Gefühl für Stil: Rhythm & Blues
Woody Allen hat es in "Midnight in Paris" vorgemacht: Man beamt sich in sein goldenes Zeitalter, wann immer das ist....

Das "The Fat Duck“ von Chef-Patron Heston Blumenthal wurde von der Fachzeitschrift „Restaurant“ 2005 zum besten Restaurant der Welt und 2004 sowie 2006 zum zweitbesten gekürt wurde. Heston Blumenthal (40) selbst gilt seit einigen Jahren als einer der Meister der sogenannten Molekularküche bzw. Molekulargastronomie.
Die Molekularküche wendet neben traditionellen Kochtechniken neue Verfahren an. Der Begriff „Molekulargastronomie“ wurde um 1990 vom französischen Chemiker Hervé This geprägt. Schon einige Jahre davor hatte Nicholas Kurti, der ungarnstämmige Physikprofessor aus Großbritannien, erklärt: „Es ist absurd, dass wir über die Temperatur im Zentrum der Sonne mehr wissen als über jene im Inneren eines Soufflés.“ Aus dem naturwissenschaftlichen Ansatz hat sich inzwischen ein neuartiger Stil der feinen Küche entwickelt. Seine bekanntesten Vertreter sind der spanische Spitzenkoch Ferran Adrià (in diesem Jahr Ehrengast auf der Kasseler „documenta“), der US-Amerikaner Homaro Cantu – und eben der Brite Heston Blumenthal, den man sich mit seiner bulligen Statur und dem knapp rasierten Schädel auch als Fußball-Hooligan vorstellen könnte.
Auf zwei Grundanliegen lässt sich das Trachten der Molekularköche bringen: besser als nur intuitiv zu verstehen, was eigentlich naturwissenschaftlich abläuft, wenn Fleisch in der Pfanne brät, wenn ein Soufflé in die Höhe steigt oder wenn leuchtend grünes Gemüse seine attraktive Farbe verliert. Vor allem aber haben Molekularköche den Ehrgeiz, die Erkenntnisse für die Kreation von Gerichten mit ganz neuen Eigenschaften zu nutzen. Die Beobachtung des französischen Philosophen Jean Brillat-Savarin aus dem Jahre 1825 ist zumindest geschichts- und kulturbewussten Menschen noch geläufig: „Die Entdeckung eines neuen Gerichts beglückt die Menschheit mehr als die Entdeckung eines neuen Sterns."
So entstanden unter den Händen Blumenthals, der von der klassischen französischen Küche beeinflusst wurde und lange als Autodidakt arbeitete, bis dahin unbekannte Speisen wie Sardineneis, Cornflakes von Pastinaken, Lachs mit Lakritzegelee oder Schnecken-Porridge. Köche wie er verfolgen letztlich einen aufklärerischen Ansatz, eine Emanzipation vom bloßen Aufwärmen alter Kochbücher – immer das alte Menschheitsziel im Blick: Wie steigere ich meine Gaumenfreuden (bzw. die meiner Gäste), auf welchem Weg gelange ich in den siebten kulinarischen Himmel?