Audienz beim Thronfolger

Englische Rosen

Die Englische Rose begeht dieses Jahr ihr 40. Jubiläum. Seit Langem ein Klassiker und mit ihrem Erfinder David C.H. Austin (wie die Queen 1926 geboren) untrennbar verbunden, sorgt Sohn David J.C. Austin als Geschäftsführer dafür, dass die Englischen Rosen keine Museumsshow werden, sondern sich weiterentwickeln. Der „Thronfolger“ schreibt hier insbesondere über die neuen Ent­wick­lungen und Generationen im Rosen-Reich von King David.

Anfang der 60er-Jahre, ungefähr zum Zeitpunkt meiner Geburt, erblickte auch ‘Constance Spry‘, die erste Rose von David Austin, das Licht der Welt. Wenn ich an meine früheste Kind­heit zurückdenke, kann ich mich an die Fas­zi­na­tion erinnern, die die Beobachtung der Pflanzen in unserem Garten auf mich ausübte. Es gab damals nur zwei Rosen in unserem Garten: die ‘Blaue Hechtrose‘ (Rosa glauca) und die ‘Cambridge-Rose‘ (Rosa x cantabrigiensis). Schon als Teenager hatte mich mein Vater, David C. H. Austin, in fast alle Bereiche der Firma David Austin Roses eingeführt, und 1995 wurde ich Geschäfts­führer.


Unsere Kunden wissen um unseren Ansatz: die besten Eigenschaften des Bewährten mit den Vorzügen des Neuen zu paaren. Wir versuchen, in den Rosen die so sehr ge­schätzten Charakteristiken zu vereinen, wie schöne Blütenform, delikater Duft, natürliche und klare Farben, ihre hervorragenden öfter blühenden Eigenschaften, einen strauchartigen und buschigen Wuchs, Gesundheit, Re­sistenz gegen Krankheiten und ihre Vitalität.


Seit vor 47 Jahren die einmal blühende ‘Con­stance Spry‘ auf den Markt gekommen ist, hat mein Vater mehr als 200 neue Sorten seiner Englischen Rosen marktreif gemacht. Die ersten sieben öfter blühenden Rosen von David Austin wurden 1969 vorgestellt. Die Englische Rose feiert dieses Jahr also ihren 40. Geburtstag.


Sie schreibt jetzt ihre eigene Geschichte – eine weitere Facette in der langen Historie der Rosenkultivierung. Solch ein Hintergrund kann manchmal ein zweifelhafter Segen sein: Als Hüter der Englischen Rose müssen wir besonders jetzt darauf achten, dass der Ruf der Klassiker der 90er-Jahre und der Rosengenerationen davor die nachfolgenden Generationen nicht überschattet und auch künftige Neuent­wicklungen eine Chance be­kommen.


Austin-Rosen haben die Herzen der deutschen Gärtner in den 80er-Jahren ero­bert. Ihre Treue zu den klassischen Sorten, wie ‘Abraham Darby‘ (1985), hat sich in den letzten Jahren noch vertieft. Meiner Mei­nung nach wird man letztendlich die Eng­lischen Rosen aber nach den Eigenschaf­ten der neu­eren Varianten beurteilen, nach dem Charak­­ter und der Gar­ten­taug­lichkeit vieler Nach­folger, die noch nicht auf dem Markt sind.



Die heutigen Sorten wurden ab­sichtlich so gezüchtet, dass sich die einzel­nen Sorten stark voneinander unterscheiden. Sogar bis hin zu unterschiedlichen Präferenzen, was ihren Stand­ort angeht. Eine „Einheitslösung“ kann die Eng­lische Rose also nicht bieten. Einige Sorten sind widerstandsfähiger und re­sistenter ge­gen Krankheiten als andere; einige haben einen überhängenden Wuchs mit nickenden Blüten, während die Blüten und Triebe anderer Sorten aufrecht wachsen; einige bleiben niedrig und kompakt, während sich wiederum andere über Jahre zu stattlichen Sträu­chern entwickeln; einige haben einen starken, komplexen und delikaten Duft; andere wiederum blühen öfter.


