Desperate Housewives

„Les Médocaines“,Martine Cazeneuve, Marie-Laure Lurton, Armelle Falcy-Cruse, Florence Lafragette - Foto: Les Médocaines

Notizen aus dem Bordelais, Teil 2: „Les Médocaines“ oder: Wie vier Französinnen den Wein-Tourismus um Bordeaux auch für Deutsche beleben und so manchen Winzer-Mann beschämen.

Wir treffen uns, ganz französisch, beim Essen. Es ist Mittag und in der Wein­kellerei „Winery“ vor den Toren Bor­deaux‘ scheint die Schwerkraft alle Besucher und Mitarbeiter ins Restaurant zu spülen. Dass sich der Weinkeller eines vor allem im US-Englisch gebrauchten Namens bedient, ist ungewöhnlich, aber kein Zufall. Das Fir­men­gelände wird von einem Zweck­bau aus Stahl und Glas geprägt, umgeben von einem grünen Auslauf mit einigen mo­dernen Skulp­turen, von denen „Der Mann, der die Wolken misst“ die originellste und am we­nigsten ab­stoßende ist.


Die Anlage erinnert an einen Baumarkt auf der grünen Wiese. Sie hat rein gar nichts von dem, was man mit dem Ambiente einer französischen Wein­bau­re­gi­on ver­­bindet. Eigen­tümer Philippe Raoux weiß das – und hat sich trotzdem so entschieden. Der bewusste Stilbruch soll einen zeitgemäßeren Umgang mit dem Bordeaux signalisieren. Die „Winery“ mit ihrem Riesen­shop befindet sich im Médoc, einer der bekanntesten Bordeaux-Lagen, und fast alle Anregungen hat er sich im berühmt gewordenen Weingebiet von Napa Valley (Kalifornien) geholt.


Die „Wi­nery“ verspricht daher bereits vom Äußeren her einen ungewohnten Zugang zum Ge­gen­stand. Sie ist eines der modernen Ge­sich­­ter des Bordeaux, des Inbegriffs für Wein­kultur, -er­fahrung und des weltweit größten Anbau­gebiets für Qualitätsweine mit klassifizierter Herkunfts­bezeichnung.


Andere neue Gesichter, sympathischere als der Keller im Baumarkt-Kleid, treffen wir im Restaurant, obgleich auch sie kurzzeitig mit amerikanischer Flachkultur assoziiert wurden: die vier Winzerinnen der „Médocaines“, die wegen ihres unkonventionellen Vor­sto­ßes zur flexibleren Vermarktung des „heiligen“ Bordeaux-Weins schon mal „Desperate Housewives“ getauft wurden – die charmante Viererbande mit Martine Cazeneuve, Armelle Falcy-Cruse, Florence Lafragette und Marie-Laure Lurton.


Die „Mesdames Médoc“ haben es zur Pro­minenz im Bordelais, zur Fernseh­bekannt­heit in Frankreich und bei Weinfreunden in aller Welt gebracht. Ihre Geschichte ist eines der Beispiele für Veränderungen im Gebiet der Weinhauptstadt der Welt, und das kam so: Kurz vor der Lese 2005, die bekanntlich einen Spitzen­jahrgang lieferte, regten die Frauen Cazeneuve und Lurton im Winzer­verband an, die lange unnahbar gehaltenen Güter des Bordelais für den Tourismus, für einen direkteren Zugang zum Thema Bordeaux-Wein und damit für verbesserte Wettbewerbspo­sitionen im weltweit immer brutaler werdenden Konkurrenz­kampf zu öffnen.



Es war Florence Lafragette, Besitzerin des Guts „Château Loudenne“ im Nordwesten des Médoc, die als erste die Frage stellte: „Warum öffnen wir eigentlich nicht unsere Châteaux für Gäste in der Weinernte?“ Und es war Armelles Ehemann Nicolas, der unter Nicken vieler anderen Herren Winzer sagte: „Wenn ihr Spaß haben wollt, macht das von mir aus. Wir Männer haben für so was keine Zeit!“ Als über Florences Öffnungsantrag abgestimmt wurde, gingen ganze vier Hände hoch – von den vier Frauen, die uns nun im Restaurant ge­gen­über­sitzen, deren weiße und ro­te Bor­deaux-Weine, allesamt klas­si­­fiziert, wir kosten und die unter dem Namen „Les Mé­do­caines“ (Die Frauen des Médoc) in kurzer Zeit so viel in Bewegung gesetzt ha­ben, dass nach den Worten von Armelle Fal­cy-Cruse „neulich sogar der erste männliche Winzer beantragte, Mitglied bei den ,Médo­caines‘ zu werden...“


Ihr Konzept ist ebenso einfach wie naheliegend. Und doch bedurfte es vielleicht erst der Aufgeschlossenheit und des fehlenden Platzhirschgehabes von Frauen, damit die Sache Fahrt aufnehmen konnte. Heute stehen die Güter der vier Winzerinnen, die allesamt im Médoc, zwischen Bordeaux und Atlantikküste liegen, während der Lese wö­chentlich an einem Tag Besuchern und Wein­­freunden offen.


Außerhalb der Ernte veranstalten die „Mes­dames Médoc“ einmal pro Woche im Rah­men eines Tagesprogramms die Be­sichti­­gung ihrer Güter und mehrere interaktive Runden: eine Kochwerkstatt, in der die Win­zerinnen französische Gerichte zubereiten und dazu entsprechende Weine reichen; natürlich Verkostungen der hauseigenen Bordeaux-Weine und eine Probe, bei der die Besucher die Zusammensetzung des Weins erraten können.


