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Hinknien und Lächeln

Sinnliches Leben ist mehr als Sehen und Gesehenwerden: Wenn du über das Leben lächelst, ist die Hälfte des Lächelns für dein Gesicht und die andere Hälfte für das Gesicht eines anderen ...

Der Psychologe, Unternehmensberater und Bestsellerautor („Emotionale Intelligenz“) Daniel Goleman schildert in seinem Folgebuch „Soziale Intelligenz“ (2006) eine Szene aus dem Krieg im Irak, bei der auf irakischer wie amerikanischer Seite in Sekunden über Leben und Tod entschieden wurde: Eine Gruppe amerikanischer Soldaten nähert sich einer Moschee, um mit dem obersten Geistlichen der Stadt zu verhandeln. In der Annahme, die GIs wollten ihr religiöses Oberhaupt verhaften und die Moschee zerstören, sammelt sich rasch eine Menschenmenge. Hunderte Moslems umzingeln die Amerikaner, schreien und bedrängen die Soldaten. Jeden Augen blick kann die Lage außer Kontrolle geraten.

Oberstleutnant Chris Hughes greift in dieser Situation zum Megaphon und befiehlt seinen Männern: „Aufs Knie!“ Es bedeutet, sich mit einem Bein hinzuknien und die Waffe auf den Boden zu richten. Sein nächster Befehl: „Lächeln!“ Sofort verändert sich die Menschenmenge. Manche schreien immer noch, doch die meisten erwidern das Lächeln. Als Hughes seinen Männern befiehlt, sich langsam – weiter lächelnd – zurückzuziehen, klopfen einige Iraker den Soldaten sogar auf die Schultern ...

Hughes’ Sinne und Entscheidungen waren intakt. Sie hatten in diesem Fall einen kleinen Frieden bewirkt, manchem wohl das Leben gerettet. Hier wirkte etwas, das Psychologe Goleman an anderer Stelle seines Buches, ein tibetisches Sprichwort zitierend, so zusammenfasst: „Wenn du über das Leben lächelst, ist die Hälfte des Lächelns für dein Gesicht und die andere Hälfte für das Gesicht eines anderen.“

Schwedische Forscher fanden heraus, dass bereits der Anblick – ohne Sehen geht’s auch hier nicht – einer lächelnden Miene eine spiegelbildliche Reaktion jener Gesichtsmuskeln des Beobachters hervorruft, die den Mund zu einem Lächeln verziehen. Lächeln kann Lächeln auslösen oder wie Daniel Goleman bewusstmacht: „Lächeln hat gegenüber allen anderen Ausdrucksformen von Emotionen einen Vorteil: Das menschliche Gehirn hat eine Vorliebe für lächelnde Gesichter; es erkennt sie schneller und besser als Gesichter, die einen negativen Ausdruck haben ... Einige Neurowissenschaftler vermuten, das Gehirn habe ein System für positive Empfindungen, das immer in Bereitschaft sei und dafür sorge, dass man öfter guter als schlechter Laune sei und damit dem Leben positiver gegenüberstehe.“

Lachen als kürzester Weg zwischen zwei Gehirnen – eine gewinnende Idee. Die Irak-Episode zeigt aber noch etwas anderes. Vor der Moschee wären die Beteiligten ohne ihr Auge, ohne die Wahrnehmungsfähigkeit des Sehens verloren gewesen. Die vier anderen Sinnesorgane – Hören und Riechen, Schmecken und Tasten – hätten hier, auf sich gestellt, auf verlorenem Posten gestanden.

Und die Irak-Episode verdeutlicht die Wertigkeit im Konzert der fünf Sinnes organe: Sehen ist nicht alles, aber ohne Sehen bleibt sehr vieles im Dunkeln. Sehen zu können bedeutet Orientierung, Erkennen und Erkenntnis. Sehen hilft Situationen einzuschätzen, Sicherheit herzustellen, gesunden und angeborenen Angst-Reflex auszuleben, Augen-Weiden abzugrasen und sich an deren Blüten zu erfreuen. Sehen ermöglicht Genuss. Es versüsst das Leben, auch wenn uns manches, was wir zu Gesicht kriegen, sauer aufstößt.

Trotzdem: Die Welt, die für Menschen vor allem eine zwischenmenschliche Welt und in der unser Gehirn als geselliges Organ eingerichtet ist, bleibt einseitig mit der Gefahr von Langeweile, Fehlurteil und Verarmung, wenn Sehen unser Leben so dominiert, dass die anderen Sinne in eine Schat tenwelt gleiten. Solche Gefährdung lauert täglich. Und zwar umso mehr, je höher entwickelt die Gesellschaft sich wähnt: Moderne Welt ist Fernseh-Welt, eine Welt, von der T. S. Eliot schon 1963, am Beginn des TV-Zeit alters, bemerkte, Fernsehen ermögliche „Millionen Menschen, zur gleichen Zeit ein und denselben Witz zu hören und dabei dennoch einsam zu bleiben“. Eine Welt, in der wenig über Sehen und Gesehenwerden geht. Eine Veranstaltung, die durch das Internet jeden Tag bereichert, aber auch so getäuscht wird, dass etwa Briefeschreiben oder Gesprächeführen durch E-Mail-Schreiben zum nur noch vorgegaukelten Kontakt gerät.

