Das Ende der Diät

Das Ende der Diät

Eine Frau zeigt einem ganzen Industriezweig die kalte Schulter. Abnehmen bedeutet für sie essen. Ohne zu hungern, Pillen zu schlucken oder Kalorien zu zählen.

Sie kennen sicher das Klischee: Dicke essen zu viel, treiben keinen Sport, gelten als willensschwach, denn sonst würden sie sich zügeln. Doch vielleicht stimmt dieser scheinbar logische Ansatz gar nicht?


Die Statistik spricht eine klare Sprache: Jeder zweite Deutsche ist übergewichtig. An der Motivation abzunehmen, scheint es allerdings nicht zu mangeln. Zeitschriften steigern ihre Auflage mit jeder neuen Diät-Ankündigung, die Industrie verdient Milliarden mit Fettverbrennungspillen und kalorienreduzierter Kost. Die Lehren zur Gewichtsreduktion sind unendlich, aber alle propagieren unisono: weniger Kalorien! „Das ist Unsinn und der falsche Ansatz“, sagt Ernährungsmedizinerin Daniela Kielkowski. „Für das Leben mit Normalgewicht sind regelmäßige Mahlzeiten und auch der Verzehr von Kohlenhydraten sehr wichtig. Mit ständigem Hungergefühl bekommt man nicht nur schlechte Laune, sondern wird auch unkonzentriert – der Körper kämpft mit einem Energiedefizit.“


Zunehmen trotz Verzicht


Beispiel: Eine verzweifelte Frau besuchte als letzten Ausweg eine Ernährungsberatung. Ihr Speiseplan grenzte an Selbst geißelung: Sie aß morgens etwas Müsli oder Obst, mittags einen kleinen Salat oder Fisch, abends oft gar nichts. Sie ernährte sich praktisch ohne Kohlenhydrate und – nahm trotzdem zu. Wie ist so etwas möglich? Daniela Kielkowski: „Rauchentwöhnung, Stress oder einseitige Ernährung können Ursachen sein. Irgendwann versuchen die meisten, das Gewicht zu korrigieren, hier beginnt das Problem: Man macht wahllos Diäten, hört auf alle gut gemeinten Ratschläge, will an vorübergehende Erfolge anderer anknüpfen. Das treibt den Stoffwechsel immer tiefer in die Irritation, der Körper verwertet die Nahrung nicht mehr richtig – Gewichts zunahme ist die Folge.“


Das Gedächtnis des Körpers


Entscheidend, ob wir langfristig zunehmen oder unser Gewicht halten, sind laut Ernährungsmedizinerin Daniela Kielkowski drei Faktoren: „Jeder von uns verwandelt den Treibstoff Nahrung in unterschiedlich viel Stoffwechselenergie. Es kann etliche Gründe dafür geben, warum der Körper aus 1.500 Kilokalorien Nahrungsenergie nicht unbedingt 1.500 Kilokalorien Stoffwechselenergie herstellt.“


Der zweite Faktor ist der allseits gefürchtete Jo-Jo-Effekt: Der Körper merkt sich unser Essverhalten und passt seinen Stoffwechsel daran an. Eigentlich ein genialer Schutzmechanismus, der uns in der Evolutionsgeschichte vor dem Aussterben bewahrte. Selbst bei wochenlangem Nahrungsmangel, ausgelöst durch Dürre oder Kälte, sind wir in der Lage zu überleben. Führen wir regelmäßig Diäten durch, lernt der Körper, den Energiebedarf herunterzufahren. Essen wir wieder, bleibt der Stoffwechsel auf einem niedrigeren Niveau. Der Körper benötigt weniger und speichert mehr.



Der dritte Faktor ist der Zeitpunkt unserer Nahrungsaufnahme. Daniela Kielkowski: „Ich bin Befürworter des alten Spruches: Iss morgens wie ein Kaiser, mittags wie ein König und abends wie ein Bettelmann. Wenn den ganzen Tag Stress herrscht mit zu wenig Essen, speichert ein diätgeplagter Körper üppige Abendessen effektiver ab.“


Der Schlüssel liegt in der Luft


Daniela Kielkowski arbeitet mit dem Spirometer, einem gängigen Instrument aus der Sportmedizin. Es misst die Zusammensetzung unserer verbrauchten Luft: „In unserem Atem steckt neben verbrauchtem Sauerstoff auch die Visitenkarte unseres Stoffwechsels. Der Körper ist nicht zwangsläufig bereit, Fett abzubauen, nur weil er zu viel davon hat. Es gibt Menschen, die verbrennen kein Fett, weil sie kaum Kohlenhydrate essen. Erst nach einer Ernährungsumstellung mit täglicher Kohlenhydratzufuhr beginnt bei ihnen der Fettabbau. Diese Veränderungen sind messbar.


Mit den Ergebnissen der Atemanalyse, einer Bioimpendanzmessung sowie der Laboranalyse erstelle ich einen Speiseplan, bei dem sie anfänglich sogar oft zunehmen. In dieser Aufbauphase lernt der Stoffwechsel wieder zu ,laufen‘ – wie im Fall der beschriebenen Frau: Zum Aufbau aß sie morgens zwei bis vier Scheiben Vollkornbrot oder Müsli, mittags Pelllkartoffeln, Reis, Pasta, Gemüse und Fleisch, jeden zweiten Abend Kohlenhydrate, wie Brot, Reis, Pasta – jedoch weniger als mittags. Nach ein paar Wochen folgte die Erstellung des Plan für die Reduktionsphase. Dieser enthielt Fisch, Quark, Mozzarella, Joghurt, Honig, Haferflocken, Gemüsebrühe, Obst und Gemüse. Jetzt funktionierte der Stoffwechsel wieder.


Die Frau nahm ab, obwohl sie wesentlich mehr als früher aß. Als genügend Gewicht abgebaut war, erfolgte die Umstellung in die Erhaltungsphase. Der Plan entspricht weitgehend dem der Aufbauphase. Damit kann sie jetzt täglich normal essen, nimmt nicht zu und hat genügend Energie für die täglichen Aufgaben. Übrigens kann der gleiche Ernährungsplan bei einer anderen Person genau das Gegenteil bewirken.


Essen ohne Angst


Für stark übergewichtige Menschen mit wenig Diäterfahrung ist es laut Daniela Kielkowski innerhalb kurzer Zeit möglich, 20 oder 30 Kilogramm abzunehmen. Länger dauert es bei mehrfachen erfolglosen Diäten: „Die Menschen lernen wieder, normal und sich vor allem satt zu essen und verlieren trotzdem langsam an Gewicht. Damit wird ihnen auch ein enormer psychischer Druck genommen.“


Auf die Frage, was man auf jeden Fall essen sollte, schmunzelt Daniela Kielkowski: „Bis zu dreimal täglich Kohlenhydrate“.



Zur Person: Daniela Kielkowski


Daniela Kielkowski ist Ärztin und auf Ernährungsmedizin und Stoffwechselerkrankungen spezialisiert. Nach dem Studium setzte sie ihre Ausbildung mehrere Jahre in Traditioneller Chinesischer Medizin (TCM) fort. Das Zusammenspiel von Schulmedizin und TCM betrachtet sie als ideal.

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