Und ewig grüßt das Sommerloch
Tritt im Garten die Blühpause ein – ein Vorgang ebenso erklärlich wie natürlich –, werden manche Gartenbesitzer zu...

Worin besteht der Reiz einer Pflaume, verglichen mit anderen Obstsorten?
Michael Neumüller: Die Europäische Pflaume ist eine der ersten Obstarten, die den Menschen lockte. In Mitteleuropa ist sie durch Steinfunde seit 4.000 v. Chr. nachgewiesen. Bei der Europäischen Pflaume gibt es eine Vielfalt hinsichtlich Fruchtgröße, -farbe, Aroma und Geschmack, wie sie bei sonst keiner Obstart der gemäßigten Breiten vorkommt. Es ist für alle Geschmacksrichtungen etwas dabei: zuckersüße Früchte für die Kinder, edle Zwetschen für Kuchen, zum Frischverzehr und zum Anrichten erlesener Vor- und Nachspeisen, herrschaftliche Pflaumen, die auch ein hervorragendes Destillat ergeben.
Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Pflaumen und Zwetschen?
Michael Neumüller: Das Fruchtfleisch bei Zwetschen bleibt beim Erhitzen fest, daher wird daraus der berühmte „Zwetschgendatschi" hergestellt. Das Fruchtfleisch von Pflaumen wird beim Erhitzen weich, daher eignen sie sich gut für die Musbereitung.
Übrigens handelt es sich bei Pflaumen und Zwetschen nicht um verschiedene Arten im botanischen Sinne. Werden zwei Zwetschen miteinander gekreuzt, können Pflaumen herauskommen. Zwetschen sind in der Regel länglicher als Pflaumen und haben eine ausgeprägte Bauchnaht. Pflaumen mit hervorstechendem Aroma werden als Renekloden bezeichnet. Mirabellen sind die kleinsten Vertreter. Sie sind kirschgroß, hocharomatisch und sehr süß. Alle zusammen werden unter der Art der Europäischen Pflaume (Prunus domestica) geführt.
Wie viele Sorten Alter Pflaumen kennen wir, wie viele haben eine Bedeutung am Markt?
Michael Neumüller: Tausende Sorten sind überliefert. Gerade in der Zeit, als die Veredlung als Form der vegetativen Vermehrung noch nicht verbreitet war, wurden Pflaumen entweder über Wurzelausläufer oder Samen vermehrt. So entstanden viele neue Sorten. Als einzige alte Sorte ist die 'Hauszwetsche' heute noch von großer Bedeutung. Sie ist in ganz Europa unter verschiedenen Namen im Anbau. Im deutschsprachigen Raum dürften etwa die Hälfte alle Bäume auf die 'Hauszwetsche' entfallen. Sie reift Mitte September, hat kleine Früchte mit festem Fruchtfleisch und sehr guter innerer Qualität. An ihr müssen sich neue Sorten geschmacklich messen lassen.
Haben alte Sorten für die Forschung Wert?
Michael Neumüller: Sehr wohl. Die einzig wirksame Methode, Scharka zu bekämpfen, ist die Nutzung resistenter Sorten. Es gibt nur eine Form der Resistenz, die die Ausbreitung des Virus verhindern kann, die Resistenz durch Hypersensibilität. Diese wurde von Dr. Walter Hartmann, einem der weltweit besten Zwetschenzüchter, in einer Kreuzung mit der alten Sorte 'Ortenauer' (Synonym 'Borsumer') entdeckt. Hätte es diese Sorte nicht gegeben oder wäre sie verschollen, könnten heute nicht Tausende Obstbauern und Freizeitgärtner auf einen wichtigen Schritt in der Bekämpung der Virose hoffen. Heute wird die Erforschung und züchterische Nutzung dieser Resistenzform an der TU München intensiv vorangebracht.
Kann man alte Sorten veredeln, ohne dass sie ihren Anspruch verlieren, alte zu sein?
Michael Neumüller: Wenn sie frei von Scharka sind, hat sich an den Sorten nichts verändert. Sie sind, was sie waren. Die Veredlung ändert nichts an den Eigenschaften.
In welchem Stadium ist eine Pflaume nach Ihrer Ansicht ideal zum Verzehr?
Michael Neumüller: Die Frucht muss am Baum hängen bleiben, bis sie etwas weich wird. Der Stein löst sich gut vom Fruchtfleisch, es ist noch ausreichend Fruchtsäure vorhanden, die Zuckerkonzentration ist hoch und die Aromakomponenten sind voll entwickelt. Das verspricht einen Hochgenuss, der selbst Pfirsiche, Nektarinen und Aprikosen in den Schatten stellt. Richtig reif kann die Frucht aber nur im heimischen Garten oder bei direkt verkaufenden Erzeugern werden. Was über den Handel geht, wird meist zu früh geerntet. Erst in diesem Jahr laufen seitens der Großmärkte und des Einzelhandels Bemühungen, die Qualität der Pflaumen und Zwetschen im Supermarktregal zu heben. Hoffentlich gelingt das.
Wie vielseitig ist die Pflaume in Sachen Genuss und Gesundheit?
Michael Neumüller: Pflaumen sind reich an Mineralstoffen, insbesondere Kalium. Sie enthalten viel Vitamin E und, was wir sonst in anderem Obst kaum finden, die Vitamine B1 und B6. Sie haben ein hohes antioxidatives Potenzial, weit höher als anderes Obst. Dadurch können Sie die körpereigene Abwehr gegen Krebs unterstützen. Generell ist wichtig, dass wir viel Obst und Gemüse essen, und nicht so wichtig, welches genau wir zu uns nehmen. Eine gesunde Mischung aus allem, was uns behagt, ist das Beste. Darum gilt: Das Obst muss uns schmecken, dann essen wir es gerne, und je mehr wir essen, desto besser ist es für uns.
Welche Zukunft sehen Sie für die Zwetsche?
Michael Neumüller: In den kommenden Jahren werden etliche neue Sorten auf den Markt kommen, die die von den Alten Sorten herrührende Resistenz gegen Scharka in sich tragen und beste Geschmackseigenschaften aufweisen. Neue, größere Früchte werden mit Pfirsichen und Nektarinen um die Gunst der Verbraucher buhlen. Gerade erwacht ein starkes Interesse in der gehobenen Gastronomie, die vielseitige Obstart nicht nur auf dem Kuchen, sondern als Dessertfrucht und Element von Fleisch- und Nudelspeisen zu verwenden.
Hallo Garten, ich komme!
Lesen Sie jetzt das neue E-Book „schön + grün“ mit allen Infos und Trends rund um den eigenen Garten. Direkt zum Download!