First Lady
Die Villa ist die Königsklasse des Hausbaus. Eine Grande Dame, die sich neuen Zuspruchs erfreut, neuer Interpretation bedarf – und...
Es gibt keine „schlechten” Baugrundstücke, sagt Architekt Gerd Kallentin selbstbewusst, sondern nur schlecht geplante Häuser. Der 44-jährige Geschäftsführer der AKK Bauplanung Mönchengladbach hat in 19 Berufsjahren mehr als 2.000 ambitionierte Einfamilienhäuser im Rheinland geplant und errichtet.
Ein mit der Terrasse zur Sonnenseite, nach Süden/Südwesten orientiertes Grundstück gilt in unseren Breiten als ideal.
Gerd Kallentin: Klar. Aber in sieben von zehn Fällen ist das nicht so. Es gibt nun mal Grundstücke, deren Schokoladenseite nach Osten oder Westen weist. Das spielt keine Rolle: Die Himmelsrichtung ist sowieso nicht das allein selig Machende.
Sondern?
Gerd Kallentin: Viel wichtiger ist die Umgebung, der schöne Blick aus dem künftigen Haus. Wie viel Platz ist rundherum? Was sehe ich aus den in der Regel bodentiefen Fenstertüren zum Garten? Wo sind Freisitze denkbar? Nicht nur einer, besser zwei oder drei: einen für die Morgensonne und einen für den Feierabend. Und möglichst geschützt vor Wind und Wetter. Erst wenn das geklärt ist, kann man anfangen, ernsthaft über das Haus nachzudenken.
Womit fangen Sie an?
Gerd Kallentin: Mit der Hauptkommunikationszone, dem großen zentralen Raum im Erdgeschoss. Der sich heute weniger durch Wände als durch die Nutzung in drei Zonen gliedert: Kochen und Essen, dann ein „öffentlicher” Bereich für die ganze Familie und ihre Gäste und drittens die eher intime Zone für die Abende.
Gilt für diesen neuen Living-Room die simple Regel: je größer, desto besser? Wann führt der Wunsch nach Aufhebung alter Beengtheiten und nach dem Erlebnis großzügiger Offenheit in die Falle ungemütlicher XXL-Formate?
Gerd Kallentin: Aller Erfahrung nach sind 60 bis 70 Quadratmeter für diesen zentralen Raum nicht zu viel. Auf hundert Quadratmetern fühlt man sich auch bei gediegenster Einrichtung schnell verloren.
Sie geben mit der Architektur dieses Raums dessen Aufteilung vor?
Gerd Kallentin: Umgekehrt – die Nutzungsvorstellungen der Bauherren diktieren die Architekturidee. Ich fange immer mit der Küche an: Wer kocht wann für wen? Wer isst dann wo mit wem? Jeden Morgen? Und abends? Wie läuft es sonntags? Dazu kommt: Ein warmer Sommermorgen mit Frühstück auf der Terrasse verläuft naturgemäß anders als ein Familienfrühstück im Winter.
Wozu müssen Sie das alles wissen?
Gerd Kallentin: Mit der Küche ist ein Fixpunkt gesetzt. Von hier aus lassen sich erste Bewegungs- und Blickachsen für diesen wichtigen Raum festlegen. Mit der Anordnung der Fenstertüren zum Garten hängt die Ausbildung der weiteren Nutzungsbereiche zusammen:?Wo ist der beste Platz für ein großes, repräsentatives Sofa? Wieder die Frage nach drinnen und draußen:?Welche Ausblicke habe ich von diesem Sofa aus? Zur Küche, zum großen Esstisch mit den vielen Stühlen, raus bis ans Ende des Gartens – und an Winterabenden zum flackernden Kaminfeuer? Wir nehmen uns in dieser Phase viel Zeit für die Erkundung der zu erwartenden Lebensabläufe in diesem Haus. Wie wichtig ist die große Runde mit vielen Gästen? Wie läuft sie ab??Wie oft kommt sie vor? Gibt es eine berufsbedingt besonders intensive Nutzung bestimmter Funktionen an den Wochenenden, die zu berücksichtigen wären? Das sind extrem wichtige Vorarbeiten für das Funktionieren des Hauses: Man muss sich gedanklich auf jeden vorgesehenen Platz setzen, dessen Kommunikationspotenzial durchchecken und die Wirkungen für den Familienalltag prognostizieren:?Wenn jeder von seinen Tagespflichten auf Trab gehalten wird, muss eine Gelegenheit gegeben sein, wenigstens das Wochenende gemeinsam zu erleben. Da kann man als Architekt gar nichts falsch machen: Am Ende weiß man auch, wo der Eingang hinmuss.
Zur Straßenseite?
Gerd Kallentin: … aber an welcher Stelle des Hauses? Das wissen Sie erst, wenn die zentrale Achse des Hauses feststeht. Die Eingangssituation wird oft unterschätzt.?Sie bestimmt aber, welcher Eindruck vom Stil und von der Klasse des Hauses sich beim Betreten vermittelt.
Hängt der Eindruck von der Klasse eines Hauses nicht auch von der Raumhöhe ab? Die überkommenen Bauträger-Höhen von knapp 2,50 m folgen der Logik, möglichst viele Wohnetagen auf möglichst kleiner Grundfläche unterzubringen – das ist ja wohl das Gegenteil ambitionierter Einfamilienhausarchitektur.
