So schmeckt Weihnachten!
Margit Schönberger, Autorin und Journalistin, vor allem aber Feinschmeckerin, über ihre kulinarischen...

Die Beweiskraft von Liebeserklärungen ist begrenzt. Aber man muss sie ernst nehmen. Deshalb drei Klarstellungen: Guter Whisky ist ein Rätsel – das macht ihn lebensnah. Guter Whisky macht kreativ – anders als Biere, die einander immer ähnlicher werden. Guter Whisky erfüllt Sehnsucht. G.B. Shaw nannte ihn „flüssigen Sonnenschein“.
Es geht hier nicht um Blankoschecks für Suchtverherrlichung. Genuss und „abuse“ schließen einander aus wie Tatsache und Vorurteil. Whisky bewahrt seine Außergewöhnlichkeit, wenn sein Konsum jeder Tendenz zu Übermut und Überfluss widersteht. Jeden Tag Steak ist Geschmacksverirrung, jede Woche ohne Sonntag Kulturverlust.
Sukhinder Singh (41) ist in London geboren, ausgebildeter Notar und beherbergt in seinem Haus 5.000 Flaschen besten Whiskys aus aller Welt. Als Chef von The Whisky Exchange ist er ein Großer des Geschäfts, Liebhaber und Kenner des Getränks.
Im Norden Londons sitze ich mit ihm in seinem Lagerhaus inmitten von rund 100.000 Flaschen von, so schätzt er, „etwa 2.000 Malt Whisky-Sorten.“ Den guten Absatz erklärt er mit der über 500-jährigen Geschichte und der Reinheit des Produkts aus den drei Zutaten Gerste, weiches Quellwasser, Hefe: „Malt Whisky ist unverfälschte Natur. Duft und Geschmack wecken Erinnerungen an Dinge, die man aus der Kindheit kennt – der erste Kontakt mit warmem Sand am Strand, ein Gang am Meer ...“
Sukhinder Singh hält Malz-Whisky deshalb auch nicht für ein Mode-Getränk. „Whisky ist für viele Bleibewert, Ruheanker und Beleg für Beständigkeit.“ In entspannter Atmosphäre einen guten Whisky zu trinken, das ist Dialog mit den Elementen. Es erzeugt Ruhe und Reflektion, ermöglicht Gespräch und Gesellschaft, beantwortet die Suche nach Echtheit. Malt ist Sehnsuchts-Stoff.
Reiner Malt Whisky entsteht aus gemälzter Gerste. Er ist unverschnitten und gebrannt und kommt jeweils aus nur einer Destillerie. Knapp 100 gibt es in Schottland. Die Meisterschaft beim Fertigen der Fässer veranlasst die 1887 gegründete Glenfiddich Distillery noch heute, ihren Küfern fünf Jahre Ausbildung zu gönnen – etwa die Zeit, die ein angehender Arzt studiert. Das und die begrenzte Menge, der lange Lauf von Brennen und Destillieren, die aufwendige Eichenfass-Lagerung bis zur Reifung, in der er seine Schärfe verliert und den weichen Geschmack gewinnt, machen einen Malt etwa doppelt so teuer wie den sogenannten Blended Whisky, der aus der Vereinigung gemälzter und ungemälzter Whiskys entsteht.
Die Glenfiddich Rare Collection 1937, ein Malt, der bis 2001 insgesamt 64 Jahre in Fass 843 im Lagerkeller Größe gewann – nach Abfüllen reift Whisky nicht weiter –, gilt oft als ältester und teuerster Scotch der Welt. Solche Mitteilungen provozieren in der Branche Unterlassungserklärungen. Sukhinder Singhs Whisky-Börse beanspruchte bis vor Kurzem den Weltrekord für die am teuersten verkaufte Flasche Malt. „Es war ein 62 Jahre alter Dalmore, von dem es 12 Flaschen gab. Wir haben die Flasche für über 40.000 Pfund an ein Hotel verkauft.“
Mr. Singh hat die Erfahrung gemacht, „dass Japaner nicht nur einige der besten Whiskys herstellen, sondern überhaupt die größten Whisky-Kenner sind. Sie genießen und studieren ihn. Deutsche, Belgier und Niederländer sind ebenfalls kundig.“ Gleichfalls gesichert: Franzosen führen die Nationenwertung im Scotch-Konsum an. Sie trinken im Monat mehr Whisky als Cognac im Jahr.
Wie wählerisch Sukhinder Singh ist, zeigt sein Rat, „jeden Whisky so viele Sekunden vorm Schlucken auf der Zunge zu halten, wie er an Jahren alt ist, um seinen Geschmack richtig zu ermessen.“ Einen alleinigen Favoriten hat er nicht. „Das Leben ist zu abwechslungsreich, um den gleichen Whisky zweimal zu trinken.“