Geschmack macht Sinn: Das Geheimnis der gesunden Ernährung
Ein zartschmelzendes Eis, der noch warme Kuchen oder die krosse Weihnachtsgans. Schon beim bloßen Anblick wissen...

Wir wissen nicht genau, ob es geht oder nicht. Aber die Hoffnung lassen wir uns nicht nehmen: gesund und zugleich mit Genuss zu leben. Damit diese Hoffnung etwas gesicherteres Hinterland erhält, wollen wir jeweils einem Kenner eine Frage rund um die kreatürliche, existenzielle und – ausdrücklich auch das – lukullische Daseinsvorsorge stellen. Zur Einstimmung auf das weite Feld haben wir die Heidelberger Ernährungswissenschaftlerin Gesa Schönberger gebeten, das Gestrüpp der Vorurteile und Missverständnisse ein wenig zu beräumen.
Woran liegt es, dass Ernährungswissenschaftler zwar Konjunktur, aber nicht den allerbesten Ruf haben?
Gesa Schönberger: Die Menschen fürchten, dass ihnen die Ernährungswissenschaftler genussbringende Lebensmittel verbieten, weil diese womöglich ungesund sind. Wie so oft steckt auch in diesem Vorurteil ein Körnchen Wahrheit: Viel zu lange hat sich die Branche nur um den (Nährstoff-) Bedarf und nicht um die eigentlichen Bedürfnisse gekümmert.
Wie beantworten Sie die Grundfrage, ob beides zu haben ist: gesund und genießerisch?
Gesa Schönberger: Hier besteht nicht zwingend ein Widerspruch. Gerade in der Gruppe 50plus finden sich viele Genießer. Sie ist beruflich und finanziell oft abgesichert, ohne mit den Sorgen des Alters konfrontiert zu sein. Eigene Kinder sind zum Teil groß, der Freundeskreis ist gefestigt, und es steht mehr Freizeit zur Verfügung. Diese Lebensumstände führen zu mehr Freiräumen. Mit steigenden Lebensjahren setzt sich häufig eine gesündere Lebensweise durch. Genießen gelingt so sorgloser: Man hat gelernt, wie bunt die Welt der Genüsse ist und dass die kleinen wie die großen Alltagsfreuden sowie eine gesunde Lebensweise das eigene Wohlbefinden stärken.
Was ist die Hauptbegründung für Ihren Optimismus?
Gesa Schönberger: Marktforscher sprechen von neu entdeckter Genussfreude. Sie begründen sie damit, dass Menschen heute nicht sicher sind, wie sie ihr Leben außerhalb der wahrgenommenen Zwänge von Religion, Gesellschaft und Familie selbst gestalten sollen. Sie gehen den Weg des Genießens, weil sie die Welt an sich nicht ändern können; wenigstens das eigene Leben aber soll besser sein. Typisch sei eine Besinnung auf die eigene Kindheit, zu der in großem Maße das orale Genusserleben zählt. Wir genießen, wann immer Raum und Zeit dafür sind: meist am Abend und am Wochenende. Die kleinen Genüsse spielen eine immer wichtigere Rolle – es geht darum, sich selbst etwas zu gönnen: einen guten Wein, französischen Käse oder die Lieblingsschokolade. Der Genuss auslösende Moment ist vielseitiger geworden.
Und an welchem Punkt geraten Gesundheits- und Genuss-Anspruch aneinander?
Gesa Schönberger: Eigentlich immer dann, wenn das Maß fehlt. Genießen und Maßhalten sind zwei wesentliche Dinge, die zusammengehören.
Pi mal Daumen: Wie viele Krankheiten gehen heute auf Fehlernährung zurück?
Gesa Schönberger: Das ist noch nicht eindeutig erwiesen. Einige sind unstrittig, wie Diabetes mellitus oder das metabolische Syndrom, eine Kopplung aus Diabetes mellitus und Adipositas. Andere Krankheiten werden zwar oft genannt, können aber durchaus andere Ursachen haben: etwa Bluthochdruck oder einige Krebsarten. Das Ergebnis von auf Dauer ungesunder Ernährung liegt immer in ferner Zukunft.
Worin besteht, bei allen Unterschieden zwischen den Menschen, das Verallgemeinerungsfähige zum Stichwort Genuss?
Gesa Schönberger: Genuss wird stets intensiv erlebt, begleitet von zahlreichen positiven Emotionen, zum Beispiel Freude, Wohlbefinden, Optimismus, Zufriedenheit und Glück. Nicht nur das Erleben von Situationen und der Konsum von Dingen, auch das Besitzen von Objekten – das neue Auto, das neue Haus – kann genossen werden. Genuss führt zu Entspannung und Erholung und so zu besserem körperlichen Wohlbefinden.
Wie viel Enthaltsamkeit bedarf der Genuss?
Gesa Schönberger: Der Genuss ist augenblicklich und flüchtig. Er „funktioniert“ nur mit Unterbrechungen beziehungsweise mit immer wiederkehrenden Phasen der Enthaltsamkeit. Nur so lernen wir die Dinge schätzen; andernfalls entsteht eher Überdruss.
Die meisten Menschen zögern nicht, sich als Genießer zu bezeichnen – und enden abends doch wieder als Couch-Potato...
Gesa Schönberger: Dagegen spricht nichts; zu den kleinen Freuden des Alltags kann auch die Couch gehören, denn Zeit haben und selbstbestimmt handeln sind Teile des Genusses. Auf die Abwechslung kommt es an.