Geschmack macht Sinn: Das Geheimnis der gesunden Ernährung
Ein zartschmelzendes Eis, der noch warme Kuchen oder die krosse Weihnachtsgans. Schon beim bloßen Anblick wissen...

Wird der Gesundheitsaspekt womöglich zulasten des Genussfaktors überbetont?
Gesa Schönberger: Man hat lange geglaubt, das Argument guter Gesundheit reiche aus, um zu gesundheitsförderndem Verhalten zu bewegen. Das klappt aber nicht immer, denken Sie an Raucher. Hier hat man dazugelernt.
Gesundheit ist vor allem für die Menschen ein Motiv, die krank sind. Für andere ist Genuss ein wichtiges Argument oder Geselligkeit. Beides kann direkt erlebt werden.
Was ist das eigentliche Anliegen der Dr. Rainer-Wild-Stiftung?
Gesa Schönberger: Sie geht davon aus, dass Essen und Trinken weit mehr sind als die Aufnahme von Nährstoffen und Kalorien. Für uns steht der Mensch mit seinen Wünschen, Bedürfnissen und Nöten im Fokus. Wir wollen ein neues Verständnis für gesunde Ernährung schaffen, die das Individuum stärker berücksichtigt und Genuss und Wohlbefinden einschließt. Das ist eine elementare, keine Luxusdiskussion.
Wie kommt es, dass nach mehrjähriger Informationsoffensive sich noch immer viele Menschen uninformiert fühlen?
Gesa Schönberger: Der informierte und aufgeklärte Verbraucher ist eine Illusion – häufig ist er aufgrund widersprüchlicher Aussagen verunsichert. Einfaches Beispiel: Einerseits enthalten Eier viel (schlechtes) Cholesterin, andererseits ist das Protein von Eiern für den menschlichen Körper besonders hochwertig. Für den Verbraucher stellt sich also die Frage: Darf er Eier essen oder sollte er sie besser meiden. Was er braucht, ist eine alltagstaugliche Informationsvermittlung.
Wie seriös ist Ihrer Meinung nach die Ernährungswissenschaft überhaupt?
Gesa Schönberger: Wissenschaft erhebt immer den Anspruch, seriös zu sein. Problematisch wird es dann, wenn aus jeder wissenschaftlichen Erkenntnis (experimentelle Ebene) gleich eine Handlungsanweisung formuliert wird (Verhaltensebene).
Kennen Sie aus Ihrer Arbeit Beispiele, in denen Konsumenten unter dem Vorwand der Ernährungs-Aufklärung wertlose oder sogar schädliche Ratschläge gegeben wurden?
Gesa Schönberger: Nein. Das wäre auch extrem unverantwortlich. Vereinzelt hat man Jahre später erkannt, dass ein Ratschlag nicht richtig war. So wurde Olivenöl noch in den 80er-Jahren als weniger wertvoll eingestuft, während es heute zu den wertvollen Ölen zählt.
Liegt des Pudels Kern nicht darin, dass die westliche Welt einfach zu viel isst?
Gesa Schönberger: Genau so ist es. Zu viel des Guten, gepaart mit wenig Bewegung, führt zu viel angesammeltem Sitzfleisch.
Welche Schwerpunkte wird die Ernährungsdiskussion in 10 oder 20 Jahren haben?
Gesa Schönberger: Prognosen sind beliebt, immer schwierig und treten nie so ein. Was uns wahrscheinlich intensiv beschäftigen wird, ist die Schere zwischen Armen und Reichen, Gesunden und nicht Gesunden. Außerdem wird es Anstrengungen geben, den Alltag zu erleichtern: neue Serviceangebote und Einkaufsmöglichkeiten, die mit Vertrauen verbunden sind.