So schmeckt Weihnachten!
Margit Schönberger, Autorin und Journalistin, vor allem aber Feinschmeckerin, über ihre kulinarischen...

Feine Regentropfen malen tanzende Muster auf die Wasseroberfläche. In jeder Sekunde verändert sich das Bild, wie beim Wechselspiel der glitzernden Steine in einem Kaleidoskop. Ich weiß nicht, wie lange ich schon am „lütjen See“, dem kleinen See, sitze und hypnotisiert dieser Aufführung der Natur folge.
Ich weiß nur: Jetzt und hier hat das Leben einen Gang runtergeschaltet. Zweieinhalb Stunden entfernt von Berlin bin ich auf diese Oase der Ruhe gestoßen: die „Fischerklause“ am holsteinischen Lütjensee.
Das zum Teil noch reetgedeckte Landhaus gehört zur Generation 90 plus. 1920 kaufte Johannes Albrecht, Fabrikant aus Hamburg und Urgroßvater der heutigen Restaurantbesitzerin Claudia Retter, den See. Sein Sohn ließ sich dort ein Wochenendhäuschen bauen. In der „Fischerklause“ verkaufte er Aale und Hechte aus dem See vor der Tür. Als Familie Albrecht im Zweiten Weltkrieg ausgebombt wurde, zog sie sich an ihren Lütjensee zurück, wo sie 1949 ein kleines Restaurant mit 20 Plätzen in der „Fischerklause“ eröffnete.
Anfang des Jahres haben Claudia und Gerhard Retter das Haus von ihren Eltern übernommen und es feinsinnig renoviert. Bis dahin hatte die 36-Jährige als Sommelière im „Steigenberg Berlin“ und Kolja Kleebergs „Vau“ gearbeitet, Gatte Gerhard in Spitzenrestaurants wie dem Wiener „Hanner“ oder zuletzt dem „Lorenz Adlon“.
Die Retters waren Teil der großen Welt der Sternegastronomie. Zusammen verhelfen sie nun dem Erbe der Familie zu neuem Glanz. Das Haus der Eheleute ist an diesem Wochenende wie immer gut besucht. Die Fans des „Lorenz Adlon“ pilgern ihrem Maître hinterher. Lütjenseer Familien feiern den 90-jährigen Geburtstag der Urgroßmutter an vertrautem Ort. Großstadt trifft Landidyll.
Die Gastgeber nehmen sich Zeit, die Angereisten von Nah und Fern per Händedruck zu begrüßen oder am Tisch persönliche Weinempfehlungen kundzutun. Denn Retters kennen nicht nur die meisten Besucher mit Namen, sie wissen auch um deren Vorlieben, insbesondere ihre Wein-Neigungen. Es gibt zwei Karten. Eine kleine, überschaubare mit hervorragenden Weinen zu zivilen Preisen. Claudia Retter plädiert für Riesling, wie dem Norheimer Dellchen vom Nahe-Weingut Dönnhof, welcher gut zum gespickten Hecht passt. Der Österreicher Retter stimmt für Muskateller und Pinot Noir, der nicht zwingend aus seiner Heimat kommen muss.
Zu „Schwiegerpapas Reh“ empfiehlt er den Pinot Noir vom Pfälzer Weingut Friedrich Becker. „Nach der anderen Karte verlangt nicht jeder“, so der 37-Jährige augenzwinkernd. Mit gutem Grund: Nur Kenner wissen um den Wert von Château Yquem (Bordeaux) bis zu raren Spitzenrieslingen aus Deutschland. Banausen wie ich erkennen ihn erst an manchmal vierstelligen Preisen.
An der Qualität der Speisen und Sorgfalt der Zubereitung kann sich dagegen jeder ergötzen. Morgens fährt Fischer Klaus mit dem Boot auf den Lütjensee und zieht die Aalreusen ein. Die Kartoffeln werden im Keller frisch geschält und stammen nicht, wie häufig in Gastroküchen, aus Vakuumverpackungen.
Küchenchef Sebastian Sülberg, der aus dem nahen „Landhaus Carstens“ kommt und bereits im „Vier Jahreszeiten“ und „Side-Hotel“ in Hamburg gearbeitet hat, zaubert Delikates aus dem, was See (Aale, Brassen, Schleie, Hechte, Krebse) und Landschaft (der Vater von Claudia Retter jagt) in den Jahreszeiten zu bieten haben. Hausgebeizter Lachs mit Senf-Dill-Sauce, Reibekuchen und Zitronenpfeffer zum Beispiel. Oder der Lütjensee-Salat mit Dijonsenfdressing, gebratenem Zanderfilet, Ei, grünen Bohnen und Kartoffeln.
