Der Himmel hängt voller Erdbeeren

Erdbeeren

Alte Obstsorten erfreuen sich im Garten neuen Interesses. In unserer Serie fragen wir Fach­leute, was für die „Alten Meister“ spricht – und was dagegen. Im ab­schließenden Teil nimmt ­­Dr. Magda-Viola Hanke die „Königin“ unter die Lupe. Und die Erdbeere erweist sich dabei als eine der jüngsten unter den alten Obstsorten.

Worin besteht für Sie der größte Reiz der Erdbeere?

Viola Hanke: Erdbeeren sind die ersten leckeren Früchte aus heimischen Gefilden. Sie sollten süß, saftig und aromatisch sein – und nicht verwässert nach einem langen Regen. Sie sind etwas zum Naschen, dazu noch gesund – man sollte jedes Jahr eine Erd­­beerkur machen –, und sie stellen einen Be­­zug her zum eigenen Garten. Reife Erd­bee­­ren bedeuten: Endlich ist der Früh­som­mer da. Und: Erdbeeren, eine pralle rote Frucht, haben auch ein wenig mit Erotik zu tun.


Befinden sich unter den Erdbeersorten, die man im Frühjahr gewöhnlich im Supermarkt oder auf dem Markt kaufen kann, überhaupt alte Sorten?

Viola Hanke: Sie findet man im Su­per­markt nicht, vielleicht aber auf Märk­ten in der nä­he­ren Umgebung. Am ehesten je­doch beim Gar­ten­lieb­ha­­ber um die Ecke. Und natürlich in unserer Sammlung am Institut.


Was tritt uns im Supermarkt gegenüber?

Viola Hanke: Dort erfahren wir meist gar nicht, wie die Sorte heißt. Erdbeeren werden heute nicht, anders als Äpfel, unter ihrem Namen verkauft. In den Supermärkten liegen Sor­ten aus, die im Erwerbsanbau erzeugt werden. Sie bringen auf großen Flächen hohe Erträge und sind großfrüchtig. Solche Sorten sind „Elsanta“, „Darselect“, „Florence“, „Honeoye“, „Lambada“ und andere. Sie sind haltbar in der Frucht, haben ausreichend gute Fruchtfestigkeit und schaffen so problemlos den Weg zu Feldrand, Vermarkter und Handel – und dann noch zum Ver­brau­­cher nach Hause. Meistens sehen die Früchte dann immer noch attraktiv aus. Dass sie uns im Supermarkt so sauber anstrahlen, hat auch damit zu tun, dass die Früchte während der Reife auf Stroh liegen und mit der Erde, die ihnen in der deutschen Sprache den Na­men gab, gar nicht mehr in Berührung kommen.


Und weshalb fehlen die alten Sorten hier?

Viola Hanke: Sie würden den Anforderun­gen des Erwerbsobstbaus nicht gerecht werden, der Ertrag aus dem Verkauf würde auch nicht annä­hernd die Kosten ihrer Er­zeugung decken.


Was zeichnet alte Sorten im Vergleich zu neueren aus?

Viola Hanke: Was bedeutet „alte Erdbeer­sorte“? Als „alte Obstsorten“ bezeichnen wir solche, die das erste Mal vor mehr als 100 Jah­­ren mit ihrem Sortennamen er­wähnt wurden. Die Erdbeere ist jedoch eine recht junge Kulturpflanze. Die Ge­schichte der Gartenerdbeere beginnt um 1760 in Frank­reich, als die großfrüchtige Erdbeere aus einer zufälligen Kreuzung von zwei amerikanischen Wildarten hervorging. In Eng­land ent­­standen dann erste Erdbeer­sorten durch züchterische Arbeiten. Über ein halbes Jahr­hundert dominierten die „Fraises anglaises“ wie „Keens Sämling“ (1819), „Downtown“ (1817) und „Elton“ (1828) den europäischen Markt.



Und wann betrat Deutschland den Plan?

Viola Hanke: Hier wurde die großfrüchtige Erdbeere 1751 durch Georg II., Kurfürst von Hannover, eingeführt. Alle Sorten in Deutsch­­land vor 1870 stammen aus englischer und französischer Züchtung. Die ersten hiesigen Erd­­beer­sorten verdanken wir Gottlieb Goeschke in Köthen (Sachsen-Anhalt) um 1870. Er züchtete etwa 20 Sor­ten, die man noch bis in die 50er-Jah­re des vorigen Jahrhunderts kannte. Franz Goesch­ke setzte die Arbeit des Vaters bis 1912 fort und züchtete etwa 30 Sorten, wie „Königin Luise“, „Roter Elefant“, „Panther“, „Za­­rathus­tra“, „Osterfee“, „Amazone“.


Züchterische Arbei­ten an der Erdbeere leistete auch Johannes Bött­ner in Frankfurt/Oder. Von ihm stammen „Sieger“ (1897) und „Deutsch Evern“ (1902). Letztere war 50 Jah­re lang die wichtigste frühe Sorte.