Lieblingsdüfte


Bedingt durch unser Streben nach Vielfalt und wegen der sich laufend vergrößernden Kollektion, wird das „Rosenhandbuch" im­mer wichtiger. In ihm beschreiben wir den Cha­rakter jeder Rose so, dass auch unerfahrene Gärtner die für sie beste Wahl treffen können. Um Ihnen das darzustellen, sollten wir vielleicht einmal einige meiner Lieblings­sorten näher betrachten. Englische Rosen sind be­kannt für ihre Wandlungsfähigkeit und ihre Duftintensität, die an Fruchtaro­­men, Teero­sen, Myrrhe, Moschus oder den Duft Alter Rosen erinnern kann. Es gibt aber auch sehr komplexe Kombinationen dieser Nuancen. Jeder Mensch hat ein etwas anderes Duftempfinden. Zu meinen Lieb­lings­sor­ten zählen ‘Claire Austin‘, die wir vor Kur­zem nach meiner Schwester benannt haben, ‘Jude the Obscure‘, ‘Lady Emma Hamilton‘, ‘Golden Celebration‘, ‘Gertrude Jekyll‘, ‘The Generous Gardener‘, ‘Abraham Darby‘, ‘Munstead Wood‘ und ‘Strawberry Hill‘.


Neue Blütenformen und Farben


Es ist unsere feste Überzeugung, dass die Schönheit einer Blüte nicht von ihrer Größe abhängt. Die mit großen Büscheln von winzigen Pomponblüten übersäte Rose, benannt nach meiner Frau ‘Francine Austin‘, wartet mit einer der winzigsten Blüten­formen unter den Englischen Rosen auf. Die Blüten der Klassiker im Stil der Alten Rosen, wie die von ‘Rosemoor‘, ‘Harlow Carr‘, ‘Strawberry Hill‘ und ‘William Shakespeare 2000‘, schwanken in der Größe – und jede hat ihren eigenen Zau­­ber. ‘Princess Alexandra of Kent‘ produziert sehr große Blüten, während man die Blüten von ‘Golden Celebration‘ und ‘Jubilee Cele­bra­tion‘ als riesengroß bezeichnen kann.


Die Anzahl der Blütenblätter variiert stark: angefangen mit den anmutig einfachen Blü­­ten von ‘Kew Gardens‘, die wir dieses Jahr vor­­gestellt haben, bis hin zu den lila-pink scha­lenförmigen Rosetten von ‘Spirit of Free­­­dom‘ mit etwa 200 Blüten­blät­t­chen. Be­­rühmt gemacht haben die Englischen Ro­sen jedoch ihre dop­pelt gefüllten Blüten­kelche mit der Vielzahl an Blättchen in schier endloser Formen­viel­falt.


Verglichen mit anderen Rosen, zeichnen sich die Blütenblätter der meisten Englischen durch ihre Transparenz aus. Wenn dann das Sonnenlicht von der Rose reflektiert wird, ent­­steht ein sanftes, leuchtendes, ständig wechselndes Farbspiel. Heute gibt es Eng­lische Rosen sowohl in allen klassischen Farben, wie wir sie von den Alten Rosen kennen, als auch in modernerem Gelb, Apricot und Pfirsich. Mit dem weichen Kupferton von ‘Pat Austin‘, nach meiner Mut­­ter be­nannt, gelang uns ein völlig neues Farb­­spiel. ‘La­dy of Shalott‘, eine diesjährige Neu­heit, ist in der Farbgebung ähnlich und, wie wir ­meinen, noch widerstandsfähiger. Mit dem außer­gewöhnlichen kräftigen Lachs­ro­sa der ‘Benjamin Britten‘, dem satten Tief­orange der ‘Lady Emma Hamilton‘ und einem komplexen brünierten Orange bei der ‘Sum­­mer Song‘ haben wir unsere Farb­palette zu­sätz­lich erweitert.



Die Wuchsform ist bei der Auswahl einer Rose sehr wichtig, obwohl dieser Aspekt oftmals unbeachtet bleibt. Für Rosenbeete eignen sich besonders Englische Rosen mit gleich­mäßigem, aufrechtem Wuchs, wie: ‘Charlotte Austin‘, ‘Sophy‘s Rose‘, ‘Molineux‘, ‘Darcey Bussell‘ und ‘Ambridge Rose‘. Viele formen einen buschigrunden Strauch und sind ideal für gemischte Rabatten. Hier empfehlen sich vor allem ‘Gol­den Celebration‘, ‘Grace‘, ‘Emanuel‘, ‘Jubilee Ce­lebration‘, ‘Wildeve‘ und ‘William Shakespeare 2000‘. Möchte man dagegen eher aufrecht stehende Rosen, sollte man zum Beispiel ‘The Pil­grim‘, ‘Scepter d'Isle‘, ‘Gertrude Jekyll‘ oder ‘Port Sunlight‘ wählen. Die klassischen Eng­lischen Rosen, die ihre Blüten in kleinen Bü­scheln präsentieren, haben oft ei­nen sanft überhängenden Habitus, wie ‘Crown Princess Margareta‘ und ‘A Shropshire Lad‘.


