Wählen Frauen andere Weine?

Im Restaurant wird noch immer dem Herrn die Weinkarte gereicht – und so die Entscheidung überlassen! Manche Tradition ist wirklich von gestern.

Im Restaurant wird noch immer dem Herrn die Weinkarte gereicht – und so die Entscheidung überlassen! Manche Tradition ist wirklich von gestern.

Anfang der 90er-Jahre wird die Winzerwelt von Männern beherrscht, Frauen sind eindeutig unterrepräsentiert. Das bekommt auch Andrea Engler-Waibel zu spüren. Sie ist eine von nur fünf Oenologie-Studentinnen unter 95 Studenten. Die junge Frau schließt sich mit sechs anderen Wein-Enthusiastinnen vom südbadischen Kaiserstuhl zusammen und gründet den Verein Vinissima – Frauen und Wein e.V., der in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen feierte.


Anfänglich werden die Vinissima-Frauen von den „richtigen“ Winzern belächelt. „Kaffeeklatsch“ oder „Emanzenclub“ tuschelt es über die Dörfer. Aber bei Gleichgesinnten findet die Forum-Idee Zuspruch. Inzwischen hat der Verein mehr als 400 Mitglieder: Winzerinnen, Journalistinnen, Gastronominnen und Sommelieren.


Warum ist es wichtig, Frauen eine eigene Plattform zu schaffen?


Andrea Engler-Waibel: Wir genießen anders, schmecken und empfinden anders. Dennoch entscheiden meistens die männlichen Begleiter, welcher Wein getrunken wird.


Was bieten Sie Ihren Vinissima-Frauen?


Andrea Engler-Waibel: Persönliche Kontakte zu anderen Winzerinnen, auch über die deutschen Grenzen hinweg. Die Möglichkeit, ein Netzwerk aufzubauen, um Erfahrungen auszutauschen oder gemeinsam nach Lösungen zu suchen.


Gibt es einen bestimmten Frauen-Geschmacks-Trend?


Andrea Engler-Waibel: Das Vorurteil, dass Frauen auf leichte Weißweine stehen, kann ich nicht bestätigen. Frauen mögen auch Rotweine. Aber interessant müssen sie sein.


Welches ist Ihre Lieblingsrebsorte?


Andrea Engler-Waibel: Mein Herz schlägt für den Gutedel. Das Klima im Markgräflerland ist genau seins. Er ist ein leichter, bekömmlicher, filigraner Wein.


Was bedeutet Ihnen Tradition?


Andrea Engler-Waibel: Ich führe unser Gut in der vierten Generation mit altbewährtem Hand-Werk. Ich laufe nicht jeder technischen Innovation hinterher. Deshalb werden meine Trauben auch von Hand gelesen.



Aber der Weinbau verändert sich doch?


Andrea Engler-Waibel: Klimabedingt. In besonders heißen Sommern übernehmen wir nun Praktiken, die eher in Südeuropa üblich sind: Die Blätter bleiben zum Beispiel zum Schutz der Trauben vor zu großer Hitze an den Rebstöcken.


Mit wem würden Sie gerne einmal ein Glas Wein trinken?


Andrea Engler-Waibel: Da fällt mir kein Prominenter ein. Aber mein Mann. Ein Glas mit ihm genieße ich besonders. Er ist kein Winzer, sondern Angestellter in einer Steuerkanzlei.


Gibt es noch immer Probleme mit der Akzeptanz von Winzerinnen?


Andrea Engler-Waibel: Ich habe eine Tochter (12) und einen Sohn (9). Die Markgräfler freuen sich über meinen Nachwuchs und sagen: „Da gibt‘s ja dann wieder einen Stammhalter.“ – Merken Sie was?


Ihr Leitspruch für den Weinbau?


Andrea Engler-Waibel: Demut als Winzer. Denn das letzte Wort spricht ein anderer.


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