Sauerstoff für den Club der alten Herren

Jung­winzer von „Oxygène“. Von links nach rechts: Jean-Antoine Nony, Juliette Bécot, Jean-Bap­tiste Bourotte

Die jungen wilden Bordeaux-Winzer von „Oxygène“ wollen dem weltgrößten Anbaugebiet für feine Weine nicht die Qualität, aber die Selbstgefälligkeit austreiben. Notizen aus dem Bordelais

Bordeaux-Weine wecken global Be­geis­­te­rung und Hingabe, aber auch Ehr­furcht und Verunsicherung. Erfolg und Problem liegen beim – vorwiegend roten – Bordeaux so dicht beieinander, dass man oh­ne zu übertreiben sagen kann: Die jahrhundertealte Re­putation des Bordeaux, Inbegriff für Wein­­kultur, Weinerfahrung und Wein­wissen, hat mit dem Ruhm der großen Franzosen vielleicht zwangsläufig auch seine Schat­ten­sei­­ten hervorbringen müssen.


Jedenfalls befindet sich das weltweit größte Anbaugebiet für Qualitätsweine, das mit knapp 125.000 Hektar klassifizierter Her­kunfts­­­be­zeichnung (AOC) zwar gerade mal 1,5 Pro­­­zent der globalen Anbaufläche und auch nur 2,2 Prozent der weltweiten Erzeu­­gung ausmacht, heute in folgender Situa­tion: Der Ruf der absoluten Topweine mit Namen wie Pome­rol und Château Pétrus, Margaux und St. Emilion, Mouton-Roth­schild und Lafite, Latour oder Sauternes ist ungebrochen. Sie erzielen in Spitzenjahr­gän­­gen Rekordpreise von 1.000 Euro pro Flasche – und mehr.


Sie sind in erster Linie Status­­symbole und erst in zweiter Hinsicht Weine. Doch sie machen nur einen Bruchteil der Bor­­deaux-Weine aus – und dem viel größeren Teil anderer guter das Leben schwer. Von den rund 11.000 Wein­gütern (Châteaux) in der Region auf dem 45. Breitengrad gehören an die 150 zur Topliga. Unter ihnen leiden folglich über 10.800 andere Châteaux mit vielfach prima Wein zu erschwinglichen Preisen.


Das tut der Mehrheit der Winzer nicht nur wirtschaftlich weh. Es ebnet den Namen Bor­deaux ungerechtfertigt ein. Es führt dazu, dass die berühmten Marken­namen stellvertretend für alle Bor­deaux wahrgenommen werden, während man etwas weniger be­­kannte Namen fälschlich für ebenso unerschwinglich hält wie einen der Weltmeister. Bordeaux ist eine Wein­bau­region mit ei­nem Kommunikations­pro­blem geworden.



Das Neue und Schöne besteht darin, dass Bordeaux-Winzer seit einiger Zeit mit Verve versuchen, den Ruf der Unnahbarkeit und Selbst­gefälligkeit, der die Region als Wiege edler Rebsorten umgibt, aufzubrechen. Bordeaux soll nach ihrem Wunsch nicht länger ein Wein sein, den man nur mit Krawatte zum Galadiner serviert oder den nur trinken kann, der vorher tief in die Tasche gegriffen hat. Bordeaux soll Alltags­ge­fährte sein.


Joanna Simon ist seit 22 Jahren Wein-Jour­nalistin, Buchautorin und Engländerin. Letz­teres überrascht nur auf den ersten Blick. Bordeaux war 300 Jahre englisch, Bordeaux wurde nicht zuletzt von englischen Händlern be­kannt gemacht, und viele der kundigs­ten Weinkritiker heute sind Briten.


Wir treffen uns bei einer Verkostung im „La Tupina“, einem der erlebenswerten Restau­rants in der Altstadt von Bordeaux. Joanna Simon kommt häufig hierher. Für sie ist der Wandel der Stadt an der Garonne von einer Örtlichkeit mit geschwärzten Fassaden zur lebendigen Me­tropole mit großer Studen­ten­schaft, sorgsam renovierter Altstadt aus dem 18. Jahr­hundert (seit Juni 2007 UNESCO-Welterbe) und schön restaurierter Ufer­­ku­lisse ebenso beeindruckend wie die begonnene Veränderung der Kommunikation mit der Welt: „Früher konnte man in Bor­deaux exzellenten Wein kaufen, aber ihn fast nirgend­wo kosten. Die meisten Güter dachten nicht an Wein­verkauf, und be­sichtigen konnte man sie eben­so wenig. Das alles ist im Umbruch und eine Ant­wort auf die enorme Kon­kur­renz, die dem Mut­terland des Weins vor allem in Ka­lifornien, Aus­tralien, Neu­see­land, Chile und Süd­­afrika entstand.“



Juliette Bécot (31), Jean-Baptiste Bourotte (35) und Jean-Antoine Nony (30) haben an dieser Öffnung aktiv Anteil. Sie re­­präsen­tieren ein neues Ge­­sicht des Bordeaux. Sie sind jung, haben das Geschäft von der Pike auf gelernt, besitzen eigene Güter – und den Ehr­­geiz, den Staub des allzu Ehrwürdigen, der sich auf die Marke Bor­deaux gelegt hat, zu beseitigen. Zusammen mit 15 weiteren Frauen und Männern, die sich auf der Uni, oft in der Fakultät für Weinkunde, in Bor­deaux kennenlernten, haben sie 2005 „Oxy­gène“ (Sauerstoff) gegründet. Der Name ist Programm: Die Frauen und Männer fanden, dass der verdiente Ruf des Bordeaux unverdient eng an seine kleine Zahl Top­mar­ken und vor allem ans Image einer Kaste elitärer, meist älterer Herren in exklusiven Gent­le­men‘s Clubs geknüpft wird, die bei Ka­viar Zi­garre rauchen, Whisky schlürfen oder sich eben einen Bordeaux gönnen.