Seit 1919 wurde die Erdbeerzüchtung durch Prof. Otto Schindler in Pillnitz betrieben. Bis Ende des Zweiten Weltkrieges war die Sorte „Ober­­schlesien“ (1919) die wesentlichste. „Frau Mieze Schindler“ (1933) hatte wegen ihres exzellenten Ge­schmacks und der guten Frucht­qualität in Haus­gärten einen Stamm­­platz. Zu erwähnen sind auch Schindlers Sorten „Johannes Müller“, „Herbstfreude“ und „Mathilde“. Im Mittelpunkt der Züchtung Prof. von Sengbuschs standen Anfor­de­run­gen der Verarbeitungsindustrie, besonders mit Blick auf Tief­kühlprodukte. Zu seinen Verdiensten zählen viele Sorten der „Senga-Reihe“, allen vo­­ran die weltbekannte „Senga Sengana“ (1954).


Wie viele Sorten gibt es überhaupt?

Viola Hanke: Wir kennen mehr als 1.000 Erd­beersorten in aller Welt mit unterschiedlichen Klima- und Bodenansprüchen. Sie alle tragen in sich in unterschiedlichem Maße die Eigen­­schaften ihrer „wilden“ El­tern: Aroma und Fruchtgröße von der Chile-Erdbeere sowie Frucht­­farbe und Festigkeit von der Scharlach- oder Virginia-Erdbeere. Die Züchtungsarbeit richtete sich besonders auf die Verbesserung der Fruchtgröße, des Ertrags und auf die An­passung an unterschiedliche Produktions- und Verarbei­tungs­technologien.


Wo bekommt der interessierte Lieb­haber heutzutage alte Erdbeer­sorten - zum Essen und zum Pflanzen?

Viola Hanke: Alte Sor­ten von vor 1950 lassen sich kaum noch auftreiben. Eine Aus­nahme bildet „Mieze Schindler“, die nach wie vor in vielen Haus­gärten in Ostdeutsch­land kultiviert wird. Inzwischen kann man Jung­pflan­zen auch wieder im Pflanzen­markt ­kau­fen. Unser Institut stellt ebenfalls kleine Mengen alter Sorten zur Ver­fügung. „Senga Sengana“ wird noch als Pflanzgut verkauft. Den Erfor­dernissen des Erwerbsanbaus wird sie heutzutage jedoch in keiner Weise mehr ge­recht.



Sind alte Sorten grundsätzlich von jedermann im Garten zu ziehen?

Viola Hanke: Ja, es sind keine besonderen Kenntnisse erforderlich, wobei natürlich wie immer gilt: Ein bisschen gärtnerisches Ge­schick kann nicht schaden.


Welche sind, in Stichwörtern, die Hauptauf­gaben Ihres Instituts?

Viola Hanke: Das Institut für Züchtungs­for­schung an gartenbaulichen Kulturen und Obst ist Teil des Julius Kühn-Instituts, Bun­des­for­schungs­institut für Kulturpflan­zen. Die Schwer­­punkte der wissenschaftlichen Arbeit in Dres­­den liegen einerseits in der Sammlung, Er­hal­tung und Evaluierung obstgenetischer Res­sourcen und andererseits in der Ent­wick­­lung von Obstsorten und – unterlagen für einen nachhaltigen, umweltschonenden Obstbau.


Im Vorder­grund der Obstzüchtung steht da­bei die Resis­tenz­züchtung, um die Ge­sund­heit und Leis­tungsfähigkeit der Obst­pflanzen zu verbessern und den Bedarf an chemischen Pflan­zenschutzmitteln im Sinne eines nachhaltigen Naturschutzes zu reduzieren.

Wichtige Zucht­ziele sind außerdem die Verbes­serung der Frucht­qualität für den Frischmarkt und die Verarbei­tungs­industrie sowie die Gewähr­leistung einer hohen, stabilen Ertrags­sicher­heit. Wir konzentrieren uns gegenwärtig dabei auf Apfel, Süß- und Sauer­kir­sche sowie auf die Erdbeere. Zum Auf­gabenbereich des Instituts gehört ebenfalls die Entwicklung und Kombination traditioneller und innovativer Züchtungs­methoden, die es erlauben, die Effizienz der Selektion zu erhöhen.


Wie lange dauert für Sie persönlich die Erd­beersaison?

Viola Hanke: Von Anfang Juni bis Anfang Juli. Davor oder danach können wir Erdbeeren aus anderen Erdteilen und anderen Klimazonen kaufen. Diese Früchte haben oft einen sehr langen Trans­portweg hinter sich. Ein Züchter, der diese Entfernungen vor Augen hat, muss besonders Pflanzen selektieren, bei denen die Früchte fest, haltbar und transportierbar sind. Für den Ver­braucher ist dann die Frucht zwar attraktiv, aber im Mund fühlt sie sich wie ein Radies­chen an. Daher warte ich lieber, bis die Ernte in Deutschland be­ginnt.


Verknüpft sich für Sie mit der Erdbeere eine Lebensweisheit?

Viola Hanke: „Wer meint, alle Früchte werden gleichzeitig mit den Erdbeeren reif, versteht nichts von den Trauben“, sagte Para­cel­sus. Ich möchte Sie ermutigen, sich an den Erdbeeren satt zu essen, aber keinesfalls all die anderen Früchte des Sommers zu vergessen, die der Königin folgen. Erst dann wird man den vollen Genuss erleben. Im Winter hilft ein Rumtopf, die Erinnerungen an den Sommer zurückzuholen. Und auch hier gilt: Zuerst muss man den Rumtopf mit vielen Erdbeeren füllen.


Wo wachsen die besten?

Viola Hanke: Immer zu Hause.


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