Derartige Beobachtungen haben fast immer mit einer aus dem Gleichgewicht geratenen Sinnen-Welt zu tun. Mit einer Lebensbühne, auf der nur das Offensichtliche und Schau-Spielerische aufgeführt werden. Stehen solche Entwicklungen nicht Pate, wenn man – wie vorm jüngsten Fest – Kartengrüsse mit diesen Sinn-Wün schen erhält: „Wir wünschen Ihnen in diesem Jahr mal Weihnacht’, wie es früher war. Kein Hetzen zur Bescherung hin, kein Schenken ohne Herz und Sinn. Wir wünschen Ihnen eine stille Nacht, frostklirrend und mit weißer Pracht. Wir wünschen Ihnen ein kleines Stück von warmer Menschlichkeit zurück ...“

Dieser Wunsch ist Wunsch nach mehr Harmonie im Sinnes-Orchester, nach häufigeren Einsätzen von Wahrnehmungen jenseits des Auges. Daniel Goleman: „Harmonie entsteht nur im Kontakt mit anderen Menschen; wir erkennen sie daran, dass es sich gut anfühlt, mit einer bestimmten Person zusammenzusein, und dass der Austausch problemlos verläuft. Auch über diesen angenehmen, flüchtigen Augenblick hinaus ist dieser Zustand von Bedeutung. Wenn Menschen harmonieren, können sie gemeinsam größere Kreativität entfalten und besser Entscheidungen treffen, egal ob ein Paar einen Urlaub plant oder ob die Manager eines Unternehmens eine neue Geschäftsstrategie entwerfen.“

Solcher Austausch verläuft häufig nonverbal und geht über Auge und Schein, über den Augenschein hinaus. Ja, er findet früh im Leben ganz gleichwertig im Zusammenwirken mit dem Auge statt. Über Sinneszellen, die sowohl mit Geruch und Geschmack als auch mit Tasten und Hören verbunden sind.

Vergegenwärtigen wir uns eine Mutter-Baby-Situation. Goleman nennt sie in seinem Buch „Proto-Konversationen“ und schildert sie beispielhaft so: Bei der Kommunikation mit Babys finden die Proto-Konversationen „durch Blicke, Berührungen und den Wechsel im Tonfall statt. Mitteilungen werden durch Lächeln und gurrende Geräusche ausgetauscht und natürlich vor allem durch die sogenannte Babysprache des Erwachsenen. Die Baby sprache klingt eher wie ein Lied als wie gesprochene Sätze. Die Stimmmelodie und die melodischen Obertöne, derer sie sich bedient, sind kulturübergreifend, sie klingen immer gleich, egal ob die Mutter Chinesisch, Deutsch oder Englisch spricht. Babysprache ist immer verspielt und freundlich, wird in einer hohen Tonlage gesprochen (etwa bei dreihundert Hertz) und hat eine kurze, punktierte, sanft wiegende Intonation.“

Wie man sieht, wird der Sehsinn nicht ausgeklammert. Aber erst recht beschränkt sich die Mutter-Baby-Verbindung nicht auf ihn. Daniel Goleman: „Oft koordiniert die Mutter diese Art des Sprechens mit rhythmischem Streicheln oder Wiegen des Babys. Ihre Gesichts- und Kopfbewegungen sind synchron mit ihren Händen und ihrer Stimme, und das Baby reagiert darauf mit Lächeln, Gurren sowie Bewegungen von Kiefer, Lippen und Zunge, die im Einklang mit seinen eigenen Handbewegungen stehen.“

Der Autor schließt das Kapitel mit den Worten: „Gefühle sind nicht nur das zentrale Thema unserer Proto-Konversationen im Kindesalter, sie bilden auch die Basis unserer Kommunikation, wenn wir erwachsen sind. Der schweigende Dialog über Gefühle liefert das Fundament, auf dem alle Begegnungen aufbauen, und er ist das verborgene Ziel jeder Interaktion.“

Auch wenn man die Mutter-Baby-Beziehung kaum ohne Weiteres auf spätere Lebens phasen übertragen kann: Es geht nicht darum, dem Sehsinn seine Vorrangstellung abzusprechen. Es geht darum, die vier anderen nicht verkümmern zu lassen.Nicht sehen, sagt man, entfernt uns von den Dingen; nicht hören von den Menschen. Auch darin klingt die Ensemble-Bedeutung der Sinne an: Wer das Auge pflegt und die Zunge vernachlässigt, wer den Blick hätschelt und die Nase links liegen lässt, wer das Sehen hochhält und das Streicheln verlernt, verliert ein Stück Menschsein. Und verschenkt ein bisschen Seligkeit.

Ein Hamburger, seit 20 Jahren in München: Hans-Rudolf Schulz (48), Fotojournalist, unter anderem für

Ein Hamburger, seit 20 Jahren in München: Hans-Rudolf Schulz (48), Fotojournalist, unter anderem für "mein schönes zuhause 3"

*Auf den Punkt gebracht*

Welcher Ihrer fünf Sinne funktioniert bei Ihnen am besten?

Mein Geschmackssinn scheint besonders empfindlich zu sein, was im Restaurant aber nicht automatisch von Vorteil ist.

In welcher Situation haben Sie Ihre Sinne am meisten getrogen?

Die visuelle Wahrnehmung hat mich am häufigsten in die Irre geführt.

Welchen sechsten Sinn hätten Sie gern?

Stets alle 5 Sinne beieinander zu haben, ist für viele leider nicht selbstverständlich und genügt mir daher vollkommen.

Reiner Oschmann

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