So schmeckt Weihnachten!
Margit Schönberger, Autorin und Journalistin, vor allem aber Feinschmeckerin, über ihre kulinarischen...

Bordeaux-Weine wecken global Begeisterung und Hingabe, aber auch Ehrfurcht und Verunsicherung. Erfolg und Problem liegen beim – vorwiegend roten – Bordeaux so dicht beieinander, dass man ohne zu übertreiben sagen kann: Die jahrhundertealte Reputation des Bordeaux, Inbegriff für Weinkultur, Weinerfahrung und Weinwissen, hat mit dem Ruhm der großen Franzosen vielleicht zwangsläufig auch seine Schattenseiten hervorbringen müssen.
Jedenfalls befindet sich das weltweit größte Anbaugebiet für Qualitätsweine, das mit knapp 125.000 Hektar klassifizierter Herkunftsbezeichnung (AOC) zwar gerade mal 1,5 Prozent der globalen Anbaufläche und auch nur 2,2 Prozent der weltweiten Erzeugung ausmacht, heute in folgender Situation: Der Ruf der absoluten Topweine mit Namen wie Pomerol und Château Pétrus, Margaux und St. Emilion, Mouton-Rothschild und Lafite, Latour oder Sauternes ist ungebrochen. Sie erzielen in Spitzenjahrgängen Rekordpreise von 1.000 Euro pro Flasche – und mehr.
Sie sind in erster Linie Statussymbole und erst in zweiter Hinsicht Weine. Doch sie machen nur einen Bruchteil der Bordeaux-Weine aus – und dem viel größeren Teil anderer guter das Leben schwer. Von den rund 11.000 Weingütern (Châteaux) in der Region auf dem 45. Breitengrad gehören an die 150 zur Topliga. Unter ihnen leiden folglich über 10.800 andere Châteaux mit vielfach prima Wein zu erschwinglichen Preisen.
Das tut der Mehrheit der Winzer nicht nur wirtschaftlich weh. Es ebnet den Namen Bordeaux ungerechtfertigt ein. Es führt dazu, dass die berühmten Markennamen stellvertretend für alle Bordeaux wahrgenommen werden, während man etwas weniger bekannte Namen fälschlich für ebenso unerschwinglich hält wie einen der Weltmeister. Bordeaux ist eine Weinbauregion mit einem Kommunikationsproblem geworden.
Das Neue und Schöne besteht darin, dass Bordeaux-Winzer seit einiger Zeit mit Verve versuchen, den Ruf der Unnahbarkeit und Selbstgefälligkeit, der die Region als Wiege edler Rebsorten umgibt, aufzubrechen. Bordeaux soll nach ihrem Wunsch nicht länger ein Wein sein, den man nur mit Krawatte zum Galadiner serviert oder den nur trinken kann, der vorher tief in die Tasche gegriffen hat. Bordeaux soll Alltagsgefährte sein.
Joanna Simon ist seit 22 Jahren Wein-Journalistin, Buchautorin und Engländerin. Letzteres überrascht nur auf den ersten Blick. Bordeaux war 300 Jahre englisch, Bordeaux wurde nicht zuletzt von englischen Händlern bekannt gemacht, und viele der kundigsten Weinkritiker heute sind Briten.
Wir treffen uns bei einer Verkostung im „La Tupina“, einem der erlebenswerten Restaurants in der Altstadt von Bordeaux. Joanna Simon kommt häufig hierher. Für sie ist der Wandel der Stadt an der Garonne von einer Örtlichkeit mit geschwärzten Fassaden zur lebendigen Metropole mit großer Studentenschaft, sorgsam renovierter Altstadt aus dem 18. Jahrhundert (seit Juni 2007 UNESCO-Welterbe) und schön restaurierter Uferkulisse ebenso beeindruckend wie die begonnene Veränderung der Kommunikation mit der Welt: „Früher konnte man in Bordeaux exzellenten Wein kaufen, aber ihn fast nirgendwo kosten. Die meisten Güter dachten nicht an Weinverkauf, und besichtigen konnte man sie ebenso wenig. Das alles ist im Umbruch und eine Antwort auf die enorme Konkurrenz, die dem Mutterland des Weins vor allem in Kalifornien, Australien, Neuseeland, Chile und Südafrika entstand.“
Juliette Bécot (31), Jean-Baptiste Bourotte (35) und Jean-Antoine Nony (30) haben an dieser Öffnung aktiv Anteil. Sie repräsentieren ein neues Gesicht des Bordeaux. Sie sind jung, haben das Geschäft von der Pike auf gelernt, besitzen eigene Güter – und den Ehrgeiz, den Staub des allzu Ehrwürdigen, der sich auf die Marke Bordeaux gelegt hat, zu beseitigen. Zusammen mit 15 weiteren Frauen und Männern, die sich auf der Uni, oft in der Fakultät für Weinkunde, in Bordeaux kennenlernten, haben sie 2005 „Oxygène“ (Sauerstoff) gegründet. Der Name ist Programm: Die Frauen und Männer fanden, dass der verdiente Ruf des Bordeaux unverdient eng an seine kleine Zahl Topmarken und vor allem ans Image einer Kaste elitärer, meist älterer Herren in exklusiven Gentlemen‘s Clubs geknüpft wird, die bei Kaviar Zigarre rauchen, Whisky schlürfen oder sich eben einen Bordeaux gönnen.
