aus Schachtelhalm ist so eine Art Blutdoping für schwä­chelnde Geschöpfe.


Der hohe Kiesel­säuregehalt festigt ihre Zell­struk­tur und sorgt dafür, dass zum Beispiel Blattläuse entnervt abdrehen, weil sie ins Schwitzen kommen beim Versuch, ins Pflan­zengewebe einzudringen. Mehltau und Rost, die Klas­siker der Ärgernisse für Obst­bäume, Rosen und Tomaten, verabscheuen Schachtel­halm-Sud gleichfalls.



Unter akademischen Gesichtspunkten ist der Acker-Schachtelhalm Equisetum arvense in der Abteilung der Pteridophyta – der Gefäßsporenpflanzen – verwurzelt. Tief ver­­­wurzelt übrigens. Er lebt seit etwa 400 Mil­lionen Jahren auf der Erde, was besagt, dass er geschmeidig genug ist, alle bisherigen Sau­rier, Klimakatastrophen und mensch­lichen Angriffe zu überstehen.


Respekt! Sei­ne Namensvielfalt deutet darauf hin, dass er sich nicht nur auf meiner Randber­liner Enklave wohlfühlt: Zinn­kraut, Katzenwedel, Schaftheu, Scheuer­kraut oder Pfannebutzer klingt wie Feudel für Scheuerlappen oder Sem­mel für Schrippe. Also nach regionaler Mund­art. Dabei lebt der Halm global. Sei­ne Heimat ist die gesamte nördliche Halb­kugel.


Übrigens haben Ingenieure und Architekten beim Equisetum abgekupfert. Während des Wachstums schiebt sich bei ihm, daher der Name, gewissermaßen eine Schachtel nach der anderen aus einem Trieb. Nach diesem Schachtelhalm-Konstruktions­prin­zip wurden weltweit Türme aus Stein ge­baut, Ski-oder auch Zeigestöcke gefertigt.


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