Jean-Baptiste Bourotte, Präsident der „Sau­er­stoff“-Winzer, stammt aus Libourne, wo Ex-Präsident Mitterrands Sohn Bürger­meister ist und wie Bor­deaux Bür­ger­meister Alain Juppé, aber anders als die Präsidenten Sarkozy (heute abstinent) und Chirac (Bier­trinker), den Wein liebt.


Bourotte hat Wirtschaft studiert, Jahre für Cartier sowie in Argentinien, Uruguay und in der Schweiz gearbeitet, ehe er die fünf Weingüter sei­­nes Vaters in Pomerol und Saint-Émilion übernahm: „Das Bild vom Bordeaux ist für die meisten von den wenigen Spit­zen­marken zu sündhaften Preisen, von Pres­tige und Etikette geprägt. Das wollen wir ändern. Wir wollen die vielen guten anderen Bordeaux-Wei­ne auf die Land­karte ho­len. Das soll durch offenen und direkten Um­gang mit den Kunden – und dem Wein – ge­schehen. Wir sagen: Pro­bieren Sie einfach Bor­­deaux und schauen Sie, ob er Ihnen schmeckt! Danach können Sie im­mer noch ‚wissenschaftliche‘ Fragen stellen...“


Diese entspanntere Annäherung liegt den Winzern von „Oxygène“ am Herzen. Entspre­chend ziehen sie ihre Sau­erstoffkur auf: in einer Bar in Bordeaux, wo junge Leute Wein zu Pizza und Rock trinken, anstatt als Erstes vor Staunen „Oh, ein Bordeaux!“ auszurufen. Im „Greyhound Pub“ in London-Chelsea, wo die Franzosen gestandenen britischen Bier­trinkern ihr persönliches Wein­erlebnis verschaffen. Mit Erfolg. In Melbourne, wo die Aktivis­ten Kunden beim Wein-und-Obst-Festival die Berührungsangst vorm Bordeaux nehmen. Oder bei Veranstaltungen in Sao Paulo und Rio.


Juliette Bécot, die „schon mit drei beim Vater im Weinkeller stand, wo ich den Wasserhahn auf- und zudrehen durfte“, und heute zwei Weinberge in Saint-Émilion besitzt: „Es hat in den letzten Jahren jede Menge Spe­ku­lation mit Bordeaux durch Finanzhaie gegeben. Auch das wollen wir ändern. Wein soll Quell von Freude, Gast­lichkeit und Ge­sel­ligkeit und kein Speku­lationsobjekt sein. Der Wein soll Winzer ernähren, aber er muss sie nicht zu Heuschrecken machen.“



Jean-Antoine Nony, nach dem Tod des Va­ters bereits mit 21 im Geschäft, hat vor Über­nahme seines Châteaus in Saint-Émilion im Weinhandel in Bordeaux und London ge­ar­beitet. Er teilt mit den Kompagnons von „Oxy­gène“ die Wan­derjahre, spricht Englisch so selbstverständlich, wie das vor einer Ge­neration unter französischen Weinbauern unvorstellbar war. Auch er will, dass der Bor­deaux ein Stück von seinem Exklusi­vitäts-Gestus ablegt. „Es ärgert mich manchmal, dass junge Leute wie selbstverständlich in Pasta-Bars italienischen Wein trinken, wäh­­rend französische Restaurants inter­na­tional sofort mit teuren Speisen ver­bun­den werden. Wir werden das ändern – und mit der finessenreichen Vielseitigkeit des Bor­deaux haben wir ein Pfund, um das uns die Welt beneidet.“


Guter Wein für schönes Geld

Auch für 2008/2009 fand unter dem Motto „100 Bordeaux für alle“ eine umfangreiche Blindverkostung von einer Experten-Jury unter Leitung des Som­melier-Weltmeisters Markus Del Monego statt. Sie wählte die besten 100. Erst­klassige, frische und sofort trinkreife Bor­deaux-Weine, die im er­schwinglichen Preis­bereich von 4 bis 15 Euro liegen. Die Auswahl­kriterien waren 2008, wie in den Jahren zuvor, ein günstiges Preis-Leis­tungs-Verhältnis, hohe Qualität sowie eine deutschlandweite Distribution.


97 Winzer, Importeure und Großhändler reichten 430 Weine ein, die dann von einer 12-köpfigen Jury aus Wein­ex­per­ten, Sommeliers und Önologen verkostet wurden. „Ich freue mich sehr über den regen Zuspruch. Ein Zeichen für die Vielfalt und das Interesse an Weinen aus Bordeaux“, so der Marketingleiter des Weinbauverbands aus Bordeaux (CIVB), Pascal Loridon. Ob Rotwein, Weißwein, Rosé- oder Süß­weine, die Auswahl ist groß und einen Überblick zu bekommen oft schwer.


Ein guter Tropfen sollte natürlich schme­cken, aber mög­lichst auch zum Anlass passen. Sämtliche aktuellen „100 Bor­deaux für alle“ und ihre Bezugs­quellen sind in einer übersichtlichen Broschüre erfasst. Zusammen mit hilfreichen Spei­­senvorschlägen zu den einzelnen Weinen sowie Angaben zum Anbau­gebiet Bor­deaux finden Sie die unter www.bordeaux.com.


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