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Design oder nicht sein

Vor den Erfolg haben die Götter heute vielleicht auch den Schweiß, vor allem jedoch Design gesetzt. Form zählt oft mehr als Inhalt, Hype mehr als Hirn. Und der ausgezeichnete Öko-Designer Günter Horntrich zweifelt nicht daran, dass eines der häufigsten Produkte, das im Namen von Design entsteht, Umwelt­verschmutzung ist.

Wie kann man Freiheitsgefühl in einem individuell-intimen Raum, wie ihn das Bad darstellt, verstärken? Wie die Funktionen teilen, wie die räumliche Kontinuität bewahren?  Dies waren einige Fragen, die sich das Team von Prof. Horntrich stellte.

Wie kann man Freiheitsgefühl in einem individuell-intimen Raum, wie ihn das Bad darstellt, verstärken? Wie die Funktionen teilen, wie die räumliche Kontinuität bewahren? Dies waren einige Fragen, die sich das Team von Prof. Horntrich stellte.

Prof. Günter Horntrich, ein ruhiger Mann mit klugem, leicht melancholischem Blick und ohne überbordende Hoffnung auf die Dauerhaftigkeit des Guten im Menschen, stammt aus Pforzheim. Er studierte Industriedesign, ist mehrfach mit hohen Auszeichnungen geehrt worden und war in Deutschland der Erste, der – an der Köln International School of Design (KISD) – einen Lehrstuhl in der Paarung „Ökologie und Design“ erhielt. Prof. Horntrich begründete das Netzwerk „yellow design I yellow circle I yellow too“. Berühmt gewordene Entwürfe wie der Pelikan-Malkasten und Füllfederhalter für Kinder oder Navigationsgeräte für Falk stammen von ihm. Für das Komplettbad-System „SensaMare“ von HOESCH, das diese Seiten illustriert, wurde sein Team im Jahre 2008 mit dem „if gold award“ und dem „red dot: best of the best“ belohnt, Letzteres eine Auszeichnung, die unter 3.203 Exponaten aus aller Welt insgesamt nur 50-mal verliehen wurde.

Was, denken Sie, hat den Juroren am „SensaMare“ besonders gefallen?

Günter Horntrich: Ich glaube, das Konzept der Kontraste, das wir in der Formfindung und in der Materialgebung gewählt und durchgehalten haben.

Prof. Günter Hontrich

Prof. Günter Hontrich

Was genau meinen Sie damit?

Günter Horntrich: Wir haben uns davon leiten lassen, dass zu einem gesunden Lebensstil nicht nur der gelegentliche Ausflug in eine Wellness-Oase gehört, sondern vielmehr vor allem im Alltag Zeit für Sinnlichkeit und Aktivität, Gesundheit und Entspannung bleiben muss. Das Bad ist dafür ein wunderbarer Ort. Wenn seine Planung die Bedürfnisse und Sehnsüchte aufnimmt, gibt es wenige Orte, an denen man mehr als hier ganz bei sich ist.

Das Konzept der Kontraste, mit dem wir Frische, Klarheit und Haltbarkeit erzeugen wollten, bezieht sich auf den Materialkontrast von Holz, Acryl und Edelstahl, auf die für Auge und Haut wohltuende Materialkombination etwa aus Echtholzfurnier und Naturschiefer sowie auf den Kontrast von weicher, runder Außen- und geradliniger Innenform – zu sehen an der Ovalwanne mit ihrem geradlinigen Einlegeboden in wasserbeständigem Echtholz. Oder beim ovalen Aufsatzwaschbecken aus Acryl, das in einem reizvollen Kontrast zum zweiteiligen rechteckigen Waschtisch in Echtholzfurnier Doussie oder Naturschiefer steht.

Die Form muss für Sie also nicht allein der Funktion folgen?

Günter Horntrich: Doch, doch, aber das wird bei der Formgestaltung nach meiner Ansicht manchmal zu eng ausgelegt. Esprit und Emotion bleiben dabei mitunter auf der Strecke. Das ist bedauerlich, weil gerade beim Designen der Mensch im Mittelpunkt stehen und die erste Aufmerksamkeit nicht Materialien, Oberflächen und formaler Originalität gelten sollte.

