Mein privater Sterne-Koch (Teil 9): André Klode-Purat, „Hotel Berlin“, Berlin
Selber gut kochen ist entweder Leidenschaft oder geglücktes Experiment. Kochen mit anderen ganzheitliche...

Manch einer hat sein Lieblingsrestaurant gleich um die Ecke, ein anderer entdeckte es bei einem Fahrradausflug, der Nächste erhielt von Freunden einen Tipp. Genau diese Adressen, wo Sie Ihren Hunger und Appetit am liebsten stillen, werden wir erkunden. Kennwort: Mein privater Sternekoch!
Ein solides Backsteingebäude, dessen einstige Berufung als Schule noch ablesbar ist. Denkmalgeschützt, weil es, wie die Nachbarhäuser rechts und links, Anrainer am ehemaligen Treidelkanal in Zerpenschleuse ist. Als die Welt ihre Waren noch nicht durch Endlos-Lkw-Kolonnen verteilen ließ, tummelten sich viele Frachtkähne auf dem kleinen Verbindungskanal am Rande der Brandenburger Schorfheide. Da flach und eng, konnten die Schlepper nicht Dampf geben; die Boote wurden mit Stricken vom Ufer aus gezogen. Treideln nennt man diese umweltbekömmliche Art der Bewegung.
Im Herbst 2004 hat die aus Berlin zugereiste Susanne Hergert erstmals ihre kreidebeschriebenen Täfelchen in die Fenster des von ihr sanierten Backsteinhauses gestellt. Wer sich von den Verheißungen anlocken lässt, wird umso öfter kommen, je mehr er davon probiert. Im kleinen Gastraum mit viel dunkel poliertem Holz, alten italienischen Filmplakaten, die von den cineastischen Vorlieben der Chefin erzählen, und ihren mit leichter Hand arrangierten Reminizenzen vom letzten Spaziergang durch Flur, Feld und Garten auf den Tischen fühlt man sich auch ohne Teller vor der Nase sehr schnell sehr wohl. Lebensgefährte Fred Adam agiert hinterm Tresen mit bedächtiger Freundlichkeit, Susanne Hergert wickelt ihre Gäste mit ansteckend guter Laune, Charme und Witz ein. Und sie schaut ihnen gern ins blaue Auge, um dann mit Verve die richtige Diagnose zu stellen: „Ihnen würde die Kürbissuppe schmecken.“ Klar, her mit der Suppe!
„Meine Küche ist deutsch und erdig, mit ein paar Geschichten aus Italien“, entzieht sie sich kulinarischen Schubladen. Die bürgerliche Ausrichtung betrachtet sie als ein Friedensangebot an zufällig vorbeikommende Ausflügler. Gut gebrüllt, Löwe: Dieses Stückchen Erde mit seinen langsamer tickenden Uhren, den glücklichen Kühen auf den Weiden ringsum, der sauerstoffreichen Luft schreit nahezu nach Echtem, Unverstelltem, der Ignoranz von Trends da draußen in der restlichen lauten, hastigen, modehungrigen Welt. Außerdem entspricht es schlichtweg dem unbekümmerten Naturell der inzwischen 49-jährigen Wirtin, dass sie noch immer die einfachen, ehrlichen Genüsse allen gestylten vorzieht – freilich in der Meisterliga.
Die von ihr lustvoll zelebrierte Wiederentdeckung der „Küche der kleinen Leute“ rührt an eine sentimentale Seite von uns verstädterten Bürositzern: Der in der Ära von chemischen Treibmitteln verloren geglaubte Duft von frisch aus dem Ofen gezogenem Brot erzählt von der typischen Hergertschen Reduktion auf das Natürliche. Und auch als Gast darf man sich frei und ungezwungen geben: Angesichts des gelb-braunen, duftenden Eierkuchens (verfeinert durch einen Klecks Quark im Teig) ist von vornherein klar, was obsiegt: Gier über gute Kinderstube.
Susanne Hergerts auffallend häufigen italienischen Momente am Herd haben den besten Grund der Welt: Nonna (Oma) Heidi, die seit vielen Jahren in einem Dorf bei Arezzo lebt und sich peu à peu von den Nachbarinnen in die Geheimnisse der echten toskanischen Küche einweihen ließ. Susanne Hergert hat sie oft besucht. „Ich verstand anfänglich kein Wort. Aber wie sich die Dorffrauen um die einzig richtige Tomaten- oder Pastasorte stritten, als ginge es um Krieg und Frieden, hat mich königlich amüsiert. Viel abgeschaut habe ich mir bei Signora Escati: gerade noch ein Zahn im Mund, aber die Kochkünste von zig Generationen im Kopf.“
Und Heidi hat alle Geheimnisse und Nichtgeheimnisse aufgeschrieben. So kam Susanne Hergert zu ihrer wunderbaren, wohlgehüteten, auf den meisten Seiten wegen unumgänglicher Pfannennähe mit braunen, gelben, roten Arbeitsflecken geadelten Küchen-Kladde.
Nun, große Küchenchefin, bitteschön einen guten Rat: Was sollen wir (nach-)kochen, wenn sich liebe Freunde ansagen? Originell soll es sein, möglichst auch ein bisschen überraschend, unendlich lecker, wegen höherer Erfolgschancen wäre Mediterranes zu bevorzugen. Mit Zutaten, die sich auf dem Wochenmarkt unkompliziert besorgen und bitte auch möglichst einfach zubereiten lassen. Auf den Punkt gebracht: Italienisch für Anfänger.
Da Susanne Hergert ohne zu zögern, sogar ohne einen Blick in ihre Arezzo-Koch-Kladde, zur Tat schreitet, haben wir es entweder mit ihren persönlichen Lieblingsrezepten oder den bei ihren Gästen erfolgreichsten zu tun: Beides ist uns gleichermaßen Empfehlung.
Während zwei Handvoll Salbeiblätter in dünnem Eierkuchenteighemd im Olivenöl der gusseisernen Pfanne ihrer Bestimmung als Vorspeisenüberraschung entgegenbräunen, erzählt die Wirtin, weshalb Koch-TV-Shows mit dem schönen Erfolgserlebnis des Selberausprobierens nie mithalten können. Man muss uns Herd-Eleven zeigen, was gutes Olivenöl ausmacht, weshalb man für längeres Braten in der Pfanne ohnehin unbedingt Pflanzen- und kein Olivenöl verwenden sollte, weshalb Saltimbocca übersetzt „Spring in den Mund“ bedeutet und Tira Misu „Zieh mich hoch“ Ob es stimmt, dass eine in einem Stück geschälte Orangenschale Glück bringt, wenn sie über die Schulter nach hinten geworfen wird – auch das muss jeder besser selber ausprobieren.
Unsere Freunde können kommen. Buon Appetito!