Wenig Arbeit, viele Freuden


Fast alle Englischen Rosen eignen sich für Beete, gemischte Rabat­ten und Hecken. Sie stehen aber auch entlang eines Zauns gut. Man sollte die neueren Sorten ausprobieren, sie werden sich als wahre Alleskönner im Garten erweisen. Allerdings darf man nicht ver­gessen, die Wuchshöhe in die Überlegungen einzubeziehen. Einige Sorten sind hervorragende Kletterer. Zum Begrünen von Rosen­bö­gen und Pergo­len wählt man am besten eine der Rambler­rosen, wie ‘Malvern Hills‘ oder ‘Snow Goose‘, oder eine der wüchsigeren Kletterrosen: ‘St. Swithun‘, ‘Teasing Georgia‘, ‘The Pilgrim‘, ‘The Gene­rous Gardener‘, ‘Mor­timer Sackler‘ oder ‘Graham Thomas‘.


Trotz all unserer Fortschritte, die wir durch unsere Züchtungsprogramme erzielen konnten, besteht leider immer noch der Irr­glau­ben, Englische Rosen seien schwer zu kultivieren. Stimmt, einige der älteren stellen durchaus eine Her­ausforderung dar. Die meis­­ten Englischen Rosen, die in den 90er-Jahren be­liebt waren, etwa ‘English Garden‘, ‘Evelyn‘ und ‘Fisher­man's Friend‘, wurden mittlerweile durch andere Sorten ersetzt, die ihnen in Schön­heit nicht nachstehen, aber gesünder und zuverlässiger sind. Heute kann der Gar­ten­­neuling, der zum ersten Mal auf Eng­lische Rosen trifft, zwischen viel schöneren, neu­en Rosatönen wählen. Beste Bei­spie­le dafür sind ‘Wildeve‘, ‘Harlow Carr‘, ‘Gentle Her­mione‘, ‘Wisley 2008‘ oder ‘Eglantyne‘.


Die meisten Züchtungen der letzten 10 bis 15 Jahre verlangen außer einem guten Bo­den, Dünger, Wasser und Rück­schnitt nur wenig oder keine besondere Pfle­ge. Unsere Ro­­sen werden wäh­rend der Feldversuche nicht mit Pflanzenschutz­mitteln behandelt. ‘Wild Edric‘ und ‘The Mayflower‘, die beide zu den gesündesten Sorten gehören, nehmen die Behand­lung mit Pflanzen­schutz­mitteln sogar arg übel. Wie übrigens die meisten Rosen, die aus einer Kreuzung mit Rosa rugosa, also der Kartof­felrose, hervorgegangen sind.



Die Freuden, die ein begeisterter Rosen­gärt­ner aus seiner Arbeit als Gegenleistung er­hält, sind unbeschreiblich. Deshalb: Su­chen Sie sich einen schönen Platz in Ihrem Garten aus, bereiten Sie den Boden unter Zugabe von genügend Kompost gut vor und wagen Sie das Experiment, indem Sie ein kleines Rosenbeet oder eine gemischte Ra­batte an­legen. Eigentlich sollte kein Haus ohne ein paar Kletterrosen am Hauseingang oder am Gartentor auskommen müssen, und niemand die Freuden einer Rosenhecke missen.


Aber Vorsicht: Die Kultivierung von Rosen kann zur Faszination werden. Englische Ro­sen verführen leicht zum Sammeln! Wenn Sie die älteren Sorten Ihrer Englischen Rosen lieben und mit dem Ergebnis zufrieden sind, sollten Sie genau da weitermachen. Falls Sie jedoch ziemlich am Anfang stehen und sich noch nicht an Englische Rosen herangewagt haben, weil Sie dachten, dass sich alle oh­­ne­­hin gleichen, so hoffe ich, dass ich Sie dazu inspirieren konnte, einige meiner bevorzugten neuen Sorten auszuprobieren. Ich garantiere Ihnen eine Überraschung!


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