Das „SensaMare“ ist geworden, wie es ist, weil wir uns den Menschen im Bad, kein abstraktes Bad, vorgestellt haben. Wir denken, dass es damit ein Klassiker werden könnte. Letztlich haben wir das Bad wie Architektur betrachtet, obwohl ich weiß, dass manche Architekten nach wie vor Dünkel gegenüber Design und Designern haben. Das führt bisweilen aber auch zu abschreckenden Lösungen. Nehmen Sie bloß den modernen Fernbahnhof Waterloo Station in London: Norman Foster hat ihn mit einem grandios gewölbten Glasdach versehen, doch zum Putzen des Daches muss der Betreiber italienische Bergsteiger einfliegen ...

Von einem guten Designer erwarten Sie mithin Wachhund-Aufgaben?

Günter Horntrich: Ja. Ein guter Designer ist kein Erfüllungsgehilfe der Wirtschaft, kein Minenhund für das Management. Er ist zuallererst Anwalt der Verbraucher. Ein Mensch, der lieber zu früh als zu spät aufschreit: „Menschenskind, wie könnt ihr bloß so was machen!“ Heute muss ein Designer oft eher etwas verhindern, als dem Überfluss an Formen und Fassaden weitere Entbehrlichkeiten hinzuzufügen. Mein Kollege Matteo Thun, einer der erfolgreichsten Architekten und Designer, sagt: „Design bedeutet Zeichen setzen. Ob wir mit dem 500. Stuhl noch ein Zeichen setzen?“

„Das Konzept der Kontraste, mit dem wir Fri­sche, Klarheit und Haltbarkeit erzeugen wollten, bezieht sich auf den Material­kontrast von Holz, Acryl und Edelstahl, auf die für Auge und Haut wohltuende Mate-    r­i­al­kom­bination sowie auf den Formen­

„Das Konzept der Kontraste, mit dem wir Fri­sche, Klarheit und Haltbarkeit erzeugen wollten, bezieht sich auf den Material­kontrast von Holz, Acryl und Edelstahl, auf die für Auge und Haut wohltuende Mate- r­i­al­kom­bination sowie auf den Formen­

Warum gibt es diesen Design-Overkill und was bewirkt er?

Günter Horntrich: Er löst Überdruss an Überfluss und Überflüssigem aus, und er verändert allmählich die Märkte. Erinnern Sie sich: Vor Jahrzehnten hatten wir reine Verbrauchsmärkte, auf denen die Nachfrage größer als das Angebot war. Da ging alles weg, auch ohne Design. Heute haben wir den Sättigungspunkt mehrfach erreicht. Auf allen Gebieten zu viele Kochtöpfe! Jedes Unternehmen ist auf der ewigen Suche nach neuen Nischen, im ewigen Kampf um die Schaffung einer Marke, die es aus dem Meer der Masse heraushebt.

Diese Produktdominanz und die möglich gewordene bedarfsgenaue Segment-Produktion eröffnen andererseits neue Chancen und neue Nachdenklichkeit: Was ist wichtiger – der Schnuller oder das Gesicht des Babys? Manche Schnuller sehen im Gesicht einfach verheerend aus! Da entsteht eine neue Unduldsamkeit gegenüber solcher Art Umweltverschmutzung.

Was hat das mit Ihrem Entwurf des „SensaMare“-Komplettbades zu tun?

Günter Horntrich: Industrial Design ist professionell das zielgerichtete Analysieren von Zielgruppen, Produktwelten und gesellschaftlichen Strömungen. Auf dieser Ebene des gestalterischen Arbeitens, also der Designertätigkeit, wird nicht mit glücklichen Momenten der Muse und Inspiration gearbeitet, sondern durch strategisches Denken und durch folgerichtige Umsetzung der Erkenntnisse ein punktgenaues Ergebnis erreicht. Insofern ist das Konzept der formalen Kontraste keine Konsequenz der Inspiration, sondern der gezielten Selektion.

Füllfederhalter „Ductus“ für Pelikan

Füllfederhalter „Ductus“ für Pelikan

Mehr Ausdünstung als Eingebung, mehr Transpiration als Inspiration?

Günter Horntrich: Ohne Frage! Deshalb heißt mein Credo ja auch: Ein schäbiges Kamel trägt die Last vieler Esel.

Das überrascht nun aber doch. Viele stellen sich unter Stardesignern bunte Vögel wie Karim Rashid vor, die auf dem Höhenflug der Ideen nur selten Rast brauchen.

