Das Trojanische Pferd

Der asiatische Marienkäfer.

Der Feind in meinem Beet

Fliegen, Würmer, Marienkäfer: Sie sind als etwas Nützliches getarnt, doch unter ihren irisierenden Flügeln oder kugelig-roten Panzern versteckt sich eine der größten Bedrohungen im Garten: Unwissende Gärtner bringen die Tierchen in den geschützten Bereich. In den Garten, aufs Feld, die Gewächshäuser, da, wo sie sich unentdeckt, wie Soldaten im Pferd vor den Toren des Feindes, verstecken, um schließlich aus ihrer Deckung zu springen und als Angreifer das grüne Reich zu besetzen.


Der asiatische Marienkäfer ist einer der Feinde aus dieser versteckten Truppe, die sich anstellt, die Flora und Fauna Europas zu besetzen und alles, was sich ihnen dabei in den Weg stellt, zu verdrängen. Getarnt unter seinem zauberhaften roten, runden Panzer mit den niedlichen Tupfen, hat er sich den Ruf des deutschen Artgenossen als Glücksbringer zunutze gemacht. „Harmonia axyridis“ ist nämlich nur wenig größer als der einheimische Siebenpunkt-Marienkäfer. Charakteristisch ist sein strohgelber Kopf mit W- förmiger Zeichnung. Meist hat er 19 schwarze Flecken auf seinen roten Flügeldecken. Insofern hat sich lange Zeit niemand gewundert, dass da einige Käfer mit ein paar Punkten mehr über die Wiese fliegen.


Im Gegenteil: Biobauern schätzten das Tier wegen seines großen Appetits auf Blattläuse. Denn wo ein einziger deutscher Siebenpunkt-Marienkäfer täglich bis zu 50 dieser kleinen Insekten vertilgt, verspeist der asiatische Genosse 100 bis 270 Stück. Also machten sie sich den Käfer als biologischen Schädlingsvernichter zunutzen – und begingen damit einen großen Fehler: Sie zogen das Trojanische Pferd in die Festung.


Auf den ersten Blick war der asiatische Käfer nicht als schädlich auszumachen. Er verursachte zunächst auch gar keine direkten Übeltaten. Seine zerstörerische Gewalt offenbart sich erst heute, knapp 15 Jahre nach der Einführung des Tieres. Der vorher so bewunderte unstillbare Hunger des asiatischen Marienkäfers kennt kein Tabu. Gehen ihm die Blattläuse aus, wird er zum Kannibalen und frisst seine Artgenossen und deren Larven. Natürliche Feinde hat er wenige, da er wie die meisten Marienkäferarten bei Gefahr durch Reflexbluten seine gelbe, bitter schmeckende und giftige Hämolymphe absondern kann. Ein Vogel, der einen solchen Marienkäfer gefressen hat, mag keinen zweiten mehr.



Und genau das ist der Grund, warum die Tiere zur Plage werden: Wissenschaftler warnen: Wo sich „Harmonia axyridis“ breit mache, müssen die anderen Marienkäfer weichen. Schon jetzt bevölkern die Schwärme an sonnigen Nachmittagen meinen Garten und tummeln sich am Abend an den Häuserwänden. Sie bevorzugen dabei weiße oder helle Gebäude mit kontrastreichen vertikalen Linien – also ein Haus wie meines. Oder sie verkriechen sich in den Weinreben meines Nachbarn.


Naht der Herbst, krabbeln sie in Scharen bis zu Tausenden in Tür- und Fensterritzen, Häuserfassaden und Dächer. Innerhalb der Wände, Fußböden, Dachböden suchen sie nach kühlen Plätzen, um den Winter zu verbringen. Sie sammeln sich dort in Trauben. Die asiatischen Marienkäfer mit Insektiziden zu töten, zu zerdrücken oder sonstwie zu stressen, veranlasst sie zur Absonderung ihrer Hämolymphe, was nette orangene Flecken auf Wänden, Möbeln und Stoffen hinterlässt.


Eine der wirksamsten Methoden ist eine Schwarzlicht-Falle, die man sofort nach dem ersten Sichten der Käfer aufstellt. Um die Tiere dann loszuwerden, friert man sie am besten ein. Doch einen wirkungsvollen Schutz vor diesem Trojanischen Pferd gibt es schon längst nicht mehr. Wir haben es selbst in unseren Garten gelassen. Und jetzt ist die Invasion von nichts und niemandem mehr aufzuhalten ...


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