Ohne den Nimbus eines Sternerestaurants im Norden anzustreben, schaffen die Retters und ihr Team in der „Fischerklause“ etwas Wunderbares und Seltenes: den Spagat zwischen regionaler Küche und kulinarischen Feinheiten. Aus genau diesem Grund bleibt die Spezialität des Hauses „Aal in Sauer" – bisher von Klaus Albrecht nach altem Familienrezept zubereitet – auf der Karte. Daneben gibt es den Lütjenseer Aal fein abgestimmt in Speck gebraten zu in Butter geschwenkten Kartoffeln mit Dill-Gurkensalat. Selbst die Fischstäbchen für die kleinen Gäste sind echt: vom Fisch aus dem Lütjensee. Davon haben sich meine Kinder überzeugt und sind mit Klaus an die Fischbecken in den Keller gegangen, wo der Fachmann mit dem Köcher den Aal zum Streicheln herausholte.
Auch das macht die „Fischerklause“ so entspannt schön: Claudia und Gerhard Retter vervielfachen den kulinarischen Genuss mit einer netten familiären Atmosphäre. Und als Kompott gibt es den kostbaren Moment der Ruhe beim Blick über den See.
Die Rezepte
Salat „Nicoise à la Lütjensee
Zutaten für 1 Person:
30 g grüne Bohnen, 1 hart gekochtes Ei, Blattsalat, 2 gekochte Kartoffeln, 100 bis 120 g Zanderfilet mit Haut, 1 Tomate, 50 ml Dijon-Senf-Dressing, Mehl, Salz, Pfeffer, Gartenkresse, etwas Shisokresse
Zubereitung:
Den Blattsalat waschen und zur Seite stellen. Den Zander in drei gleichmäßige Stücke schneiden, in Mehl wenden, würzen und in der Pfanne knusprig braten. Den Salat in einem tiefen Teller anrichten. Blattsalat in einer Schüssel mit dem Dijon-Senf-Dressing durchmischen und in einen tiefen Teller geben. Die gegarten grünen Bohnen, das Ei (vorher vierteln) und die geschnittene Tomate auf dem Blattsalat anrichten. Die Kartoffeln in vier Stücke schneiden und ebenfalls auf den Salat geben. Zum Schluss den Zander auf den Salat legen, mit Kresse garnieren und servieren.
Aal in Speck
Zutaten für 1 Person:
200 bis 250 g Aal (abgezogen), 3 Scheiben Speck, Salzkartoffeln, Mehl, zerlassene Butter, 1 Zitrone, Worchester-Sauce
Zubereitung:
Den Aal in gleich große Stücke schneiden und mit Zitronensaft und Worchester-Sauce würzen, in Mehl wenden und in der Pfanne bei mäßiger Hitze langsam durchgaren. Zum Schluss den Speck kross in der Pfanne mit auslassen. Den Aal auf dem Teller anrichten, mit Speck garnieren. Das Gericht mit Salzkartoffeln und Zitrone servieren.
Topfenknödel auf Marillenkompott
Zutaten für die Knödel:
750 g Quark, 3 Eier, 1 Prise Salz, Schale einer 1/4 Zitrone, 125 g Mehl, 50 g Butter, etwas Semmelbrösel, etwas Zucker
Zubereitung:
Den Quark und alle anderen Zutaten zu einem geschmeidigen Teig verrühren. Die Hände mit kaltem Wasser anfeuchten. Den Teig in 12 Stücke teilen und zu Klößen formen. Achtung: Der Teig ist weich, hält aber beim Kochen gut zusammen. Die Knödel in kochendes Salzwasser geben. Vom Hochsteigen an 10 bis 12 Minuten auf der Quellstufe garen, davon 5 Minuten ohne Strom.
Zutaten für das Marillenkompott:
600 g Marillen (Aprikosen), 1 Zitrone unbehandelt, 1/8 l Wasser, 90 g Zucker, 1 Zimtrinde ganz, 1 Päckchen Vanillinzucker
Zubereitung:
Marillen teilen und entkernen. Zitronenschale abreiben, mit Zitronensaft ins Wasser geben, Zucker und Vanillinzucker einrühren und mit der Zimtrinde aufkochen. Aprikosenhälften zufügen. Bei geschlossenem Deckel leicht gar köcheln, ohne dass die Aprikosenstücke zerfallen. Kompott (kann mit Brombeeren oder Johannisbeeren ergänzt werden) abkühlen lassen und kalt stellen. Die Knödel in süßen Butterbröseln wälzen und auf dem Kompott servieren.