Gefühl für Raum und Stil
Es gibt keine „schlechten” Baugrundstücke, sagt Architekt Gerd Kallentin selbstbewusst, sondern nur...
Die Villa ist die Königsklasse des Hausbaus. Eine Grande Dame, die sich neuen Zuspruchs erfreut, neuer Interpretation bedarf – und leichter Deutung entzieht.
Wenn einer auf der Suche nach dem angemessenen Namen für ein edles Gebäude ist und bereit, dafür sprachlich nach den Sternen zu greifen, fällt bald der Begriff „Villa“. Villa ist das Zauberwort für das Schöne, Erhabene, Unerreichbare. Und ewig Ersehnte.
Mit den Zeiten hat sich die Wahrnehmung der Villa in der Architektur wie in der Öffentlichkeit gewandelt. Der österreichische Architekt Hendrick Innerhofer (37), der mit Bruder Carsten (32) im Salzburger Land das Büro „Innerhofer oder Innerhofer Architekten“ zu internationalem Renommee geführt hat, verbindet seinen Respekt vor der Geschichte mit der Herausforderung an heutige Kreativität.
„Der Wunsch nach einer repräsentativen Wohnkultur und einer verfeinerten Lebensart ist ja legitim, die Frage nach der architektonischen Ausformulierung eine andere.“ Denn: „Historisch gesehen versteht man unter einer Villa das vornehme Haus auf dem Lande. Meist frei stehend, war die Villa ein Gebäudetyp, der einen gehobenen Lebensstandard ausdrückte und sich von den Bauernhöfen der Umgebung als Landsitz der bürgerlichen Stadtmenschen wohltuend abhob.“
Doch mit Blick auf hier und heute fordert der wunderbar rotmähnige, blauäugige und sommersprossige Baumeister: „Eine moderne Villa ist ein individueller Entwurf, der die Bedürfnisse des Bauherrn widerspiegelt – allerdings in einer zeitgemäßen Architektursprache, die nichts mit historisierender Vorstellung zu tun hat. Einen historisierenden Baustil einfach nachzubauen und ,zu tun, als ob’, ist für mich ein architektonisches Verbrechen und eine Bankrotterklärung der zeitgemäßen Architektur.“
Stadtvilla oder statt-Villa?
Andreas R. Becher (46) vom Berliner Architekturbüro „becher + rottkamp“, das wiederholt Auszeichnungen, zuletzt „Haus des Jahres 2003“ erhielt, teilt offenbar weithin diese Position, obwohl er nicht so drastisch formuliert: „Der Begriff der Villa und die damit verbundene Bauweise sind heute sicher ausgesprochen aktuell. Vor dem Hintergrund unserer gesellschaftlichen Entwicklungen einer aussterbenden Mittelschicht und zunehmenden Reichtums in der wohlhabenden Gesellschaftsschicht gewinnen Begrifflichkeiten und Statussymbole aus dem oberen Luxussegment zunehmend an Bedeutung. Die sogenannte Stadtvilla der 80er-Jahre (wir sagen gerne statt-Villa) in Form von Mehrfamilienhäusern im Stil der Postmoderne hat den Begriff der Villa zwar benutzt, verdient hat sie ihn nicht.“

Der zweigeschossige Baukörper dieser Villa in Berlin schließt an einen eingeschossigen Seitenflügel mit Dachterrasse an. Außenbündige Holz-Alu-Fenster und der Verzicht auf vorspringende Bauteile unterstreichen den kubischen Charakter.
Der Archetyp der Villa wurde nach den Vorbildern der Antike in der Renaissance von Andrea Palladio entworfen: die Villa La Rotonda (1566 bis 1570) auf einem Hügel außerhalb des italienischen Vicenza. Carsten, der jüngere der beiden Innerhofer-Brüder, weiß, dass der Begriff Villa „in den Köpfen der Menschen noch immer mit Vorgärten, Veranden, offenen Balkonen, Erker und Türmchen gleichgesetzt wird. Das hält er für falsch. „Der individuelle Entwurf eines zeitgemäßen Gebäudes ist das Ergebnis eines Zusammenwirkens verschiedenster Komponenten. Ökonomie, Technik, Wissenschaft, Ästhetik sowie die sozialen und kulturellen Errungenschaften sollten sich hier in Harmonie finden.“
„Nostalgie taugt nicht“
Bruder Hendrick bringt den neu erwachten Wunsch nach der Villa in Zusammenhang mit „Unsicherheit und Orientierungslosigkeit der Gesellschaft“. Die wecken Sehnsucht „nach der guten, alten Zeit, nach Bewährtem und überkommenen Werten“. Das verstehe er, halte aber nostalgische Wiederbelebungsversuche für untauglich.