Gerd Kallentin: So streitlustig würde ich das schon wegen immer noch gültiger baurechtlicher Vorgaben nicht formulieren – wenn es die örtlichen Bauvorschriften z. B. zu Traufhöhen zulassen, ist wegen der Proportionen für die angesprochenen großen Räume eine lichte Höhe von 3,00 m angemessen. Konsequenterweise folgen in unseren Planungen auch die Maße der Fenster und Türen den neuen Raumhöhen: 2,13 m statt der üblichen 2,01 m als Türhöhe wirkt hier einfach besser. Bodentiefe Fenster mit Rolläden sind heute 2,26 m bis 2,50 m hoch.
Große Glas- und Fensterflächen machen ein Einfamilienhaus unbestritten zum Erlebnis. Könnte man wenigstens hier sagen: Viel hilft viel?
Gerd Kallentin: Nein. Ein extremes Glashaus hat extreme Energieprobleme: Mal heizt es sich von der Sonne unerträglich auf, dann wieder muss man aufwändig zufeuern. Gerade an diesem Punk geht es ums Gefühl für das richtige Maß, für die richtige Stelle – und für gute Proportionen. Baurechtlich sind 1/8 bis 1/10 der Grundflächen für Glas vorgesehen. Das sagt erst mal nur, dass ein Wohnhaus sinnvollerweise mehr geschlossene Außenwände als Glasflächen hat, folgt aber sowohl energetischen Notwendigkeiten als auch dem uns allen innewohnenden Urinstinkt nach der Geborgenheit der schützenden Höhle.
Sie berufen sich auffallend oft auf das gebieterische Gesetz der Proportion. Gibt es das wirklich?
Gerd Kallentin: Selbstverständlich. Wie in der Physik die goldene Regel der Mechanik gibt es in der Architektur den goldenen Schnitt, wenn Sie so wollen eine der wenigen wissenschaftlich exakten Vorgaben für guten Geschmack. Damit lässt sich zum Beispiel das im Sinne der Wirkung auf den Betrachter „stimmige” Verhältnis zwischen Breite und Höhe finden.
Entsteht diese „stimmige” Wirkung nicht in erster Linie durch Symmetrie?
Gerd Kallentin: Das Auge sucht die Harmonie. Das kann auch auf dem einfachsten und direkten Weg durch Symmetrie erreicht werden. Muss aber nicht.
An Ihren Entwürfen fällt das gekonnte Spielen mit dem Nicht-Rechtwinkligen, oft auch mit runden Formen auf.
Gerd Kallentin: Es fasziniert mich immer wieder, welch überraschende Spannung eine überlegt platzierte Rundung in die naturgemäße Geradlinigkeit eines Hauses bringen kann. Die Treppe bietet sich dafür geradezu an. Das ist ein exklusives Architekturelement. In den meisten Häusern nur ein einziges Mal einsetzbar, so sollte man diesen Solitär auch behandeln. Das betrifft nicht nur die Platzierung, sondern auch die Wahl der Form und des Materials der Treppe. Die konventionelle Massivholztreppe finden Sie in den von uns gebauten Häusern kaum noch.
Nicht wenige Ihrer Pläne setzen auch außen auf Rundungen.
Gerd Kallentin: Das Viereckige als Grundform ist vom Zuschnitt der Grundstücke wie von der klassischen Erwartung der Bauherren in Ordnung. Als alleiniges Stilmittel aber auch schnell ausgereizt, langweilig. Es ist ja nicht neu, dass man seinen Stil durch einen gekonnt gesetzten Stilbruch nicht zerstört, sondern betont. So geht mir das mit den Rundungen in der Welt des Eckigen. Ich freue mich sehr, dass Viertelkreise für die Gestaltung der Terrassen unserer Häuser in den letzten Jahren immer beliebter werden. Das bringt nicht nur optisch eine gewisse Exklusivität, sondern erweitert auch die Nutzungsmöglichkeit des Sonnenlaufs für das Hausinnere.
Entwerfen Sie eigentlich auch ganz normale Einfamilienhäuser?
Gerd Kallentin: Wenn Sie damit austauschbar beliebige Einheits-architektur meinen – dafür sind wir nicht die Richtigen. Unsere Kunden sind Bauherren mit Ansprüchen, Ambitionen und tollen eigenen kreativen Ansätzen. Und auch bereit zu den notwendigen finanziellen Aufwändungen.
Was kostet bei Ihnen ein schlüsselfertiges Einfamilienhaus?
Gerd Kallentin: Im Schnitt 280.000 Euro. Reine Baukosten, also Nebenkosten für Anschlüsse, Genehmigungen und Gebühren sind nicht dabei. Die Kosten für den Grundstückserwerb auch nicht.
Wie groß sind die von Ihnen gebauten Häuser?
Gerd Kallentin: Ab 150 bis 250 Quadratmeter Wohnfläche, in neun von zehn Fällen mit Keller und Garage.
Das Rheinland, wo Sie die meisten Ihrer Häuser bauen, gilt als klassische Domäne konventioneller Landhäuser. Sind Krüppelwalmdach, Sprossenfenster, Klinkerfassade Architekturschnee von gestern?
Gerd Kallentin: Für unsere Kunden meist schon. Die anspruchsvollere Klientel sucht ein zeitgemäßes Haus in der Vorstadt. Ja, ein wenig exklusiv darf es ein. Modern, aber von gediegener Wertbeständigkeit. Weniger sollten Sie nicht verlangen. Jedenfalls nicht von uns.
Das Gespräch führte Peter Neumann, Foto: AKK Bauplanung
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