Ohne Etiketten-Schwindel: Der Ess- und Tisch-Knigge

Ohne Etiketten-Schwindel: Der Ess- und Tisch-Knigge

„Die Soße ist die Visitenkarte des Kochs. Darf man sie mit einem Stückchen Brot auf­tunken oder sieht das gierig aus? a) Man darf. Um sich nicht die Finger schmut­zig zu machen, kann man das Brot auch auf die Gabel spießen. b) Auf keinen Fall. Das würde allen anderen am Tisch den Ap­petit verderben. c) Ja, aber die Regel lau­tet: Bei hellen Soßen nur mit Weißbrot, bei dunklen nur mit Mischbrot.“

Daheim oder bei Freunden ist das keine Frage. Welche Köchin freut sich nicht, wenn es ihren Gästen so gut schmeckt, dass sie ihren Teller blank putzen. Aber im No­bel­restaurant? Wer aus Unsicherheit den Soßenrest auf dem Teller lässt, hat sich oh­ne Not um einen kleinen Genuss gebracht.


Es sieht ganz so aus, als könne es nicht schaden, diesen und jenen Ernstfall schon einmal im vertrauten Kreis zu proben, da­mit man in der Öffentlichkeit schön locker bleibt und trotzdem in kein Fettnäpfchen tritt. Ganz abgesehen davon, dass man auch im häuslichen Alltag ruhig etwas mehr auf gute Manieren achten sollte, als das oft eingerissen ist.


Ohne Anleitung aber nutzt auch der beste Wille nichts. Selbst Naturtalente werden nicht mit dem Wissen geboren, wie man Por­zellan, Gläser und Besteck für das große Vier-Gänge-Menü anordnet, wie man stilvoll an die Zwiebelsuppe unter der Käse­hau­be gelangt, wie man, ohne unangenehm aufzufallen, dem Hummer beikommt, ob man das Baguette schneidet, bricht, ob man zierlich von ihm abbeißt oder wie man sich beim Martini dezent des Olivenkerns entledigt. Schlimmer, als im Fall der Fälle dergleichen nicht zu wissen, ist nur, sich sol­che Fragen überhaupt nicht erst zu stellen. Wie gut, dass es Ratgeber gibt, die uns freundlich mit der Nase darauf stoßen und ohne erhobenen Zeigefinger an ihrem si­che­ren Benehmen teilhaben lassen.


Ute Witt zum Beispiel, die einen „Ess- und Tisch-Knigge“ verfasst hat, aus dem auch die eingangs gestellte Testfrage stammt. „Nie wieder peinlich!“ stellt sie uns in Aus­sicht, wenn wir den souveränen Um­­gang mit dem Lammkotelett, der Schne­cken­­zan­ge, der Kleiderordnung oder dem Small­talk erst einmal gelernt haben. Von Jacobsmuscheln oder Fondue nur zu le­sen, mag allerdings etwas dröge sein. Au­ßer­dem prägen sich Regeln, deren praktische Erprobung man mit einer angenehmen Erinnerung verbindet, viel besser ein. Gibt es einen besseren Anlass, wieder einmal ei­ne Einladung an liebe Menschen aus­zu­spre­chen und gemeinsam zu üben, wie man köst­liche Artischocken verzehrt?


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