Irren ist köstlich

Annette Sabersky und Jörg Zittlau - Die großen Ernährungslügen: Essen mit Nebenwirkungen

Mit Süßstoff bleibt man dünn – und bekommt davon Kopfschmerzen. Vitamin­präparate sind ein Jung­brunnen – und verursachen möglicherweise Krebs. Was denn nun? Autor Jörg Zittlau schlägt sich wegweisend durch den Dschungel der Ernährungs­irrungen und -wirrungen.

Es nervt, wie viele verschiedene Reli­gionen von Ernährungsexperten gepredigt werden“, findet Jörg Zittlau. Da leben Tee- und Weintrinker auf einmal länger als Kaffee- und Biergenießer, wird Gemüse totgekocht und ist Tiefkühlkost plötzlich bes­on­ders biostoffarm. „Nirgendwo gibt es so viele Pseudo­wahr­heiten und Legenden wie im Reich der Er­nährung“, sagt der Autor und liefert gleich den Grund dazu: „Die Ernährungs­lehre ist keine exakte Wissenschaft.


Dagegen spricht allein schon die Tatsache, dass jeder Mensch ein Individuum ist mit einer be­stimmten Größe, Gewicht, Nährstoffver­wer­tung und einem eigenen Lebensstil. Es kann keine allgemeine Aussage über den Bedarf an Vitaminen oder Kohlehydraten geben, weil jeder Einzelne die Nährstoffe unterschiedlich verwertet.“


Annette Sabersky und Jörg Zittlau - Die großen Ernährungslügen: Essen mit Nebenwirkungen


Einige der schlimmsten Irrtümer bringt Jörg Zittlau hier zur Sprache:


Vitaminmangel-Theorie


Fragt man Konsumenten von Functional­food wie Multivitaminsäften, Probiotika, Vitaminpillen und Mineral­pulvern nach den Motiven für ihren Kauf, so hört man meist, dass sie damit ihren Nährstoffmangel ausgleichen beziehungsweise vorbeugen wollen. „Tatsache ist, dass wir gerade auf dem Vitaminsektor noch nie so wenig vom Man­gel bedroht waren wie heute“, sagt Jörg Zittlau. Auch, weil so gut wie allen Lebens­mitteln Vitamine zugesetzt werden. „Selbst Tiefkühlpommes wird Vitamin C untergemengt, damit sie beim Backen gelb und kna­ckig bleiben“, verrät der Autor.


Nun könnte man annehmen, dass ein Plus an Vitaminen nicht schaden kann. Aber weit gefehlt: Vitaminpräparate vermögen bei­spielsweise die Nebenwirkungen von Me­dikamenten zu verstärken. „Multivi­ta­min­­­präparate können die Wirkung von Im­pfungen außer Kraft setzen, Beta-Carotin erhöht bei Rauchern schon in mäßig hohen Dosierungen das Lungen­krebsrisiko“, warnt der Journalist. Auch werde die Wirkung vieler Medikamente durch Extraportionen an Vitaminen beeinflusst.


Zucker-Mythos


Kein Zweifel, dass Zucker Karies verursacht. Die weißen Kristalle dienen als Futter für Bakterien, die daraufhin mit ihren Säuren den Zahnschmelz attackieren. Und sicher: Cola, Fanta und Co. literweise machen dick, das wissen mittlerweile auch die Ame­ri­kaner. Aber macht Zucker wirklich krank? „Ins Reich der Märchen gehört die Mär vom Zucker als Vitaminräuber“, betont Jörg Zitt­lau. „Damit gehen Süßstoff­industrie und Vitaminpräparat-Anbieter aus offensichtlichem Grund gerne hausieren.“ Richtig ist, dass man sich die Zähne putzen muss, um Karies vorzubeugen (womit übrigens auch die säurehaltigen Lebens­mittel keine Chan­ce bekommen, den Zahn zu attackieren). Richtig ist, dass zu viel Zucker (vor allem der versteckte in Hamburgern, Ketch­up, Softdrinks ...) auf die Hüften schlägt. Aber krank macht Zucker alleine nicht.



Frische-Formel


Convenience-Food ist schlechter als Fri­sches. „Grundsätzlich ist das falsch“, hat Jörg Zitt­lau festgestellt. Gefrorenes Gemüse oder Obst etwa ist nicht weniger vitaminreich als frisches. „Eine Mango wird grün gepflückt, wenn sie ihre Reise nach Übersee antritt. Man sprüht sie zunächst mit Che­mikalien voll, damit sie den Trip übersteht, um sie dann, angekommen in Europa, wieder mithilfe von Chemie zum Reifen anzuregen. Und das soll gesund sein?“, fragt er sich. Und bis der frische Spinat endlich bei uns auf dem Teller ist, hat er oft bereits zig Vi­ta­mine verloren.


Demgegenüber schneidet das Tiefkühlgemüse deutlich besser ab, weil es direkt nach der Ernte verarbeitet und ein­gefroren wird. Auf ganz anderem Terrain bewegen sich allerdings die Fertiggerichte, die mit Zu­sät­zen und Geschmacksverstärkern auf „le­cker“ getrimmt werden. „Darin steckten zu viel Zucker, zu viel Fett, zu viel Energie und zu viel Farb- und Aromastoffe – das ist kein Irrtum, sondern eine Tatsache“, so die Bot­­schaft Jörg Zitt­laus.


Gewürz-Gerücht


Zimt hilft bei Durchfallerkrankungen, Ing­wer gegen Übelkeit und Pfeffer killt Fett. „Schön wäre es“, meint Jörg Zittlau. „Aber von Heilpflanzen ist in vielen handelsüblichen Gewürzen nicht mehr viel übrig.“ Weil Gewürze anfällig für Schädlinge sind, werden sie ordentlich mit Röntgen-, Gamma- und Elektronenstrahlen behandelt. „Nur für ökologisch Produziertes gilt ein grundsätzliches Verbot“, so der Autor.


Was dem Pulver dann noch so beigemischt wird, lässt einen übel werden. So fand man in Paprika Spuren von Blei, die dem Pulver in der Tüte seine rote Farbe spendete. Bei Safran wurden Rück­stände von pulverisiertem Glas gefunden. Was tun? „Am besten Produkte aus dem Öko-Anbau wählen, dann die Pfeffer­körner selbst in der Mühle mahlen und die Ingwerwurzel reiben“, lautet die Autoren-Em­pfehlung.


Kaffee-Klischee

Weil Kaffee als schneller Wachmacher gilt, wird er von Teetrinkern gern in die Ecke der ungesunden Getränke gestellte. „Tatsache ist, dass Teeblätter sogar dreimal mehr von jenem anregenden Alkaloid names Koffein enthalten als Kaffeebohnen“, so Jörg Zitt­lau. Und auch das Vorurteil vom Kaffee als Flüssigkeitsräuber oder Harntreiber hält sich hartnäckig, ist aber wissenschaftlich nicht belegt. Fazit: Je mehr wir über Lebens­mittel wissen, umso weniger Irrtümer liegen auf unseren Tel­lern.


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