Bei Gott zu Gast

Aussichtsreich und wohltuend: Die Nähe von Land und Wein ist auch im Schwimmbad allgegenwärtig.

Vor den Toren der Wein-Welthauptstadt Bordeaux gibt es ein edles Etablissement. Der Gast kommt dort mehrfach am Tage ins Grübeln, ob er den Wein lieber trinken oder doch vielleicht in ihm baden soll. Die Antwort: beides. Notizen aus dem Bordelais

Eine Reise durch das Bordelais in Frankreichs Südwesten, die Region rund um die Welthauptstadt des Weins, hält immer Enttäuschungen bereit: dass man den guten Wein, den man gerade verkosten durfte, schon wieder verlassen muss. Weil man von der Atmosphäre in Bordeaux‘ reizender Altstadt verzaubert ist – und trotzdem zum Flughafen muss. Eine der härtesten Strafen war der Besuch auf dem Weingut Château Smith Haut Lafitte mit angeschlossenem Hotel und Wein-Wellness- Tempeln – ohne aus Zeitgründen selbst in Letztere abtauchen zu können. So muss es bei der Weitergabe einer Adresse bleiben, die mit „Gott in Frankreich“ recht genau angegeben ist ...


Das Château, das Florence und Daniel Cathiard vor 20 Jahren übernahmen und in harter, enttäuschungsreicher Mühe wieder zur Spitzenadresse für klassifizierten Bordeaux-Wein gemacht haben, befindet sich in Martillac, im Süden der Metropole. Es besteht aus dem 72 Hektar großen Weinberg, Weinkeller und eigener Böttcherei. Doch so sehenswert diese Anlaufpunkte sind, sie werden gekrönt von zwei Einrichtungen – der im regionalen Stil erbauten Hotelanlage „Les Sources de Caudalíe“ und, Tür an Tür und ebenfalls inmitten der Weinfelder von Mutter Cathiard, einem Wein-Wellness-Bad, der Vinothérapie. Hotel und Spa gehören der Familie und werden von den beiden Töchtern Alice (Hotel) und Mathilde (Wellness) und deren Ehemännern geführt.


Das Fünf-Sterne-Etablissement von Martillac ist nichts für alle Tage – ein 2-Tages-Wellness-Paket mit einer Übernachtung kostete 2009 pro Person zwischen 335 und 450 Euro. Aber es ist ein önologischer, lukullischer und therapeutischer Glücksfall, mit dem man sich ein unvergessliches Wochen ende oder einen Kurzurlaub bereiten kann.


Der ungewöhnlichste Bestandteil von „Les Sources de Caudalíe“ ist das Spa von Madame Thomas. Eine Welt für die Dame! Nicht nur, aber vor allem. „60 Prozent unserer Gäste“, sagt sie im Interview, „sind Frauen.“ Eine Schönheitsfarm in schönstem Ambiente und mit schönsten Folgen für Gesundheit und Wohl befinden. Im Angebot unter anderem:

  • Bäder im Barrique-Fass – mit Traubenmark und homöopathischen Zusätzen („15 Milliliter für den Blutkreislauf“) roten Bordeaux‘,
  • kosmetische Behandlung mit Feuchtigkeits-, Antifalten- und anderen Cremes,die

zum großen Teil auf der Grundlage von Weinpflanzen und -trauben beruhen,

  • Körper-Peelings mit zerstampften Kernen von Cabernet-Trauben,
  • Körper- und Gesichtspackungen mit gekühlter, frischer Weintraubenmasse,
  • Gesichts- und Körpermassagen mit Weintrauben fruchtfleisch beziehungsweise Kernen von Bordeaux-Trauben.


Ursprünglich hatten Mathilde und Ehemann Bertrand Thomas, die sich auf der Essec Business School in Paris kennenlernten, die Absicht, ihre Spa-Idee mit einem Geschäftsmann im Napa Valley in Kalifornien umzusetzen. Mutter Florence setzte ein Stoppzeichen. Sie sorgte dafür, dass das erste Wein-Wellness-Bad der Welt dort begründet und eröffnet wurde, wo es kulturgeschichtlich wohl auch hingehört: nach Frankreich, ins Bordelais.


Prosit

Was man aus und mit Wein alles machen kann, dafür liefern Smith Haut Lafitte und die angeschlossene Vinothérapie von „Les Sources de Caudalíe“ guten, gesunden und genussreichen Anschauungsunterricht.

