Geschmack macht Sinn: Das Geheimnis der gesunden Ernährung
Ein zartschmelzendes Eis, der noch warme Kuchen oder die krosse Weihnachtsgans. Schon beim bloßen Anblick wissen...

Die österreichische Ernährungswissenschaftlerin und Trendforscherin Hanni Rützler beobachtet den Wandel und kann ziemlich genau voraussagen, welche Konsequenzen Wirtschaftskrise und Globalisierung auf unser Essverhalten haben, welche Sehnsüchte durch die Rezession geweckt werden und wie die Küche der Zukunft aussehen wird.
Die Wirtschaftskrise ist an unseren Esstischen angekommen. Die Ernährungsgewohnheiten der Menschen passen sich mehr und mehr der Höhe des Haushaltsgeldes an. Und da werde, so befürchtet Nestlé-Deutschland-Chef Gerhard Berssenbrügge, auch bei den Lebensmitteln gespart. Doch letztlich müssen wir essen. Nur was?
Wie verändert sich das Essverhalten in wirtschaftlichen Krisen?
Hanni Rützler: Bei einem im Alltag so fest verankerten Ritual wie dem Essen werden die Menschen in Rezessionszeiten veranlasst, darüber nachzudenken, was ihnen wirklich wichtig ist. Die Krise bietet die Chance, unnötigen Ballast abzuwerfen und das wirklich Wichtige konsequenter zu verfolgen. Die Frage lautet also weniger: Kann ich mir das leisten? Sondern: Will ich mir das leisten?
Wie schmeckt denn die Wirtschaftskrise?
Hanni Rützler: Zurzeit boomen die Handelsmarken. Die Kunden haben gelernt, dass sie bei manchen Grundnahrungsmitteln sparen können, ohne dabei auf Qualität verzichten zu müssen. Gleichzeitig investieren sie bei bestimmten Lebensmitteln bewusster als zuvor in Qualität, zum Beispiel bei Olivenöl. Für wirklich gute Produkte sind sie auch bereit, mehr zu bezahlen.
Bei Olivenölen wurde jahrelang Etikettenschwindel und Manipulation im großen Stil betrieben. Gepanscht, modrig, stichig, ranzig, lautete das Urteil der Tester. Die Verbraucher reagierten, kauften nur noch das Öl oberster Güteklasse „Extra Vergine“. Diese müssen auf rein mechanischem Weg gewonnen werden, dürfen nicht hitzebehandelt und müssen frei von Fehlaromen sein. So exklusive Ware verlangt ein hohes Maß an Handarbeit – und die hat ihren Preis.
Schärfen kritische Zeiten auch das Ess-Bewusstsein für Gutes und Schlechtes?
Hanni Rützler: Ja, aber auch die Skandale der letzten Jahre haben dazu beigetragen. Dass man für 2,90 EUR pro Kilo kein gutes Fleisch auf dem Teller hat, ist den Menschen schon länger klar. Neu ist allerdings das deutlich gestiegene Interesse für Regionales. Eier aus der Freilandhaltung vom Biobauern aus der Nachbarschaft, alte Kartoffelsorten der Region: Lebensmittel sollen glaubwürdig, ehrlich, direkt, geschmackvoll und frisch sein. Kurze Lieferwege schonen Umweltressourcen und reduzieren das schlechte Gewissen. Man übernimmt heute beim Essen nicht nur zunehmend für die eigene Gesundheit Verantwortung, sondern auch in sozialer und ökologischer Hinsicht. Fair Trade hat Konjunktur.
Essen vom Bauern um die Ecke: Das klingt nach den 60er-Jahren ...
Hanni Rützler: Der Blick auf das Ganze ist neu und die Rollenverhältnisse der Geschlechter haben sich deutlich verändert. In den 60ern war ein Mann am Herd zu Hause verpönt. Heute eignet sich Kochen durchaus auch für die männliche Selbstdarstellung. Aber der moralische Hedonist wäre in den 60er-Jahren undenkbar gewesen, genauso wie das Lob der Heimat, das nun im Zuge der Renaissance regionaler Küchen gesungen wird.
Vielleicht erleben wir heute tatsächlich die Synthese aus Protestbewegung und Spaßgesellschaft: Genuss wird zwar großgeschrieben, aber nur dann als ethisch-moralisch vertretbar angesehen, wenn er zur Sicherung der Arbeitsplätze in der Region beiträgt, dem Tierschutz nicht widerspricht und wenn CO2-neutral konsumiert wird. Lieber verzichtet man auf kalifornische Weintrauben, deren Lieferweg unendliche Liter Kerosin verbraucht, und begnügt sich mit oft nur eingeschränkt erhältlichen, saisonalen Produkten aus der Region. Dieser Trend befördert die Wiederentdeckung alter schmackhafter Sorten und regionaler Speisen.
Feiert dann bald der Sonntagsbraten in der Familie ein Comeback?
Hanni Rützler: Nicht unbedingt, denn auch die Familie ist im Wandel, erfindet sich etwa als Netzwerkfamilie neu. Damit gibt es auch eine neue Form des gemeinsamen Essens, bei dem Freunde mitunter eine größere Rolle spielen. Aber dabei wird durchaus wieder mehr dem Koch-Handwerk gefrönt. Man kann Applaus ernten, wenn man handgerollte Klöße präsentiert. Und bei Tisch tauscht sich die Runde aus, welcher Metzger das beste Fleisch anbietet, oder fachsimpelt darüber, wie auch weniger exklusive Teile von Rind und Schwein zu kulinarischen Highlights verarbeitet werden können.
„So schmeckt Heimat“, lautet das neue Claim. Haubenköche oder Discounter reagieren auf die Sehnsüchte der Verbraucher. Große Lebensmittelketten bieten eigene Regional-Marken an und deklarieren ihre Waren mit Qualitätszeichen, die angeben, wer wo wann geerntet, verarbeitet und verpackt hat. Auch internationale Fast-Food-Ketten folgen dem Trend und versuchen glaubhaft nachzuerzählen, wie die Entwicklungsgeschichte des Produktes aussieht und welche Qualitätsphilosophie hinter der Firma steht. Hanni Rützler hat diese Entwicklung als Beraterin für Weltkonzerne mit beeinflusst.
Wie geht Heimatdünkel mit Globalisierung einher?
Hanni Rützler: Der Trend zu regionalen Lebensmitteln ist nicht gleichzusetzen mit Dünkel. Die Menschen verschließen sich nicht der weiten kulinarischen Welt, nur weil sie entdeckt haben, dass es auch in ihrer Region gutes Gemüse und Obst gibt. Mit dem man übrigens nicht nur regional-traditionell kochen kann, sondern auch mediterrane oder asiatisch inspirierte Menüs. Gerade in den fernöstlichen Küchen, in ihrem Umgang mit Gemüse und Farbkombinationen finden wir Europäer viele praktische Antworten auf hausgemachte gesundheitliche Probleme wie Fettleibigkeit, Diabetes oder Herzinfarkt. Die asiatische Küche ist ein Schatz, der gerade erst entdeckt wurde und für uns in Zukunft noch viele Kostbarkeiten bereithält.