Eine der Besonderheiten des Bordeaux‘ besteht ja darin, dass er im Gegensatz zu anderen Weinregionen Frankreichs und an­derer Länder in der Regel aus einer Assem­blage (Komposition) verschiedener Sorten stammt. Wenngleich jede Sorte ihre Ei­gen­schaften hat – im Bordelais beim dominierenden Roten (89 Prozent des Anbaus) vor allem Merlot, Cabernet Sauvignon und Ca­ber­­net Franc –, ist es erst der Zusam­men­klang der Rebsorten, der sich in der Assem­blage voll ent­faltet und dem Bor­deaux seine No­blesse gibt. Beispiel: Bei Kom­bi­na­tion von Ca­bernet Sau­vignon und Merlot verhilft Ers­terer dem Merlot zu besserer La­ger­fä­hig­keit, indem er seine Gerb­stoff-(Tannin-)Struktur stärkt, während Mer­lot dem Sauvignon mehr Ge­schmeidigkeit bringt. Zudem vermählen sich die Aromen beider Rebsorten – ganz wie die Farben auf einem Gemälde von Monet.



Die Tagesausflüge auf die Güter von Martine und Marie-Laure, Armelle und Florence (www.lesmedocaines.com) beginnen und enden in Bordeaux. Sie kosten 80 Euro pro Person und beinhalten Bustarif, Verkostung, Werkstatt, Imbiss auf dem Feld (während der Weinlese) und ein Mittagessen. Armelle Fal­cy-Cruse berichtet, dass sich mittlerweile ein Drittel ihres Geschäfts aus dieser Art Tou­ris­mus speist. Die Weinfreunde kommen vor allem aus dem Ausland. Am Morgen unseres Treffs hatten die vier Frauen unter anderem einen Bus mit begeisterten Deut­schen aus Ulm zu Gast.

Sie begrüßen viele Chinesen, Schweizer, Ja­paner und Briten, und Gäste aus New York seien zuletzt besonders stolz darauf gewesen, dass die Initiative zu diesem Tête-à-Tête mit der bekanntesten Weinregion der Welt von Frau­en begonnen wurde.


Marie-Laure Lurton, eine Grande Dame von 154 Zentimetern, die acht Marathons, darunter den von Paris, gelaufen ist, einer Weindynastie entstammt und drei Güter bewirtschaftet, bündelt das, was „Les Médocaines“ erreichten: „Wir wollten dem Bordeaux etwas von seinem Heiligenschein nehmen. Bei dem, was wir an­gestoßen haben, tun sich Frauen offenkundig leichter als Männer. Sie haben weniger Angst, Wissen und Erfahrung zu teilen. Je­den­falls sind wir dabei, das Image von Bordeaux zu ändern.“ Armelle, die lebhafteste der vier, verspricht: „Unser Herangehen wird in zehn Jah­ren die Regel sein.“


Naheliegend. Und doch bedurfte es vielleicht erst der Aufgeschlossenheit und des fehlenden Platzhirschgehabes von Frauen, damit die Sache Fahrt aufnehmen konnte. Heute stehen die Güter der vier Winzerinnen, die allesamt im Médoc, zwischen Bordeaux und Atlantikküste liegen, während der Lese wö­chentlich an einem Tag Besuchern und Wein­­freunden offen.



Gute Behandlung für besten Genuss

Wein ist ein lebendes Produkt, guter Wein, wie so viele Sorten aus dem Raum Bordeaux, entsprechend empfindlich. Um das Beste aus ihm herauszuholen, wenn der Augenblick des Genusses ge­kommen ist, sollte man ihn gut behandeln. Ein paar Tipps – für Bordeaux und andere schöne Weine:


  • •Flaschen stets aufrecht und nie bei starker Hitze oder extremer Kälte transportieren.

•- Bei konstanter Luftfeuchtigkeit von 70 bis 80 Prozent, gedämpftem Licht (kein Neon), zwischen 12 und 14 Grad Celsius, alternativ im normalen Keller mit maximal 18 Grad oder im Weinklimaklimaschrank lagern.

  • Lagerfähigkeit eines Weins hängt ab von: Typ, Jahrgang, Herkunftsbezeichnung (besonders von Lage/Cru), den Methoden der Zubereitung und Reifung, Kellerbe­din­gungen und Flaschengröße. Weine reifen umso langsamer, je größer die Flasche ist.
  • Optimale Verkostungstemperatur: Süßweine 6 bis 8 Grad Celsius, trockene Weißweine und Rosés 8 bis 10 Grad, trockene weiße Qualitätsweine und Clairets 11 bis 12 Grad, Rotweine 16 bis 18 Grad.
  • Geruchsanalyse: Glas zur Nase führen, ohne zu schwenken. Im Abstand von 10, dann von 5 Zenti­­- metern, zuletzt direkt überm Glas riechen. Anschließend das Glas leicht schwenken, um den Wein zu belüften.
  • Geschmacksanalyse: Einen kleinen Schluck nehmen und den Wein „kauen“, um die Ge­schmacks­- nerven damit zu imprägnieren. Ein wenig Luft durch den Mund ziehen und durch die Nase wie- der aus atmen. Dann schlucken. Messen Sie die Zeit, in der Sie die sensorischen Eigenschaften des Weins wahrnehmen können. Dauert es lange, sagt man, der Wein habe einen langen Abgang

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