  • Das durch alkoholische Gärung aus Traubenmost oder eingemaischten Weintrauben gewonnene Getränk Wein (lateinisch vinum) ist wahrscheinlich das naheliegende, schönste, aber nicht das einzige, das man aus dem Weinstock gewinnen kann. Dessen Kultivierung erfolgte erstmals bereits im 5. Jahrtausend vor Christus im Raum Irak/Iran.
  • Wein ist Basis zur Her stellung von Schaum-Weinen – am vornehmsten: Champagner –, Kräuterwein (etwa Wermut), Weinen mit Alkohol von über 15 Prozent wie Sherry, Portwein oder Madeira sowie Weinessig.
  • Trester, beim Keltern verbleibender fester Rückstand, bildet den Grundstock für klaren Branntwein. Dieser „Obstler“ weist mindestens 38 Volumenprozent Alkohol auf und begeistert in seiner Verarbeitungsstufe Weinfreunde manchmal mehr als Wein selbst ...
  • Polyphenole, in „Caudalíe“ aus Traubenkernen gewonnen (Patent Nr. WO9429404), gelten als stärkste Antioxidantien der Pflanzenwelt. Sie stoppen Freie Radikale und sollen „der beste Alterungsschutz für die Haut“ sein.
  • Saft und Mark der Traubenstängel sind in Martillac zu Viniferine verarbeitet worden, einem natürlichen Stoff, der zur Aufhellung beziehungsweise Beseitigung dunkler Hautflecken sowie für frischere, „glänzende“ Haut eingesetzt wird.
  • Alte Rebstöcke eignen sich als Grill- oder Kaminholz.

Die Attraktion der Weintherapie von „Les Sources de Caudalíe“ (benannt nach einer Thermalquelle, die zum Sprudeln gebracht werden konnte), führte inzwischen zu drei Nachfolgern im Besitz der Familie Thomas – einem zwischen Paris und Versailles, einem in der Rioja-Weinregion in Spanien und einem im Hotel „Plaza“ in New York City. Mathilde und Bertrand Thomas haben Näschen bewiesen.


Das kam so: Während der Weinlese 1993 traf das Paar Professor Vercauteren von der Pharmazeutischen Fakultät der Universität Bordeaux. Er sagte, es sei verrückt, die „Abfälle“ der Weinernte einfach zu entsorgen. Mathilde Thomas: „Er er klärte uns, dass Traubenkerne die wirksamsten Antioxidantien der Natur darstellten und ihre Polyphenole 10.000-mal kräftiger als Vitamin E bei der Bekämpfung Freier Radikale seien. Kosmetikunternehmen mieden Polyphenole aus Weintraubenkernen, weil diese sehr instabil seien und Cremes rot färbten. Doch Professor Vercauteren forschte an einer Methode zur Stabilisierung der Polyphenole. Wir schlugen ihm vor, gemeinsam ein Patent zu sichern. Das brachte den Durchbruch.“



Antioxidantien sind Bestandteil der Muttermilch, aber ebenso von Weintrau ben kernen, Knoblauch, Blaubeeren und anderen Lebensmitteln. Sie hemmen die Oxidation empfindlicher Moleküle, also die Reaktion mit dem Luftsauerstoff oder anderen oxidierenden Chemikalien, und sie wirken meist als Radikalenfänger.


Etwa zur selben Zeit hatte Mathilde Cathiard herausgefunden, welch verjüngendes Elixier Traubenschalen für die Haut sind. Von da an wurden die ausgepressten Traubenschalen auf Château Smith Haut Lafitte nicht mehr weggeworfen, sondern zum höheren Ruhm der Schönheit eingesetzt. Eine Pariserin, die uns beim Besuch über den Weg lief und ihre Begeisterung über die Vinothérapie mit uns teilen wollte, sagte: „Erst habe ich mich amüsiert, als mir eine Masseurin eine Schale voller Trauben auf den Körper packte, sie zerdrückte, verteilte und mich dann einwickelte. Doch nach dem Duschen war ich überrascht, wie zart und sanft sich meine alte Haut plötzlich anfühlte. Eine Feuchtigkeitscreme aus Traubenkernen hatte das Wunder vollbracht. Drei Tage später hielt der Glanz noch immer vor.“


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