Jean-Baptiste Bourotte, Präsident der „Sauerstoff“-Winzer, stammt aus Libourne, wo Ex-Präsident Mitterrands Sohn Bürgermeister ist und wie Bordeaux Bürgermeister Alain Juppé, aber anders als die Präsidenten Sarkozy (heute abstinent) und Chirac (Biertrinker), den Wein liebt.
Bourotte hat Wirtschaft studiert, Jahre für Cartier sowie in Argentinien, Uruguay und in der Schweiz gearbeitet, ehe er die fünf Weingüter seines Vaters in Pomerol und Saint-Émilion übernahm: „Das Bild vom Bordeaux ist für die meisten von den wenigen Spitzenmarken zu sündhaften Preisen, von Prestige und Etikette geprägt. Das wollen wir ändern. Wir wollen die vielen guten anderen Bordeaux-Weine auf die Landkarte holen. Das soll durch offenen und direkten Umgang mit den Kunden – und dem Wein – geschehen. Wir sagen: Probieren Sie einfach Bordeaux und schauen Sie, ob er Ihnen schmeckt! Danach können Sie immer noch wissenschaftliche‘ Fragen stellen...“
Diese entspanntere Annäherung liegt den Winzern von „Oxygène“ am Herzen. Entsprechend ziehen sie ihre Sauerstoffkur auf: in einer Bar in Bordeaux, wo junge Leute Wein zu Pizza und Rock trinken, anstatt als Erstes vor Staunen „Oh, ein Bordeaux!“ auszurufen. Im „Greyhound Pub“ in London-Chelsea, wo die Franzosen gestandenen britischen Biertrinkern ihr persönliches Weinerlebnis verschaffen. Mit Erfolg. In Melbourne, wo die Aktivisten Kunden beim Wein-und-Obst-Festival die Berührungsangst vorm Bordeaux nehmen. Oder bei Veranstaltungen in Sao Paulo und Rio.
Juliette Bécot, die „schon mit drei beim Vater im Weinkeller stand, wo ich den Wasserhahn auf- und zudrehen durfte“, und heute zwei Weinberge in Saint-Émilion besitzt: „Es hat in den letzten Jahren jede Menge Spekulation mit Bordeaux durch Finanzhaie gegeben. Auch das wollen wir ändern. Wein soll Quell von Freude, Gastlichkeit und Geselligkeit und kein Spekulationsobjekt sein. Der Wein soll Winzer ernähren, aber er muss sie nicht zu Heuschrecken machen.“
Jean-Antoine Nony, nach dem Tod des Vaters bereits mit 21 im Geschäft, hat vor Übernahme seines Châteaus in Saint-Émilion im Weinhandel in Bordeaux und London gearbeitet. Er teilt mit den Kompagnons von „Oxygène“ die Wanderjahre, spricht Englisch so selbstverständlich, wie das vor einer Generation unter französischen Weinbauern unvorstellbar war. Auch er will, dass der Bordeaux ein Stück von seinem Exklusivitäts-Gestus ablegt. „Es ärgert mich manchmal, dass junge Leute wie selbstverständlich in Pasta-Bars italienischen Wein trinken, während französische Restaurants international sofort mit teuren Speisen verbunden werden. Wir werden das ändern – und mit der finessenreichen Vielseitigkeit des Bordeaux haben wir ein Pfund, um das uns die Welt beneidet.“
Guter Wein für schönes Geld
Auch für 2008/2009 fand unter dem Motto „100 Bordeaux für alle“ eine umfangreiche Blindverkostung von einer Experten-Jury unter Leitung des Sommelier-Weltmeisters Markus Del Monego statt. Sie wählte die besten 100. Erstklassige, frische und sofort trinkreife Bordeaux-Weine, die im erschwinglichen Preisbereich von 4 bis 15 Euro liegen. Die Auswahlkriterien waren 2008, wie in den Jahren zuvor, ein günstiges Preis-Leistungs-Verhältnis, hohe Qualität sowie eine deutschlandweite Distribution.
97 Winzer, Importeure und Großhändler reichten 430 Weine ein, die dann von einer 12-köpfigen Jury aus Weinexperten, Sommeliers und Önologen verkostet wurden. „Ich freue mich sehr über den regen Zuspruch. Ein Zeichen für die Vielfalt und das Interesse an Weinen aus Bordeaux“, so der Marketingleiter des Weinbauverbands aus Bordeaux (CIVB), Pascal Loridon. Ob Rotwein, Weißwein, Rosé- oder Süßweine, die Auswahl ist groß und einen Überblick zu bekommen oft schwer.
Ein guter Tropfen sollte natürlich schmecken, aber möglichst auch zum Anlass passen. Sämtliche aktuellen „100 Bordeaux für alle“ und ihre Bezugsquellen sind in einer übersichtlichen Broschüre erfasst. Zusammen mit hilfreichen Speisenvorschlägen zu den einzelnen Weinen sowie Angaben zum Anbaugebiet Bordeaux finden Sie die unter www.bordeaux.com.