Günter Horntrich: Das kann und will ich nicht bestätigen. Gutes Design verändert die Welt nicht, leistet aber einen Beitrag zum zivilisatorischen Fortschritt. Gutes Design ist nur dann gut verankert, wenn es zur Chefsache in einem Unternehmen wird und sich nicht aufs Produktmanagement beschränkt. Es ist Chefsache, die kulturelle Identität eines Unternehmens, den Gencode einer Firma zu sichern. Design-Klassiker wie der „Lounge Chair“ von Charles Eames sind seit über 50 Jahren auf dem Markt und durch Zeit, Haltbarkeit und Glaubwürdigkeit des Entwurfs zum Klassiker geworden. Das sagt mehr als Begriffe wie „Kreativität“, die bei uns sowieso verpönt sind. Sie sind nichtssagend und oft genug nur Alibi für die Verweigerung harter Arbeit. Eine rote Küche mag man „kreativ“ nennen, aber wenn man auf ihren Oberflächen die Tomate nicht mehr sieht, ist das Versetzungsziel verfehlt.

Kinder-Farbmalkasten „rondini“, gleichfalls für Pelikan

Kinder-Farbmalkasten „rondini“, gleichfalls für Pelikan

Wie wird das Bad der Zukunft aussehen?

Günter Horntrich: Es wird – wie im „SensaMare“ – auf den ersten Blick weniger sein, nicht mehr: weniger Komplexität, weniger Objekte, weniger Unruhe. Dafür wird der Grad der Integration steigen, Objekte von hoher Schlichtheit werden eine Vielzahl von Funktionen beinhalten, werden intuitiv bedienbar sein sowie den Komfort und das Bad-Erlebnis intensivieren.

Welche Herausforderung erwächst daraus für den Designer?

Günter Horntrich: Die ganze Welt und ganz gewiss Europa leben im demografischen Wandel mit immer neuen Forderungen nach „geeigneten Produkten für ältere Menschen“. Es geht in der Regel aber nicht in erster Linie um neue, sondern um gute Produkte. Wenn das gelingt, sind sie für Junge und Alte gut! Deswegen dürfen beispielsweise Handys nicht zu klein werden; unsere Hände sind ja auch nicht kleiner geworden. Warum muss eine Handy-Tastatur wie ein Surfbrett aussehen, warum sollten Handytasten in Mulden liegen statt ergonomisch, also erhaben, zu sein?

Was meinen Sie, zu wie viel Prozent trägt gutes Design zum Produkterfolg bei?

Navigationsgeräte für Falk, hier Vorder- und Seitenansicht der F-Serie

Navigationsgeräte für Falk, hier Vorder- und Seitenansicht der F-Serie

Günter Horntrich: Bei Konsumgütern sicherlich zu mehr als 50, bei Investitionsgütern bestimmt noch zu 20 Prozent – Tendenz steigend. Auch diese Erzeugnisse werden sich immer ähnlicher, sodass Design zunehmend Killerkriterium für den Verkauf wird.

Das aber macht den Designer objektiv immer wichtiger.

Günter Horntrich: ...und verantwortungsvoller! Mein Verständnis von Design hat weniger mit Manufaktur als mit der Fertigung von intelligenten, schönen und – nicht zuletzt – langlebigen Massenprodukten zu tun. Das schließt immer öfter die Aufgabe ein, optische Umweltverschmutzung und die Herstellung überflüssiger Dinge zu verhindern. Gute Designer werden in diesem Sinne zu Hütern des Grals – oder wie Luigi Colani, der viel fürs Design getan hat, sagt: Gutes Design ist wie Underberg: „Es tut gut – und stößt auf.“

Spricht jetzt mehr der Ökologe?

Günter Horntrich: Der Designer, der sich müht, auf der Höhe der Zeit zu sein. Produkte müssen nicht nur hübsch sein, sondern im Gegenteil dadurch langlebig werden, dass sie keinem Modetrend gehorchen. Eine Bohrmaschine wird nur fünfmal im Jahr gebraucht, trotzdem hat jeder eine im Keller. Bohrmaschinen sollten nicht mehr massenhaft an Einzelne verkauft werden müssen, sondern am Kiosk ausgeliehen werden können. Dazu müsste das Stück so designt sein, dass es robust und langlebig, leicht zu bedienen und zu reparieren ist. Das würde Produktgestaltung und Warenwelt verändern, hat aber mit „Jute statt Plastik“ nichts zu tun. Erlebnisgesellschaft und Hedonismus wandeln individuelles Verhalten. Sie befördern die Produktästhetik zur Verhaltensästhetik – oder wie ich sage: Es kommt darauf an, den Nutzen zu gestalten, nicht das Besitzen.

Auch damit holte der Professor Preise

Reiner Oschmann