Andreas R. Becher, der nach dem Architekturstudium in Paderborn unter anderem bei Prof. Otto Steidle in München arbeitete und in den USA seinen Master of Architecture machte, beobachtet, „dass sich die Nutzerschicht und die Ansprüche sicherlich nicht grundlegend geändert haben. Ich bin überzeugt, dass heute räumliche Elemente wie das Raucherzimmer, die Mädchenkammer, der Nebeneingang fürs Personal, die Ankleide etc. so aktuell sind wie vor 150 Jahren. Die architektonische Übersetzung dieser räumlichen Ansprüche bedarf jedoch einer Neuinterpretation. Eine Villa muss sich nicht aus klassizistischen Elementen zusammensetzen. Sie definiert sich nicht über traditionelle Gestaltungselemente wie Brokattapete und Marmorfußboden.“
Entwicklungsland mit D?
Architekt Becher fühlt sich erkennbar der klassischen Moderne verbunden, was auch die Entwürfe seines Büros auf diesen Seiten veranschaulichen. Diese Architektur bedarf in seinen Augen nicht der Begrifflichkeit des „Schmückens“. „Architektonische Elemente, die schmücken wollen, sind für mich inakzeptabel. Leider bedeutet Geld haben nicht zwangsläufig Geschmack haben. Eine Umsetzung des Villenbegriffs in eine zeitgemäße moderne Form, ist in Deutschland noch in der Entwicklungsphase. Traditionelle Villenformen im klassizistischen Baustilprägen sehr die Vorstellung von gehobenem Standard. In der Schweiz und Österreich ist man uns da ein ganzes Stück voraus.“
Die Innerhofers werden das nicht ungern hören. Le Corbusier, für die Brüder der bedeutendste Architekt des 20. Jahrhunderts, habe eine Villa mit zeitgemäßen Zutaten geschaffen, nämlich „das Haus auf Säulen, den Dachgarten, den freien Grundriss, die freie Fassade, das lange Fenster“. Befragt nach drei herausragenden europäischen Villen-Beispielen, nennt Hendrick Innerhofer Palladios La Rotonda, die Villa Savoye von Le Corbusier und setzt listig hinzu: „Die Villa des 21. Jahrhunderts muss erst noch gebaut werden.“
Als ob du schwebst
Die Innerhofers haben Vorstellungen, wohin die Villen-Reise gehen müsste: „Eines der wichtigsten Essentials war immer der Bezug in die umgebende Landschaft oder in den schönen Garten. Weit auskragende bauliche Elemente, die dem Hauptbaukörper zugeordnet werden, schaffen angenehme Zwischen-Räume, um Außen und Innen verschwimmen zu lassen.“ Carsten Innerhofer: „Ein aufgeständerter Baukörper, ob am Hang oder in der Ebene, gibt dem Haus Leichtigkeit, eine schwebende Wirkung, er schafft neuen Raum und kann sogar den Garten unter dem Haus fortsetzen oder gedeckte und geschützte Außenflächen schenken.
Oft besteht die Chance, über Dachgärten und Flachdachbereiche zusätzliche Außenflächen als Sonnenterrassen oder Aussichtsplateaus zu nutzen, um die schöne Umgebung einzufangen. Der Dachgarten wird gerade in der Stadt zu einem beliebten Aufenthaltsbereich und bedeutet Rückgewinn der bebauten Fläche.“
Andreas R. Becher hält auch heute das Bedürfnis von Bauherren für gerechtfertigt, ihre „gesellschaftliche Stellung innerhalb einer Gemeinschaft nach außen zu tragen“. Aber: „Als Standort hat das klassische Wassergrundstück am See wohl eher ausgedient. Es gilt, den Haustyp und die damit verbundenen Fantasien und Ansprüche in die heutige Zeit zu übersetzen. Sicherlich muss man sich hier von der Vorstellung des ausschließlich frei stehenden Objektes lösen und den Haustyp für innerstädtische Lagen neu interpretieren.“ Auf die Frage nach dem ästhetischen und emotionalen Gewinn, die eine Villa bieten könne, wolle er mit Ingvar Kamprad gegenfragen: „Wohnst du noch oder lebst du schon?“
Reiner Oschmann
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