Das Ende der Diät
Eine Frau zeigt einem ganzen Industriezweig die kalte Schulter. Abnehmen bedeutet für sie essen. Ohne zu hungern,...

Auch wenn sich die meisten von uns nicht mehr daran erinnern können: Den ersten Kontakt mit Geschmack erlebten wir bereits als Fötus im zarten Alter von drei Monaten im Mutterleib. Das Fruchtwasser ist unsere erste Erfahrung in puncto Geschmack, der übrigens zu 80 Prozent als Geruch wahrgenommen wird. Beim Neugeborenen unterscheiden die Geschmackspräferenzen bereits süß und bitter. Daneben taucht in der Geschmacksforschung zu den altbekannten Grundwahrnehmungen süß, sauer, salzig und bitter der Begriff „umami“ auf. Was so viel bedeutet wie herzhaft, schmackhaft, köstlich und hauptsächlich der Aminosäure Glutaminsäure zu verdanken ist.
Sie bewirkt eine Verstärkung des Eigengeschmacks und wird vorrangig in der asiatischen Küche, auch bekannt als Glutamat, bei der Zubereitung von Suppen, Gemüse und Fleisch eingesetzt. Mediziner warnen vor einer Inflation von Geschmacksverstärkern: vor zu süßen Milcherzeugnissen, zu stark gewürzten Chips etwa. Dr. Ute Gola ist Ernährungsmedizinerin und jeden Tag mit Geschmack und dessen Auswirkungen auf unsere Gesundheit konfrontiert.
Ist guter Geschmack genetisch bedingt, schlechter Geschmack dagegen durch die Eltern und die Lebensmittelindustrie antrainiert?
Ute Gola: Von Natur aus funktionieren die Grundmuster der Geschmackswahrnehmung sehr gut. Bitteres wird abgelehnt, da in der Natur oft giftiger Inhalt dahintersteckt. Speisen mit salzigem Geschmack sind willkommen, weil sie die notwendigen Mineralstoffe abdecken, süßes Essen steht für sofortige Energie- oder Kohlenhydratversorgung. Etwa 10 Prozent der Menschen haben besonders viele Geschmackssensoren, weitere 10 Prozent unterscheiden keine feinen Nuancen.
Mit zunehmendem Alter büßt man Teile des Geschmacksempfindens ein. Welche Lieblingsspeisen wir im Laufe unseres Lebens favorisieren, hängt stark von der Konditionierung in der Kindheit ab und wie sie verabreicht wurden. Beispiel: Das Butter-Mehl-Gemüse von Oma entspricht aus ernährungsphysiologischer Sicht heute nicht mehr einer ausgewogenen, gesunden Mahlzeit, aber als Kind geliebt, ist es auch 30 Jahre später ein Geschmacksfest der Sinne. Das Beispiel macht klar, wie sehr Eltern die Zügel für die späteren gesunden oder ungesunden Essgewohnheiten ihrer Kinder in der Hand halten.
Der Umgang mit Süßem ist für viele problematisch. Die Versuchung ist groß und die Folge im wahrsten Sinne des Wortes schwer. Weshalb ist es so anstrengend, das richtige Maß zu finden?
Ute Gola: Zunächst einmal ist Zucker schnelle Energie, die natürlich auch fix als Fett an den bekannten Stellen landen kann. Kompletter Verzicht hat Heißhunger und nächtliche Kühlschrankattacken zur Folge. Kinder, die eine Stunde vor dem Essen Süßes naschen, haben dann natürlich keinen Hunger mehr. Hier sollte man überlegen, ob ein Kind mehr Zwischenmahlzeiten braucht. Denn je länger der Hunger voranschreitet, desto mehr entsteht ein Verlangen nach Süßem. Das gilt auch für Erwachsene. Süßes als Belohnung suggeriert eine Bedeutung, die es gar nicht hat. Eine süße Nachspeise nach einem leckeren Essen ist eher unproblematisch. Wer satt ist, wird keine Berge von Desserts in sich hineinschaufeln. Wenn wir bei den Franzosen oder Italienern über die Ladentheke schauen, reihen sich dort unzählige Desserts und Kuchen auf – aber sie werden halt nur in kleinen Mengen angeboten.
Wie bedenklich sind künstliche Geschmacksverstärker in Lebensmitteln für den Organismus?
Ute Gola: Wir haben in Deutschland dafür Kontrollen und Zulassungsrichtlinien. Künstliche Geschmacksverstärker scheinen an sich nicht gesundheitsschädlich zu sein. Das Gefährliche ist ihre appetitanregende Wirkung und das Vortäuschen einer Qualität, die nicht vorhanden ist. Menschen mit einem Hang zu Gewichtsproblemen werden durch diese Aromen verlockt, mehr zu essen, da die Intensität entsprechend stark auf die Geschmacksknospen wirkt.
Das führt noch zu einem zweiten Problem. Haben Sie vielleicht jahrelang Erdbeerjoghurt mit zugesetzten Aromen bevorzugt, dann empfinden Sie eine richtige Erdbeere als fad. Es ist also wichtig, natürliche oder wenig verarbeitete Produkte zu essen, da der Geschmack nur der Botenstoff ist, entscheidend für die gesunde Energiezufuhr aber die hochwertigen Inhaltsstoffe eines Lebensmittels sind.
Lässt sich Geschmack so umprogrammieren, dass man Appetit auf gesündere Lebensmittel bekommt?
Ute Gola: Auf jeden Fall. Das dauert aber geraume Zeit, Rückfälle sollten eingeplant werden. Mit kleinen Schritten, starkem Willen und guter Motivation ist es allemal möglich, schlechte Gewohnheiten abzulegen. Dann landet man auch nicht bei Diäten und Jo-Jo-Effekten.
Welche Tipps können Sie geben, damit dem Schlemmen an den Dezember-Feiertagen keine bösen Überraschungen auf den Hüften folgen?
Ute Gola: Zunächst ist die Bedeutung von Ritualen, wie die etwas deftigeren Mahlzeiten zu den Festtagen, nicht hoch genug einzuschätzen. Essen wird hier als gemeinschaftlicher Genuss zelebriert – und das soll auch so sein. Mit kleinen Tricksereien lässt sich die Kalorienzufuhr drosseln: Schöpfen Sie beispielsweise bei der Gans das Fett einen Tag vorher ab, sie schmeckt dann noch genauso gut. Für den Grünkohl besser Kassler statt Wurst und Speck verwenden, der pikante Geschmack stellt sich trotzdem ein. Eine leichte, köstliche Vorsuppe vor dem Hauptgang bringt erste Sättigung. Ein kleines, aber feines Dessert. Statt des Verdauungsschnapses einen Verdauungsspaziergang. Glauben Sie mir: Die nächste „Brigitte“-Diät können Sie unbesehen im Ständer lassen.